Analyse
Historische Sprinterinnen, lernende Zukunftshoffnungen, prominente Ausgestossene und neue Mitbewerber

Neben den Highlights von Mujinga Kambundji und Ajla Del Ponte gab es für die Schweizer Leichtathletik in und rund um die Sommerspiele in Tokio auch kleinere und grössere Enttäuschungen. Eine Analyse.

Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder
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Ajla Del Ponte und Mujinga Kambundji sind als kongeniales Sprintduo in der absoluten Weltspitze angekommen.

Ajla Del Ponte und Mujinga Kambundji sind als kongeniales Sprintduo in der absoluten Weltspitze angekommen.

Ulf Schiller / Keystone

Die Erleuchtung zuerst. Wenn die Schweizer Leichtathletik an den Olympischen Spielen in Tokio Geschichte geschrieben hat, sind dafür zwei Athletinnen hauptverantwortlich: Mujinga Kambundji und Ajla Del Ponte. Die beiden Sprinterinnen gehören nun zu den weltweit besten acht auf ihren Strecken. Kambundji schaffte in ihren drei Disziplinen die Finalqualifikation und mindestens je einen Schweizer Rekord. Del Ponte ist neu die schnellste Frau der Schweiz und Inhaberin des nationalen Rekords über 100 m. Als Teamleaderinnen der Schweizer Staffel sorgte das Duo auch dafür, dass olympische Medaillenträume in der Leichtathletik auf einmal real werden könnten.

Zu einer Medaille reichte es letztlich nicht. Dies lag im Fall der Schweizer Sprinterinnen vor allem an den Gegnerinnen. Nie ist das Niveau in der Leichtathletik höher als bei Olympischen Spielen. Diese Tendenz war 2012 in London sowie 2016 in Rio auszumachen und sie verstärkte sich erneut. Was in Tokio an Welt-, Kontinental-, Landes-, olympischen oder persönlichen Rekorden erzielt wurde, gibt zu denken. Ob ein perfekter Formaufbau, die technische Entwicklung oder anderes dahinter steckt, ist schwierig zu beurteilen. Ganz wohl ist einem ob der Rekordflut jedoch nicht.

Auch in der Schweizer Leichtathletik gab es im Zusammenhang mit Olympia Vorkommnisse mit schalem Beigeschmack. Mit Kariem Hussein und Alex Wilson landeten zwei Aushängeschilder kurz vor ihrem geplanten Auftritt in den Dopingschlagzeilen anstatt in Japan. Welche Kausalhaftung dies auslösen kann, zeigten Reaktionen von durchaus renommierten ausländischen Journalisten in den Sozialen Medien auf die Exploits von Del Ponte und Kambundji. Anstatt die besten Europäerinnen im Sprint abzufeiern, erinnerte man mit Warnfinger an deren dopende Landsleute.

Während Wilson und Hussein aus der imposanten Olympiadelegation der Schweizer Leichtathletik - 16 Frauen und 8 Männer kamen letztlich zum Einsatz - ausgestossen wurden, feierten einige junge Athletinnen und Athleten ihre Premiere. Herausragend war keiner der jungen Wilden. Persönliche Bestleistungen blieben ausserhalb des Sprints aus. Lehrgeld bezahlen lautete für zu viele das olympische Motto. Sechsmal reichte es immerhin in einen Halbfinal. Nach den Einsätzen blickte man jedoch vielfach in enttäuschte Gesichter.

Der Weg der Schweizer Leichtathletik in den vergangenen zehn Jahren bleibt beeindruckend. Tokio hat jetzt einigen gezeigt, wo aktuell ihre Grenzen liegen. Dass sie trotz ultraschneller Laufbahn und Innovation des Schuhwerks ihr eigenes Limit kaum erreichten, ist ein Wermutstropfen.

Der zweite olympische TV-Renner neben der Leichtathletik entwickelt sich neuerdings auch in der Schweiz zum Quotenhit. Denn die Schwimmer gruben den Leichtathleten fast ein wenig das Wasser ab. Der Zahlenvergleich belegt es: 10 zu 2 Schweizer Rekorde, 7 zu 6 Halbfinal-Qualifikationen, 2 zu 0 Medaillen. Glücklicherweise steht die Leichtathletik in der Schweiz nicht in Konkurrenz zum Schwimmen. Ajla Del Ponte und Noè Ponti trainieren in Tenero lediglich durch einen Zaun getrennt. Fördergelder erhalten sie unabhängig vom Erfolg des anderen. Weil sich Schwimmen und Leichtathletik als Kernsportarten das TV-Schaufenster bei Olympia fein säuberlich aufteilen, darf man sich künftig sogar auf durchgehende Schweizer Action in den grossen Olympiastadien freuen. Dass die sieben Schwimmer in Tokio allesamt ihr bestes persönliches Niveau erreichten, dies hingegen in der Leichtathletik einem Drittel der Teilnehmern klar nicht gelang, ist für Letztere trotz der Weltklasse-Auftritte im Sprint ein Tolggen im Reinheft.

Für die Leichtathletinnen hat es nicht gereicht, aber diese Sportlerinnen und Sportler haben der Schweiz in Tokio Medaillen beschert – klicken Sie sich durch unsere Galerie:

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... und bejubeln am Ende die Bronzemedaille. Einmal mehr gilt: Es ist eine historische Medaille, denn nie zuvor hat es ein Schweizer-Frauenduo bei Olympischen Spielen im Beachvolleyball aufs Treppchen geschafft.

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