Analyse
Die Olympischen Spiele in Japan werden politisch – und das ist gut so

Das Internationale Olympische Komitee freut sich nicht über Negativschlagzeilen. Aber sind diese zwei Vorkommnisse bei den Sommerspielen in Tokio letztlich nicht sogar positive Geschichten?

Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder
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Sport kann die Welt verändern! Diese gebetsmühlenartig wiederkehrenden Worte so manchen hochdekorierten Funktionärs werden oft und deutlich als naive und blauäugige Träumereien kritisiert. Ausgesprochen von sich grenzenlos überschätzenden Personen aus dem Paralleluniversum Sport. Doch so falsch ist der Gedanke gar nicht, dass der weltgrösste Jahrmarkt sportlicher Inszenierungen – die Olympischen Spiele – mithelfen kann, die Augen auf Dinge zu richten, die ungerecht sind und die falsch laufen.

Die Olympischen Sommerspiele in Tokio bieten derzeit Anschauungsunterricht. Da meldet sich eine junge weissrussische Leichtathletin am Montagabend mit einem dramatischen Appell vom Flughafen, sie sei von Mitgliedern der Delegationsleitung entführt worden und solle gegen ihren Willen zurück in die Heimat gebracht werden. Ihre Bahn im fünften Vorlauf über 200 m blieb leer.

Kristina Timanowskaja weigerte sich, ins Flugzeug Richtung Minsk zu steigen, übernachtete von der Polizei bewacht in einem Flughafenhotel und erhielt am Tag darauf politisches Aysl in Polen. Derweil soll der Ehemann der 24-Jährigen und das gemeinsame Kind in die Ukraine geflüchtet sein. Wie gross die Solidarität mit der Sportlerin war, zeigt die Tatsache, dass gleich mehrere osteuropäische Staaten Timanowskaja Asyl angeboten hatten.

Kristina Timanowskaja in der polnischen Botschaft.

Kristina Timanowskaja in der polnischen Botschaft.

Keystone

Fast gleichzeitig nutzte die zweitplatzierte US-Kugelstösserin Raven Saunders die Siegerehrung dazu, mit gekreuzten Armen an die Solidarität für alle Menschen zu erinnern, welche auf dieser Welt unterdrückt werden. Ob die in der Heimat als Aktivistin für die Anliegen der «People of Color» und gegen die Diskriminierung in der sexuellen Orientierung bekannte Sportlerin dabei explizit auch an die Uiguren in China dachte, weiss man nicht. Zumindest wartete die 25-Jährige mit ihrer Geste «aus Respekt» zu, bis die Nationalhymne für ihre siegreiche chinesische Konkurrentin Gong Li beendet war.

Raven Saunders protestiert auf dem Podest gegen die Unterdrückung von Minderheiten.

Raven Saunders protestiert auf dem Podest gegen die Unterdrückung von Minderheiten.

Bilder: Keystone

Für das Internationale Olympische Komitee sind es zwei heisse politische Eisen. Zumindest hat das IOC nach langen Jahren der Anbiederung gegenüber dem weissrussischen Regime in den vergangenen Monaten eine gewisse Konsequenz an den Tag gelegt – was man nicht von jedem Sportverband behaupten kann.

Drei führenden Personen des nationalen Sport-Dachverbands wurde eine Akkreditierung für Tokio verweigert. Die Wahl von Viktor Lukaschenko, des Diktators ältester Sohn, zum Präsidenten des Verbandes wurde nicht anerkennt. Auch im Fall der geflüchteten Leichtathletin stellten sich die Olympiamacher konsequent hinter die Sportlerin. Noch am späten Montagabend sagten ihr Funktionäre des IOC die volle Unterstützung zu.

Schwieriger tun sich die Herren der fünf Ringe mit den friedlichen Athletenprotesten. Sie sind bei Siegerehrungen explizit untersagt und verlangen im Fall von Raven Saunders eine Untersuchung der Disziplinarkommission. Da aber sowohl der olympische Verband der USA wie auch der internationale Leichtathletik-Verband einen solchen «Ausdruck der Unterstützung sozialer Gerechtigkeit» tolerieren, steht das IOC trotz klarer Regeln auch in Sportkreisen mehr im Gegenwind, als dass es ihm lieb ist. Die «Bestrafung» Saunders wird wohl erst Wochen nach Olympia passieren und ihr nicht weh tun, vermutet ein IOC-Insider.

Die Anführer des IOC sollten den Aktionen der vergangenen 24 Stunden mit einer Portion Gelassenheit begegnen. Und sich ob ihrer Wirkung freuen, auch wenn es nicht die auf Hochglanz polierten Nachrichten sind, dass durch Olympia verfeindete Staaten gemeinsame Teams bilden oder Nationen ihre kriegerischen Handlungen zugunsten des olympischen Friedens unterbrechen.

Vielleicht sind gekreuzte Arme auf dem Podest oder die spektakuläre Flucht einer unterjochten Sportlerin letztlich sogar die stärkere Botschaft, dass der Sport tatsächlich Dinge verändern kann. Weil die ganze Welt hinschaut und den Hut zieht vor dem Mut von Kristina Timanowskaja oder Raven Saunders.

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