Ein kurzer Besuch zu Hause in Steffisburg liegt nicht mehr so einfach drin. Seit 2011 spielte Ana-Maria Crnogorcevic für den FFC Frankfurt und gewann mit dem Klub 2015 die Champions League. Wenn immer es die Zeit erlaubte, reiste sie in die Schweiz zur Familie.

Doch ab sofort sind es nicht mehr 450 Kilometer, die Crnogorcevic von ihren Liebsten trennen, sondern einige 1000. Die 27-Jährige hat bei den Portland Thorns in den USA einen Einjahresvertrag unterschrieben.

Doch nicht nur die Nähe zur Familie wird der Nationalspielerin fehlen. Auch Frankfurt wird Crnogorcevic vermissen: «Das Team, die Fans und alle Leute, mit denen ich zu tun hatte, werden mir fehlen.»

Fast genauso schwierig wie der Abschied von geliebten Menschen, falle ihr aber noch etwas anders: «Ich liebe die tollen Restaurants in Frankfurt. Mein Lieblingslokal ist ein Steakhouse. Ich bestelle nirgends sonst ein Steak, weil es nie so gut ist wie in diesem Lokal», sagt die schweizerisch-kroatische Doppelbürgerin.

Steak – es ist die richtige Vorliebe für jemanden, der bald in die USA zieht. «Ja, in Portland werde ich den Steakhäusern wohl noch eine Chance geben, ich war ja noch nie da», sagt sie und lacht.

Vor 20 000 Fans

Einmal in den USA zu spielen, im Land der amtierenden Weltmeisterinnen, sei schon immer ihr Traum gewesen. Mit Portland-Trainer Mars Parsons stehe sie schon seit gut zwei Jahren in Kontakt.

Zudem ist Nadine Angerer, eine ehemalige Teamkollegin der Schweizerin, Mitglied des Trainerstaffs beim Meister in der National Women’s Soccer League. «Ich freue mich wirklich sehr auf dieses Abenteuer», sagt Crnogorcevic, die schonüber 100 Mal für die Schweizer Nationalmannschaft aufgelaufen ist und 50 Tore erzielt hat.

Die Schweizerin Ana-Marie Crnogorcevic, rechts, bedrängt die Torhüterin von Weissrussland Natalia Voskobovich, links, beim Fussball WM-Qualifikationsspiel Schweiz gegen Weissrussland in Schaffhausen.

Die Schweizerin Ana-Marie Crnogorcevic, rechts, bedrängt die Torhüterin von Weissrussland Natalia Voskobovich, links, beim Fussball WM-Qualifikationsspiel Schweiz gegen Weissrussland in Schaffhausen.

Doch was fasziniert die Steffisburgerin an den USA? «Der Frauenfussball dort hat einen ganz anderen Status, als in Europa», erklärt sie. Die Besucherzahlender Spiele unterstreichen das: Währenddie durchschnittliche Zuschauerzahl bei einem Frauen-Champions-League-Spiel knapp 2000 beträgt, kommen in den USA im Schnitt über 5000 Fans in die Stadien.

«Vor allem Portland ist für die grosse Fanbase bekannt», sagt Crnogorcevic. Durchschnittlich 18 000 Fans unterstützen die Thorns bei einem Ligaspiel. Das erste Heimspiel der neuen Saison gegen Orlando Pride am 15. April wird mit über 20 000 Zuschauern ausverkauft sein.

Neben der Atmosphäre freue sie sich auf die Herausforderungen, die der Wechsel mit sich bringt – auf und nebendem Fussballplatz: «Ich glaube, die erstegrosse Challenge wird die Sprache sein», erzählt Crnogorcevic schmunzelnd. Sie spreche und verstehe zwar Englisch, Verbesserungspotenzial sei aber allemal vorhanden.

Auch das Spiel an sich sei anders als in Europa: «Im amerikanischen Fussball wird viel mehr Wert auf die Athletik gelegt. In Europa steht mehr die Technik im Fokus.» Der Wechsel in die USA wird also weit mehr als nur einen Trikotwechsel sein. Sorgen würde sie sich aber trotzdem keine machen: «Ich bin hauptsächlich aufgeregt und voller Vorfreude.»

Nach der Saison ist alles offen

Mit dem Team, zu dem sie vorerst für eine Saison wechselt, will die Rekordtorschützin der Schweizer Nationalmannschaft die Meisterschaft und die darauffolgenden Playoffs gewinnen. «Ich hoffe natürlich, mit möglichst viel Einsatzzeit meinen Beitrag zum Erfolg leisten zu können.»

Nach der Saison könne sie sich vorstellen, nach Europa zurückzukommen. Auch eine Rückkehr zum FFC Frankfurt sei nicht ausgeschlossen. «Ich habe sieben wundervolle Jahre in Frankfurt verbracht, eine Rückkehr wurde schon mal angesprochen. Fix ist aber noch gar nichts. Vielleicht gefällt es mir in den Staaten so gut, dass ich bleibe, wer weiss.»

Im Moment konzentriere sie sich jedoch darauf, sich in der Stadt an der amerikanischen Westküste einzuleben: «Portland ist sehr grün, ich habe gehört, man könne super wandern.» Für die Meisterschaft reise sie zudem im ganzen Land umher.

«Manchmal haben wir drei Tage Aufenthalt an einem Ort, davon ist sicher ein halber Tag Freizeit. Ich werde nebenbei auch ein bisschen die USA entdecken und das wollte ich schon immer», freut sich Ana-Maria Crnogorcevic.