Doping
An der Tankstelle entlarvt, von der Tankstelle gerettet: Deshalb erinnern sich Finnen ungern an letzte WM

Am Mittwoch fiel in Lahti der Startschuss zur nordischen Ski-WM. Die letzten Titelkämpfe in der siebtgrössten Stadt Finnlands bescherten dem Gastgeber 2001 den grössten Skandal in der Geschichte des Landes.

Rainer Sommerhalder
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Zuerst Helden für Finnland mit Gold in der Staffel, Tage später Schande für ihr Land mit positiven Dopingproben: JanneImmonen, Harri Kirvesniemi und der inzwischen verstorbene Mika Myllylä (v.l.). Keystone

Zuerst Helden für Finnland mit Gold in der Staffel, Tage später Schande für ihr Land mit positiven Dopingproben: JanneImmonen, Harri Kirvesniemi und der inzwischen verstorbene Mika Myllylä (v.l.). Keystone

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Für viele Finnen stürzt 2001 eine Welt ein. Die Bedeutung des nordischen Skisports im skandinavischen Land ist riesig, die Stars der Szene haben Heldenstatus. Die grosse Party für die Heim-Weltmeisterschaft 2001 ist dementsprechend pompös angerichtet. Das Timing scheint perfekt, die einheimischen Naturburschen befinden sich in absoluter Topverfassung. Und sie enttäuschen nicht, heimsen Medaille um Medaille ein. Doch dann der lähmende Schock: der grösste Dopingskandal in der Geschichte des Langlaufs. Eine Geschichte in sieben Kapiteln:

Kapitel 1: Die Spritzen

Nach der Rückkehr vom Weltcup in Estland vergisst Juha-Pekka Turpeinen, der Teamarzt der finnischen Langläufer, fünf Tage vor der WM die Tasche mit Doping-Utensilien und Spritzen an einer Shell-Tankstelle in Tikkurila nahe des Flughafens von Helsinki. Die Tankstellen-Betreiber übergeben die Tasche einige Tage später als verlorenes Gut an die Polizei. Diese informiert den Teamarzt während der WM über den Fund.

Turpeinen behauptet, keine Kenntnis über den Inhalt zu haben. Einen Tag später holt Cheftrainer Kari-Pekka Kyrö die Tasche auf der Polizeistation ab. Doch der Schaden ist längst angerichtet. Die grösste finnische Tageszeitung schreibt über den Fund der Tasche und bringt den Verdacht auf systematisches Doping im finnischen Langlaufteam an die Öffentlichkeit.

Kapitel 2: Die WM

Bereits am ersten WM-Tag liefert Jari Isometsä eine auf den Blutplasma-Expander HES positiv getestete Dopingprobe ab. Dieser Befund wird dem finnischen Team am nächsten Tag mitgeteilt. Isometsä gesteht Doping, bezeichnet sich an einer Pressekonferenz als Einzeltäter. Nach dem Fund der Arzttasche ordnet die Wada einen Dopingtest beim gesamten finnischen Team an. 28 Athletinnen und Athleten werden getestet.

Jari Isometsä

Jari Isometsä

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Neben Isometsä werden unmittelbar nach der WM fünf weitere Sportler des HES-Gebrauchs überführt: Janne Immonen, die Legende Harri Kirvesniemi, Olympiaheld Mika Myllylä sowie die Frauen Virpi Kuitunen und Milla Jauho. Die Finnen verlieren alle ihre Medaillen – mit einer skurrilen Ausnahme. Virpi Kuitunen darf ihren Weltmeistertitel in der Verfolgung behalten, weil der offizielle Dopingtest nach dem Rennen noch negativ ausgefallen war.

Kapitel 3: Das Labor

Die Dopingproben der Langlauf-Weltmeisterschaften werden im Labor von Helsinki untersucht. Dem Dopinglabor in Köln gelingt kurz vor der WM die Nachweismethode für den unerlaubten Blutplasma-Expander HES. In Lahti wird erstmals auf diese Substanz, die primär zur Senkung des Hämatokritwerts und der Verschleierung von EPO zum Einsatz kommt, getestet. Jari Isometsä ist weltweit der allererste positive Fall.

Das Kölner Dopinglabor schickt als Unterstützung für die WM den heutigen Laborleiter Mario Thevis in die finnische Hauptstadt. Thevis soll bei den neuartigen Tests den finnischen Laborleiter mit Rat und Tat unterstützen. Denn es gibt zu dieser Zeit noch überhaupt keine praktischen Beispiele zu dieser Art von Doping.

Was dann bereits am ersten WM-Tag geschieht, ist ein Wahnsinnszufall. «Ich erinnere mich, wie wir gespannt die Pressekonferenz von Isometsä verfolgten. Es ist für ein Labor immer eine Erleichterung, wenn der betroffene Athlet wie hier seine Schuld eingesteht», sagt Thevis. Auch Tiia Kuuranne, die neue Leiterin des Dopinglabors von Lausanne, arbeitet während der WM 2001 in ihrer Heimat im Helsinki-Lab.

Tiia Kuuranne in Lausanne

Tiia Kuuranne in Lausanne

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Sie sagt: «Im Labor gibt es für alle Proben nur Nummern. Wir wussten also nicht, dass die positiven Proben von finnischen Sportlern waren. Dies erfuhren wir ebenfalls aus den Medien.» Der Schock ist gross, denn seit Juha Mieto haftet den finnischen Langläufern der Ruf von hart arbeitenden, seriösen Vorbildern an. «Es war ein harter Aufprall in der Realität», sagt Kuuranne rückblickend.

Kapitel 4: Die Täter

Wer alles ins Dopingprogramm involviert ist oder darüber Bescheid weiss, bleibt bis heute zweifelhaft. Als Mitwisser oder gar Organisatoren angeschuldigt werden neben drei Trainern und zwei Teamärzten, die alle lebenslänglich gesperrt werden, auch mehrere hohe Funktionäre des finnischen Skiverbandes.

Doch nicht jeder Angeklagte kann später in den Strafprozessen auch überführt werden. Trotzdem sagt der finnische Dopingexperte Harry Syväsalmi rückblickend: «Auf jeden Fall war der Dopinggebrauch im finnischen Team systematisch.»

Eine zentrale Rolle inne hat Chefcoach Kari-Pekka Kyrö. Er wird nach der WM vom finnischen Verband genauso wie Damen-Trainer Jarmo Riski und Langlauf-Direktor Antti Leppävuori fristlos entlassen. In juristischen Prozessen tritt Kyrö später als Kronzeuge mit sich teilweise widersprechenden Aussagen und vielen Anschuldigungen auf.

Für Ärger in der finnischen Gesellschaft sorgt vor allem die fehlende Einsicht der Athleten. Bis heute haben nur Mika Myllylä 2009 und Janne Immonen in einem Meineidprozess 2013 systematisches Epo-Doping gestanden. Tragisch die Geschichte des ehemaligen Olympiasiegers Myllylä, der dem Alkohol verfällt, mit dem Gesetz in Konflikt gerät und im Juli 2011 tot in seiner Wohnung aufgefunden wird. «Sie haben immer nur das zugegeben, was schon bekannt war», ärgert sich die finnische Agentur-Journalistin Kaija Yliniemi, die über die Ereignisse von 2001 berichtete.

Mika Myllylä hatte Anteil an der finnischen Eiszeit.

Mika Myllylä hatte Anteil an der finnischen Eiszeit.

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Kapitel 5: Die Reaktionen

Finnlands Staatspräsidentin Tarja Halonen reagiert auf den Dopingskandal mit den Worten: «Es ist im Augenblick nicht leicht, Finne zu sein.» Langlauf-Reporterin Yliniemi sagt: «Die Meinungen waren damals sehr gespalten: 50 Prozent der Finnen waren schockiert, 50 Prozent zeigten mit dem Finger auf die anderen Nationen.» Eine eingesetzte Task-Force untersucht den Dopingskandal. Sie bezichtigt den finnischen Skiverband einer Mitverantwortung und empfiehlt eine drastische Kürzung der staatlichen Fördergelder. Sponsoren steigen massenweise aus. Auf einen Schlag fehlen dem Verband jährlich 3,1 Mio. Euro Einnahmen. «Finnlands Skisport wurde beerdigt», schreibt die Tageszeitung «Iltalehti».

Kapitel 6: Der Rückfall

Die Folgen des Skandals sind brutal. An den Olympischen Winterspielen 2002 gewinnt das arg dezimierte finnische Langlauf-Team erstmals in der Geschichte keine Medaille. Und das Trauma der Finnen geht weiter. 2003 an der WM in Val di Fiemme wird Kaisa Varis als Epo-Sünderin entlarvt. Sie ist mit dem gesperrten Dopingtrainer Kari-Pekka Kyrö liiert. Dass das Duo offensichtlich aus den Ereignissen von 2001 nichts gelernt hat, führt zu einem Aufschrei in der finnischen Öffentlichkeit. «Wie konnte sie nur so stupid sein», fragt sich Reporterin Yliniemi.

Kapitel 7: Die Aufarbeitung

«Es war ein riesiger Skandal, aber er hat auch dazu geführt, dass in Finnland der Kampf gegen Doping auf ein neues Level geführt wurde», sagt Harry Syväsalmi, der Generalsekretär des Centers für Integrität im Sport, dem auch die Antidoping-Agentur «Finada» angegliedert ist.

Das ganze System ändert. Der Kampf gegen Doping wird autonom und erhält eine gesetzliche Handhabe auch gegen Hintermänner. Die neu ins Leben gerufene Organisation erhält auch dank den Ereignissen von 2001 jährlich 2 Millionen Euro mehr Mittel. Diese investiert Syväsalmi in die Ausbildung und Aufklärung von jungen finnischen Sportlern. «Wir haben wirklich versucht, die Kultur zu ändern. Die ethischen Werte werden heute im finnischen Sport viel mehr vermittelt», sagt der Antidoping-Experte.

Kapitel 8: Die Rettung

Finnlands nordischer Skisport ist nach Lahti 2001 klinisch tot. Gerettet wird er – Ironie der Geschichte – ausgerechnet von einer Tankstellenkette, die trotz der Dopingwirren als neuer Hauptsponsor einsteigt und damit zu einem Neuanfang verhilft.

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