IOC-Richtlinien
Amnesty-Werbung mit Lara Gut erzürnt Skiverband

Amnesty International Schweiz hat eine Bildkombo der Schweizer Skiathletin veröffentlicht, auf der diese die Frauenrechte verteidigt. Das gefällt Swiss Olympic gar nicht und macht Druck. Amnesty gibt klein bei und zieht das Bild am Abend zurück.

Daniel Fuchs und Martin Probst
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Die Schweizer Skifahrerin Lara Gut soll die Richtlinien des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verletzt oder zumindest geritzt haben. Auf Facebook hat die Schweizer Sektion der Menschenrechtsorganisation Amnesty International eine Bildkombination des Tessiner Skistars publiziert - einmal als strahlende Siegerin, einmal im sommerlichen Outfit mit einem Plakat von Amnesty in den Händen. Darauf steht: «Ich will, dass Gewalt gegen Frauen gestoppt wird.»

Rückblick: «Wir glauben, dass Wettkampfstätten, in denen die Atmosphäre festlich ist, nicht der richtige Ort für Trauer sind.» So reagierte das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf eine Aktion der norwegischen Langläuferinnen, nachdem diese während der Wettkämpfe in Sotschi mit einer schwarzen Armbinde um den überraschend verstorbenen Bruder einer Athletin getrauert hatten.

Das IOC verwarnte die norwegischen Langläuferinnen und berief sich dabei auf Paragraf 50.3 der Olympischen Charta. Dieser verbietet «jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda» an den Spielen.

Swiss Olympic hat gar keine Freude an der Bildcombo mit Lara Gut.
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Auch Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss posiert mit einem Plakat für Amnesty International.

Swiss Olympic hat gar keine Freude an der Bildcombo mit Lara Gut.

Screenshot Facebook

Werbeverbot während der Spiele

Die so geäusserte Trauer war genug, um sanktioniert zu werden. In Norwegen gingen die Wogen hoch. Religiöse Symbole sind das eine, politische Meinungsäusserungen das andere: Nun soll auch die Schweizer Skiathletin Lara Gut die IOC-Richtlinien verletzt oder zumindest geritzt haben.

Die Publikation der oben erwähnten Bildkombo sorgte gestern für Stirnrunzeln und handfeste Konsequenzen. Wie Swiss-Olympic-Sprecher Christof Kaufmann gegenüber der «Nordwestschweiz» sagte, habe Amnesty Schweiz mit dem Facebook-Post die IOC-Regeln verletzt: «Während der Spiele dürfen Organisationen und Firmen mit Olympiateilnehmern keine Werbung machen, es sei denn sie sind offizielle Partner von Swiss Olympic, des IOC oder des Organisationskomitees.»

Das aber ist Amnesty International nicht, weshalb ein Swiss-Olympic-Anwalt den Verantwortlichen der Menschenrechtsorganisation auf die Finger klopfen sollte. «Amnesty muss das Bild von Facebook wegnehmen», so Kaufmann.

Swiss Olympic will Lara Gut schonen

Was, wenn nicht? Dann hätte Lara Gut den Ärger. Denn: «Es sind Sanktionen des IOC gegen Lara Gut möglich, weil sie mit ihrer Unterschrift bestätigt hat, dass mit ihr während der Spiele nicht geworben wird», sagte Kaufmann. Swiss Olympic aber wollte Lara Gut wegen der wichtigen Vorbereitung auf die heutige Abfahrt schonen und setzte auf ein Einlenken der Menschenrechtsorganisation.

Dort war man sich vorerst keines Fehlers bewusst. «Das Bild stammt aus einer Kampagne vor zwei Jahren, die im Rahmen des 50-Jahre-Jubiläums von Amnesty International entstanden ist», sagt Stella Jegher. Die Pressesprecherin von Amnesty Schweiz betonte, der Facebook-Post sei eine Gratulation an die Tessiner Skiathletin und ihren Mut. «Es war toll von ihr, dass sie sich vor den Spielen über die Vergabe an Russland geäussert hat, das die Menschenrechte missachtet.»

Das IOC und die freie Meinungsäusserung

Dabei blieb es aber nicht: Der verbale Druck von Swiss Olympic allein reichte: Ein Anwalt meldet sich bei Amnesty Schweiz bis zum Abend zwar nicht, doch die Menschenrechtler setzten sich zusammen und entschieden: Das Bild muss weg. Stella Jegher nannte den Grund: „Wir wollten Lara Gut in keiner Art schaden."

Am frühen Abend bereits war das Bild von der Facebook-Seite von Amnesty Schweiz gelöscht. Doch für Stella Jegher stellten sich Fragen zum IOC und der Meinungsfreiheit: „Es ist bedenklich, wenn man zwei Jahre alte Zitate oder Statements von Olympiateilnehmern nicht wiederverwenden darf."

Olympiateilnehmer müssen auf der Hut sein. Für Stella Jegher die logische Folge: Äussern sie wie Lara Gut im Vorfeld der Spiele Kritik und werden während der Wettkämpfe zitiert, riskieren sie, verwarnt oder gar ausgeschlossen zu werden.