Fussball
Amir Abrashi vor dem Höhepunkt seiner bisherigen Fussballkarriere

Amir Abrashi fiebert dem Spiel in der EM-Gruppenphase gegen die Schweiz entgegen. Der Albaner blickt auf eine erfolgreiche Saison mit dem Bundesliga-Aufsteiger SC Freiburg zurück. An der EM wollen die Albaner ihre mangelnde Erfahrung "mit grossem Herz" wettmachen.

Markus Brütsch
Drucken
Teilen
Amir Abrashi kann den EM-Auftakt gegen die Schweiz kaum erwarten.

Amir Abrashi kann den EM-Auftakt gegen die Schweiz kaum erwarten.

Keystone

Noch zwei Mal schlafen, und dann ist er da, der grosse Tag. Dem so viele Albaner und Schweizer entgegenfiebern. Aber vielleicht kann Amir Abrashi ja gar nicht so besonders gut schlafen vor dem Spiel der Spiele. Natürlich, er ist mit den Grasshoppers Cupsieger geworden. Gewiss, er ist mit dem SC Freiburg in die Bundesliga aufgestiegen. Doch die EM-Premiere Albaniens mit zu bestreiten, und dann ausgerechnet noch gegen die Schweiz, das macht die Partie am kommenden Samstag in Lens ohne Zweifel zum bisherigen Highlight in der Karriere des 26-Jährigen.

«Ich will gar nicht um den heissen Brei herumreden», sagt Abrashi, dessen Team sich in der Bretagne den letzten EM-Schliff holt, denn der Match gegen die Schweiz ist in diesem Turnier wegweisend für beide Mannschaften. Und für ihn, der in der Schweiz aufgewachsen und bis zur U21 für die Schweizer Nati aufgelaufen ist und der auf der Gegenseite gute Freunde wie Xherdan Shaqiri und Michael Lang hat, ist dieses Spiel mehr als speziell. «Ich bin mit ihnen oft in Kontakt, doch ab heute, zwei Tage vor dem Spiel, nicht mehr.»

"Noch süsser als derjenige in Portugal", wäre für Amir Abrashi ein Sieg im Startspiel gegen die Schweiz.

"Noch süsser als derjenige in Portugal", wäre für Amir Abrashi ein Sieg im Startspiel gegen die Schweiz.

KEYSTONE

Abrashi macht kein Geheimnis daraus, dass ein Sieg für ihn der süsseste aller Siege wäre. «Noch süsser als derjenige in Portugal», schmunzelt der Mittelfeldspieler. Nicht, weil er irgendjemandem etwas zurückzahlen müsste. Eine besondere Genugtuung wäre ein Sieg für ihn aber, weil es ihn genervt hat, wenn immer wieder vom Duell zwischen Albanien A und Albanien B geschrieben worden ist. «Dies ging mir gewaltig auf den Sack», sagt Abrashi. «Ausser, man hat mit Albanien A uns gemeint.» Und dann muss er selber über den kleinen Scherz lachen.

Der steile Aufstieg läuft

Zu lachen hat Abrashi in letzter Zeit viel gehabt. Nicht nur, weil er sich in Albaniens Mannschaft einen Stammplatz geholt und die umjubelte EM-Qualifikation geschafft hat. Nein, nach seinem Transfer zum Bundesligaabsteiger SC Freiburg ist er bei seinem ersten Engagement ziemlich durchgestartet, hat mit Ausnahme einer Gelbsperre alle Partien bestritten und in der gesamten Saison nur ein einziges Training wegen einer «Tomate» ausgelassen. Vor allem aber ist er mit seiner aggressiven Spielweise, den vielen eroberten Bällen und den gewonnenen Zweikämpfen bald zum Publikumsliebling im Schwarzwaldstadion geworden. Dass er den beliebten Captain Julian Schuster aus der Mannschaft verdrängt hat, zeigt nur, welchen Stellenwert er bei Trainer Christian Streich geniesst.

«Wir passen gut zusammen. Wir sind beide sehr emotional», sagt Abrashi. Dass am Ende einer überzeugenden Saison die Rückkehr in die 1. Bundesliga gelang, hat ihn darin bestätigt, im letzten Sommer den richtigen Schritt gemacht zu haben. «Ich werde mich auch in der Bundesliga durchsetzen», sagt Abrashi, «meine Spielweise ist in Deutschland gefragt.» Er habe in der letzten Saison unter Streich so grosse Fortschritte gemacht, vor allem auch im taktischen Bereich, «wie ich es selber nicht für möglich gehalten hätte», sagt Abrashi. Der Aufstieg mit Freiburg werde ihm für die EM viel Schub geben.

Tempi passati: Abrashi verliess letzten Sommer GC um beim SC Freiburg sein Glück zu finden. Dieser Schritt wurde nun mit dem Aufstieg in die Bundesliga belohnt.

Tempi passati: Abrashi verliess letzten Sommer GC um beim SC Freiburg sein Glück zu finden. Dieser Schritt wurde nun mit dem Aufstieg in die Bundesliga belohnt.

Keystone

«Ich habe das Glück, von zwei hervorragenden Fachleuten profitieren zu können», sagt Abrashi. «Unser Nationalcoach Gianni de Biasi ist zwar ruhiger als Streich, aber ebenfalls ein Toptrainer. Früher war es bei Albanien ein Kommen und Gehen, heute sind wir eine zusammengeschweisste Gruppe, die sich nur noch punktuell verändert.» Mit Zimmerkollege Ermir Lenjani ist er in Winterthur als Nachbar aufgewachsen, und als die Abrashis nach Pfungen zogen, sind ihnen die Lenjanis gefolgt. Er habe sich den Entscheid für Albanien nicht leicht gemacht. «Aber wie im Fall von Freiburg habe ich alles richtig gemacht», sagt Abrashi. Er habe die Wahl selber getroffen und seine Eltern nicht gefragt.

Seine Wurzeln liegen im Kosovo
Sowohl sein Vater als auch seine Mutter kommen aus dem Kosovo, mütterlicherseits haben die Abrashis noch viele Verwandte dort. «Einmal im Jahr besuche ich sie. Ich spreche perfekt albanisch und einige der Cousins haben sich für die EM in Frankreich angekündigt», sagt Abrashi. Und auch die drei älteren Schwestern werden in Lens wohl dabei sein. Dass er ab Herbst, je nach Fifa-Entscheid, in der WM-Qualifikation für den Kosovo spielen wird, hält Abrashi für nahezu ausgeschlossen. «Damit habe ich mich zwar wirklich noch nicht ernsthaft befasst, doch nach der Schweiz und Albanien nun auch noch für den Kosovo aufzulaufen, wäre doch etwas unglaubwürdig.»

Abrashi ist überzeugt, dass Albanien in den kommenden Spielen eine gute Falle machen wird. «Unser Team hat einen super Charakter. Die mangelnde Erfahrung werden wir mit unserem grossen Herzen wettmachen», sagt Abrashi. «Wir haben uns sehr konzentriert vorbereitet. Wir wissen, was wir wollen und geben Vollgas.»

Aktuelle Nachrichten