Amerika
Nach einem Missbrauchsskandal sagt die bekannteste amerikanische Profifussballerin: «Burn it all down»

Der amerikanische Frauenfussball steckt in der Krise: Nach Missbrauchsvorwürfen gegen eine Reihe von Trainern ist die Ligachefin Lisa Baird zurückgetreten. Und die Profiliga, gegründet im Jahr 2012, steht vor einem Scherbenhaufen. Auch Aushängeschild Megan Rapinoe meldet sich unmissverständlich zu Wort.

Renzo Ruf, Washington
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Megan Rapinoe (mit ausgestrecktem Arm) ist eines der Aushängeschilder der amerikanischen Profiliga. Sie kämpft gegen die Machtstruktur in der Liga.

Megan Rapinoe (mit ausgestrecktem Arm) ist eines der Aushängeschilder der amerikanischen Profiliga. Sie kämpft gegen die Machtstruktur in der Liga.

David Vincent / AP

Eigentlich galt die NWSL als Erfolgsgeschichte. Gegründet im Jahr 2012, nachdem zuvor zwei Ligen für Profi-Fussballspielerinnen in Amerika gescheitert waren, fand die National Women's Soccer League im Land, in dem Fussball immer noch im Schatten von Football steht, eine Nische. Eine kleine Nische, aber immerhin eine Nische. Spitzenspielerinnen wie Megan Rapinoe, Alex Morgan und Carli Lloyd stellten sicher, dass die Meisterschaft auch im Fernsehen stattfand, wenn auch bisweilen zu absurden Zeiten. So soll der Meisterschaftsfinal, angesetzt auf den 20. November in Portland (Oregon) um 9 Uhr in der Früh angepfiffen werden. Und auch die Stadien, in denen die aktuell zehn Teams spielen, waren ziemlich gut besetzt.

Spielerinnen sexuell missbraucht und massiv drangsaliert

Doch nun zeigt sich: Hinter den Kulissen hing der Haussegen in der Liga schon lange schief. Die Profi-Spielerinnen, die pro Jahr nur einige Zehntausend Dollar verdienen, wurden hinter verschlossenen Türen sexuell missbrauch und massiv drangsaliert. Ein Trainer zwang eine Fussballerin zum Geschlechtsverkehr, küsste andere ungefragt und verschickte sexuell anstössige Bilder per E-Mail. Ein anderer riss rassistische Witze und schrie eine afroamerikanische Spielerin derart lange und verbissen an, dass sie schliesslich der «Washington Post» sagte: «Er hat mich dazu gebracht, Fussball zu hassen.»

Die Ligachefin schaute weg

Die Liga schaute dem Treiben lange Zeit zu. Die Chefin der NWSL, die wie im amerikanischen Sportleben üblich den pompösen Titel «Commissioner» trägt, wusste zwar, das auf dem Trainingsfeld und in den Umkleidekabinen eine toxische Atmosphäre herrschte. Sie griff aber nicht ein. Erst als die Publikation «The Athletic», eine Online-Plattform für Sportangefressene, diese Woche über die Vorwürfe gegen Coach Paul Riley berichtete, kam der Ball endlich ins Rollen.

Der geborene Engländer war bis zu seiner Entlassung in der vorigen Woche der Trainer des NWSL-Teams North Carolina Courage. Der Vorwurf gegen den zweifachen Meistertrainer: Er habe in seiner langen Karriere als Coach von Fussballteams immer und immer wieder Spielerinnen sexuell belästigt oder missbraucht. Riley, 62 Jahre alt, bestreitet die Vorwürfe. Seine Trainerlizenz wurde aber suspendiert.

Liga-Chefin war längst über Zustände informiert

Nach der Entlassung meldete sich die Players Association der NWSL, eine Art Gewerkschaft der Profi-Fussballerinnen, mit einer harschen Stellungnahme zu Wort. Und rasch zeigte sich, dass NWSL-Commissioner Lisa Baird sich nicht halten konnte – weil Fussballerinnen wie Sinead Farrelly sie bereits vor Jahren auf das Missverhalten von Coach Riley aufmerksam gemacht hatten.

Am Freitag beteuerte Baird zwar erneut, dass die Ligaführung sich stets für die Fussballspielerinnen einsetzte. Auch entschuldigte sie sich. Aber letztlich handelte es sich bei ihrer Entschuldigung bloss um ein Rückzugsgefecht. Wenige Stunden später gab Baird in einer knappen Stellungnahme ihren Rücktritt bekannt. Sowohl die Fifa als auch der nationale Dachverband U.S. Soccer kündigten unabhängige Untersuchungen der Vorgänge in der Frauenliga an.

Alle Spiele vom Wochenende sind abgesagt - radikaler Liga-Umbau gefordert

Nun steht die NWSL vor einem Scherbenhaufen. Sämtliche Spiele, die am Wochenende angesetzt waren, wurden abgesagt oder verschoben. Und interne Kritikerinnen fordern einen radikalen Umbau der Liga, bevor sie wieder spielen wollen. «Burn it all down», schrieb Megan Rapinoe auf Twitter, wir müssen alles zerstören. Diese Spitze richtet sich gegen die Machtstruktur in der Frauenliga: Hier die reichen Besitzer der Fussballklubs und männlichen Trainer, da die Spielerinnen, die für einen Hungerlohn nach Toren jagen.

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