Orientierungslauf

Am Scheideweg: Mit einem Modus-«Experiment» sucht die Randsportart ihren Weg in die Zukunft

Ab 2019 werden der Wald-OL und Stadt-OL alternierend als unabhängige WM aufgeteilt.

Ab 2019 werden der Wald-OL und Stadt-OL alternierend als unabhängige WM aufgeteilt.

Es war ein bahnbrechender Entscheid in eine ungewisse Zukunft: Vor einem Jahr beschloss die Internationale OL-Föderation (IOF) eine Aufteilung der Weltmeisterschaften, weil für die komplexe Organisation der Titelkämpfe keine Bewerbungen mehr eingereicht wurden.

Die OL-WM wird ab 2019 neu aus zwei Formaten bestehen: In ungeraden Jahren sollen die Titelkämpfe in drei Walddisziplinen (Mittel-, Langdistanz und Staffel) ausgetragen werden, in geraden Jahren sieht das Konzept drei Wettbewerbe in urbanem Gebiet vor – wobei neben den beiden bestehenden Prüfungen Sprint und Sprintstaffel eine weitere, noch nicht endgültig definierte Disziplin dazukommen soll. Diese Ummodellierung der Weltmeisterschaften machte es möglich, die erste Wald-WM 2019 an Norwegen respektive die erste Stadt-WM 2020 an Dänemark zu vergeben.

In der OL-Szene, die nach wie vor von den skandinavischen Ländern und der Schweiz dominiert wird, sorgte diese Entwicklung für viel Diskussionsstoff. Insbesondere in Athletenkreisen machte sich eine gewisse Skepsis breit – auch die einstige OL-Dominatorin Simone Niggli kritisierte das Vorhaben des IOF in einem offenen Brief gemeinsam mit weiteren einflussreichen OL-Persönlichkeiten.

Suche nach Anerkennung

Auf der Suche nach Aufmerksamkeit von Publikum, Fernsehen und Sponsoren verliess der OL-Sport das Nest der Abgeschiedenheit und entdeckte die urbanen Gebiete für sich, um zuvor nie da gewesene Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu generieren. Nun sind die Hoffnungen des IOF gross, mit dem neu geschaffenen Format der Stadt-WM das Rampenlicht der Weltmetropolen suchen zu können.

Dabei, so lautet eines der Argumente der Kritiker der Aufteilung in zwei WM, droht die Wald-OL eine Abwertung zu erfahren und gewissermassen von der eigenen Sportart an die Peripherie gedrängt zu werden. Der Weltcupfinal in Aarau lieferte den Beweis dafür, wie unterschiedlich sich Wald- beziehungsweise Stadt-OL-Wettbewerbe vermarkten lassen.

Derweil am Samstag die langatmige Langdistanz – die eigentliche OL-Königsdisziplin – auf der grünen Wiese und in gemütlichem Ambiente über die Bühne ging, brachte der Sprint-Final vom Sonntag die Aarauer Innenstadt zum Vibrieren und transportierte selbst für Unbeteiligte Emotionen.

Trotzdem droht die OL-Sportart aufgrund dessen, dass sie auf zwei komplett verschiedenen Bühnen ausgetragen und präsentiert wird, nicht auseinanderzufallen. Im Gegenteil. Beispielsweise die Dänin Maja Alm, zweifache Sprint-Weltmeisterin und seit Jahren klassische Sprint-Spezialistin, sagt: «Ich mag beide OL-Formen sehr, durch die Aufteilung erhoffe ich mir, in den Wald-Disziplinen den Anschluss an die Spitze zu schaffen.»

Alm will sich in Zukunft also jährlich alternierend auf Wald- und dann Stadt-Disziplinen fokussieren. Auch der diesjährige Sprint-Weltmeister Jeker Lysell will sich im Hinblick auf den neuen WM-Modus nicht als Sprint-Spezialisten abstempeln lassen. Der Schwede startete in Aarau am Samstag über die Langdistanz, mit der Absicht wertvolle Worldranking-Punkte zu ergattern und somit seine Ausgangslage für nächstes Jahr in Form einer späteren Startzeit zu verbessern.

«Wenn ich wählen könnte, würde ich die Weltmeisterschaften in der ursprünglichen Form beibehalten», äussert sich Lysell kritisch zum bevorstehenden Umbruch, da er befürchtet der OL-Sport könnte qualitative Attribute vernachlässigen, um an Medienwirksamkeit zu gewinnen.

Auch im Schweizer Lager hält sich die Begeisterung für das Modell (noch) in Grenzen. Verständlich: Keine Nation verstand es in den letzten Jahren, derart kompetitive Allrounder wie Daniel Hubmann, Matthias Kyburz und Judith Wyder aufzubauen. «Die Aufteilung ist ein Fakt, was es bewirkt sehen wir dann, wenn es so weit ist», äussert sich Wyder nüchtern über die Zukunft.

In der Tat scheint es schwierig abzuschätzen, was das mutige «Experiment» für einen Einfluss auf die Entwicklung des Orientierungslaufes haben wird. Der olympische Traum – den Bundespräsident Johann Schneider Ammann in Aarau der OL-Gemeinschaft wünschte – dürfte Utopie bleiben.

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