Ski alpin

Alt-Star Didier Cuche: «Der Sprung in die Top 30 der Startliste ist sehr schwierig»

Didier Cuche ist dem Skisport nach wie vor eng verbunden.

Didier Cuche ist dem Skisport nach wie vor eng verbunden.

Der ehemalige Skiprofi und Schweizer des Jahres Didier Cuche spricht über sein Kind, sportpolitische Ambitionen und seine Erwartungen an die Schweizer Skifahrer im Winter mit der Heim-WM.

Statt es drei Jahre nach Ihrem Rücktritt etwas ruhiger anzugehen, sind Sie immer noch voll auf Achse. Sind Sie ausgelastet wie in der Aktivzeit?

Didier Cuche: Das ist relativ. Ich bin nach wie vor eng mit dem Skisport verbunden und habe verschiedene Aktivitäten im Sport generell, sei es als Botschafter oder für Sponsoren. Dazu stehe ich im Einsatz für das regionale Leistungszentrum im Jura, für alpin und nordisch. Und ich bin einer von fünf Partnern der SAMM-Group, die Sportlern einen umfassenden Service im Bereich Marketing und Management anbietet.

Die Abschiedsfahrt von Didier Cuche beim 2. Lauf vom Riesenslalom in Schladming am 17.03.2012, mit historischem Outfit und Holzskiern!

Die Abschiedsfahrt von Didier Cuche beim 2. Lauf vom Riesenslalom in Schladming am 17.03.2012, mit historischem Outfit und Holzskiern!

Deren Dienste einige prominente Athleten in Anspruch nehmen.

Wir sind eine kleine Firma, aber sie läuft gut. Wir betreuen Athletinnen und Athleten wie Nicola Spirig, Kariem Hussein, teilweise auch Marc Gisin und verschiedene andere mandatsmässig.

Doch haben sich die Prioritäten wohl trotzdem etwas verschoben. Vor einem Jahr sind Sie Vater geworden.

Es ist bereichernd, so etwas erleben zu dürfen. Man geniesst wunderschöne Momente, die zwar ebenfalls Energie kosten, aber positive Energie, die doppelt zurückkommt. Es ist angenehm, den Zeitplan so gestalten zu können, dass man oft zu Hause sein kann. Aber jetzt kommt der Winter und ich werde viel unterwegs sein. Ich hoffe, da und dort Frau und Kind mitnehmen zu können.

Sind Sie auch sportpolitisch aktiv?

Ich bin Experte in der «Taskforce 2026», welche sich mit der Evaluierung und Nominierung der Schweizer Kandidaten für die Olympischen Spiele 2026 befasst.

Nun doch noch olympische Aufgaben, nachdem Sie 2014 in Sotschi als Athletenvertreter die Wahl ins IOC um wenige Stimmen verfehlt haben?

Ich befinde mich in Warteposition. Der gewählte Biathlet Ole Einar Björndalen ist ausgestiegen, weil er weiterhin als Athlet aktiv ist und eingesehen hat, dass er die notwendige Zeit für das IOC-Engagement nicht aufbringen kann. Am nächsten IOC-Kongress dürfte entschieden werden, wie Björndalen ersetzt wird.

Cuche (v. Mitte.) an der Abschlussfeier der Olympischen Spiele 2014.

Cuche (v. Mitte.) an der Abschlussfeier der Olympischen Spiele 2014.

Sie erhielten hinter den gewählten Athleten Björndalen und der ehemaligen Eishockeyspielerin Hayley Wickenheiser unter den neun Kandidaten am drittmeisten Stimmen.

Ich wäre der Nächste. Ich hatte kurz Kontakt mit dem IOC. Man muss aber ohnehin 2017 abwarten. Björndalen ist für acht Jahre gewählt worden, das Restmandat würde fünf Jahre dauern. Ich übernähme das Amt gerne, aber es liegt nicht in meiner Hand. Doch ich glaube, in den vergangenen 20 Jahren das nötige Know-how erworben zu haben.

Auch in gemeinnützigen Organisationen sind Sie engagiert.

Ich bin Botschafter für die «Passion Schneesport». Das ist eine Stiftung, die schon im ersten Jahr über eine Million Franken für den Nachwuchs generierte. Sie ist enorm wichtig, weil sie Eltern entlastet, deren Kinder sich sonst den Rennsport nicht leisten könnten. Schon viele Talente gingen verloren, weil der Aufwand pro Jahr schnell 20 000 bis 30 000 Franken betragen kann. Zudem spende ich die Hälfte des Gewinns meines Charity-Golfturniers, das ich in Les Bois veranstalte, dem jurassischen Regionalverband. Die andere Hälfte geht an das Projekt «Smiling Gecko», das Kinder und arme Familien in Kambodscha nachhaltig unterstützt.

Ist der Skisport für Sie noch der zentrale Punkt in Ihrem Leben?

Der Sport grundsätzlich und der Skisport im Besondern liegen mir am Herzen. In diversen Bereichen kann ich etwas zurückgeben. Das macht Spass und gibt mir grosse Befriedigung. Es ist vielseitig und spannend. Aber manchmal ist es auch schwierig für mich, alle Termine zu koordinieren.

Am ersten Saisonsieg der Schweizer durften Sie sich bereits mitfreuen. Ein paar Prozent zum Triumph von Lara Gut in Sölden trugen auch Sie bei. Weil Sie ihr als Berater im Hintergrund schon geholfen haben.

Das ist nicht der Rede wert und lässt sich nicht in Prozenten ausdrücken. Das möchte ich auch nicht. In diesem Jahr bin ich gar nicht zum Einsatz gekommen. Vor der letzten Saison, nach Laras Wechsel von Rossignol auf Head, konnte ich ihr sicher etwas helfen, damit sie mit den verschiedenen Materialeinstellungen ihren Weg gefunden hat.

Didier Cuche unterstützte Lara Gut in der Saison-Vorbereitung.

Didier Cuche unterstützte Lara Gut in der Saison-Vorbereitung.

Wie schätzen Sie die Perspektiven der Schweizer Skifahrer generell ein?

Die Jungen besitzen viel Potenzial, bei den Burschen und den Mädchen. Bei einem wie Marco Odermatt wusste ich, dass er einiges drauf hat. Ich war drei-, viermal mit ihm Ski fahren.

Es scheint im Team eine gute Dynamik entstanden zu sein?

Mit Justin Murisier, Carlo Janka oder auch Gino Caviezel und Loïc Meillard wächst im Riesenslalom ein starkes Team heran. Und wenn im Speedbereich all die, die verletzt waren, wieder in Form kommen, sieht es auch dort gut aus. Bei den Frauen war ja schon im letzten Jahr der Trend sichtbar, mit Lara Gut, Wendy Holdener und Fabienne Suter vorne und dann die Jungen – das war sensationell. Ich bin sehr zuversichtlich, aber...

Ja?

Das gehört zum Thema «Passion Schneesport», das wir vorher gestreift haben. Wir besitzen Potenzial, aber die Basis ist noch fragil. Wenn einer oder zwei der Top-Athleten verletzt sind, gibt es wenige, von denen erwartet werden kann, dass sie fast in jedem Rennen aufs Podest fahren. Deshalb sind wir in diesem Entwicklungsprozess auch vom Glück abhängig. Das Ziel der «Passion Schneesport» wäre, die Basis zu verbreitern.

Loïc Meillard

Loïc Meillard

Der Riesenslalom gilt bei den Männern gleichwohl als Sorgendisziplin. Der vorletzte Schweizer Sieger
hiess Didier Cuche. Warum tun sich Ihre Nachfolger so schwer?

Der Sprung in die Top 30 der Startliste ist das, was massgebend ist – aber auch sehr schwierig. Wenn einer wie Loïc Meillard mal in den ersten 30 startet, kann er in kurzer Zeit einen Satz machen in die Top Ten oder noch besser. Die Jungen carven ausgezeichnet und gehen ans Limit. Sie überschreiten es noch manchmal, aber das gehört zum Prozess.

Die WM 2017 findet im eigenen Land statt, ein Vor- oder auch Nachteil?

Es ist primär mal ein schönes Erlebnis für die Athleten. Aber es kann auch enorm viel Druck auslösen. Man darf sich von den hohen Erwartungen nicht verrückt machen lassen. Ich bin überzeugt, jede und jeder freut sich auf die Heim-WM.

Die letzte WM 2003 in St. Moritz verlief nicht ganz nach Wunsch. War der erwähnte Druck massgebend?

Für mich war jene WM speziell. Damals existierte noch der Startnummern-Quali-Modus, bei dem der Beste im letzten Training die Startnummer 30 erhielt. Ich fuhr gegen Didier Défago um den letzten Schweizer Startplatz in der Abfahrt. Er hatte die sechstbeste Zeit vorgelegt. Ich war gezwungen, Gas zu geben – und fuhr Bestzeit. Deshalb musste ich mit der 30 starten.

Was in der Regel nicht die ideale Startposition ist.

Ob es ein Vor- oder Nachteil war, weiss ich nicht. Schlussendlich lag, als ich startete, Bruno Kernen in Führung. Ich wurde Zweiter. Aber oben warteten noch Michael Walchhofer und Kjetil-Andre Aamodt, die weiter hinten starteten, weil sie im Training ein Tor ausgelassen hatten. Schliesslich wurden sie Erster und Zweiter – und ich Vierter.

An der WM 2003 wurde Cuche in St. Moritz undankbarer Vierter in der Abfahrt.

An der WM 2003 wurde Cuche in St. Moritz undankbarer Vierter in der Abfahrt.

Ein riesiger Frust?

Nein, es war ein cooles, schönes Gefühl, obwohl ich in den vierten Platz belegte. Es war einer jener Läufe, bei denen ich in einen Flow geriet, wo alles – vom Gefühl fast zeitlupenmässig – nach Plan lief. Ich war eins mit der Strecke. Der Lauf blieb mir als einer meiner schönsten und besten in Erinnerung. Die Piste 2017 wird plus-minus die gleiche sein, eine Hammerstrecke, die alles abfordert: Mut oben, Gleitfähigkeit im ersten Drittel und dann technische Anforderungen mit Sprüngen, Kurven, Kompressionen. Das wird eine geile Show.

Der Faktor Glück spielt immer eine Rolle. In St. Moritz wegen des speziellen Schnees noch ausgeprägter?

Man muss einfach alles für den Sieg tun, alles unternehmen, was man kann. Entweder ist man so souverän, dass man eine Marge besitzt wie Lara Gut in Sölden, wo sie in einer eigenen Liga fuhr. Oder, wenn alles knapp ausgeht, ist man halt auch etwas abhängig von Glück.

Die unbeeinflussbaren Hintergründe sind vielen nicht bewusst. Vorschnell werden dann harte Urteile gefällt.

Ich glaube, dem Publikum werden diese Faktoren immer bewusster. Ich habe nach Abschluss meiner Karriere für mich mal eine Kalkulation gemacht und den Trainingsaufwand berechnet. Pro Tag auf Schnee oder Gletscher trainiert man vielleicht eine knappe Viertelstunde in den Stangen. Aber für diese 12 bis 15 Minuten investiert man vier bis fünf Stunden.

Eine gewaltige Diskrepanz.

Was ich sagen will: Es ist ein enormer Aufwand für eine Saison mit insgesamt etwa 45 Minuten Rennzeit. Alles, was man sich im Sommer und Herbst erarbeitet hat, muss man im Winter in zwei Minuten abrufen können – und dann entscheiden Zehntel und Hundertstelsekunden. Das vergessen die Leute manchmal. Aber das ist Spitzensport, nur das Resultat zählt.

Wie viele Schweizer Medaillen erwarten Sie in St. Moritz?

Es kann passieren, dass Schweizer ihr Optimum abrufen und trotzdem leer ausgehen, weil an diesem einen Tag andere besser sind. Wenn man den WeltcupFinal 2016 in St. Moritz als Vergleich heranzieht, darf man zuversichtlich sein. Beat Feuz gewann zweimal souverän und hat zwei reelle Medaillenchancen. Lara Gut bieten sich wahrscheinlich mehrere Möglichkeiten. Die Schweizerinnen und Schweizer, auch die Jungen, sind heiss. Es braucht, wenn das Vertrauen da ist, manchmal wenig, und es kann boom, boom, boom machen.

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