Pyeongchang

Als Einstimmung auf Simon Ammanns nächstes Olympia-Gold: So wurde er vom Bauernbub zum Weltstar

Simon Ammann im Rampenlicht: Wächst der 36-jährige Toggenburger an den Olympischen Spielen in Pyeongchang über sich hinaus?

Simon Ammann im Rampenlicht: Wächst der 36-jährige Toggenburger an den Olympischen Spielen in Pyeongchang über sich hinaus?

Heute Nachmittag startet Simon Ammann zu seinen sechsten Olympischen Spielen – das weckt grosse Erinnerungen. Ammanns langjähriger Trainer Berni Schödler erinnert sich an das Märchen von Salt Lake City 2002, als «Simi National» zum ersten Mal Doppel-Olympiasieger wurde.

«Als ich im Jahr 2000 die Hauptverantwortung für das Skisprung-Nationalteam übernahm, war mir die Einstellung der Athleten gegenüber den Wettkämpfen ein wichtiges Anliegen. Sie sollten eine gemeinsame Vorfreude entwickeln. Eine positive Stimmung erst am Anlass selber aufzubauen, ist praktisch unmöglich.

Nehmen wir als Beispiel die erste Weltcupstation der Saison im Norden Finnlands. Dort ist es garstig kalt, den ganzen Tag dunkel, und das Essen ist auch ungewohnt für unsere Mägen. Zumindest war dies in den Köpfen der Athleten so präsent. Ich denke nicht, dass dies die ideale Basis für eine Topleistung ist.

Diese Philosophie, einen Wettkampf auch emotional aufzubauen, war einer der Erfolgsfaktoren für die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City. Wir flogen sowohl im Spätsommer 2000 wie auch ein Jahr später mit dem Team für jeweils einen unbedeutenden regionalen Skisprung-Anlass – ich glaube, er hiess Oktoberfest-Springen oder so ähnlich – zur neu gebauten Schanzenanlage.

Wir waren dort fast die einzigen Gäste aus Europa. Damit entwickelten Simon und das gesamte Team eine Bindung zu den Gegebenheiten vor Ort. Man knüpfte wertvolle Kontakte und Freundschaften, machte sich mit den Schanzen und der Umgebung vertraut, baute Vertrauen und Sicherheit auf.

Und wir fällten aufgrund der Eindrücke vor Ort wichtige Entscheidungen. Zuallererst: Wir wollten im rund 50 Kilometer von der Schanze entfernten olympischen Dorf wohnen, denn wir sahen uns nicht einfach als ein paar Skispringer an einem wichtigen Wettkampf, sondern wollten bewusst Teil des Schweizer Olympiateams, der olympischen Familie, des olympischen Geistes sein.

«Wir hatten unsern fixen Tagesablauf»

Diese Stimmung konnten wir am besten im olympischen Dorf aufnehmen. Alle anderen bedeutenden Skisprung-Nationen suchten sich Unterkünfte in unmittelbarer Umgebung der Schanzen.

Stimmen zum Doppelolympiasieg von Simon Ammann im Jahre 2002.

Stimmen zum Doppelolympiasieg von Simon Ammann im Jahre 2002.

Wir lebten vor Ort den olympischen Traum, hatten unseren fixen Tagesablauf, aber dank den geknüpften Kontakten auch die Möglichkeit, einmal bei Bekannten auswärts essen zu gehen, wenn uns nach Abwechslung zumute war. Ich erinnere mich noch gut an den morgendlichen Treffpunkt zum Café, die gemeinsamen Fahrten im Minibus gegen Osten in die Berge. So manchen Sonnenaufgang erlebten wir auf diesen Fahrten.

Simon Ammanns Saison war zwar sehr gut, er zeigte gleich zum Auftakt in Finnland hervorragende Sprünge. Doch mit einer solchen Vorstellung in Salt Lake City konnte natürlich trotzdem niemand rechnen. Nach seinem Sturz beim Springen in Willingen musste man sogar für einen Moment lang um die Olympiateilnahme zittern.

In Salt Lake City klappte es dann aber vom ersten Trainingssprung her. Simon war bei all seinen Sprüngen ganz vorne und zog dies in einer unglaublichen Art und Weise durch. Er befand sich in einem Flow und verlor diesen auch nach dem Gewinn der ersten Goldmedaille nicht.

Nach dem ersten Olympiasieg machten wir weiter, als wäre ein solcher Triumph das Normalste der Welt. Ich hatte als Trainer auch eine Verantwortung den anderen Springern gegenüber, versuchte also meinen Job so professionell wie möglich zu machen. Wie bei jedem Wettkampf. Simons Triumph hatte in diesem Spannungsfeld für mich etwas Surreales an sich. Das Wissen darum war natürlich präsent, der Genuss aber kam erst einige Zeit später.

Der Olympiasieger im Burgerlokal

Apropos Genuss. An eine Randgeschichte erinnere ich mich noch ganz genau. Auf der Rückkehr nach dem ersten Springen hatte Simon mächtig Hunger. Der Ablauf mit Dopingkontrolle, Siegerehrung und Pressekonferenz zog sich ziemlich in die Länge.

Es war schon spätabends, als wir zwei zusammen mit dem Auto von den Bergen zurück nach Salt Lake City fuhren. Wir hielten an einem Fast-Food-Lokal, Simon wollte einen Hamburger. Im Restaurant sprachen zwar alle von diesem Skispringen, aber kurioserweise realisierte kein einziger Gast, dass hier gerade der Olympiasieger zur Tür reinspazierte.

Ein solcher Erfolg zieht immer auch Neid mit sich. Es gab eine grosse Diskussion um unsere Sprunganzüge, weil diese neben dem traditionellen Muster Orange-Silber an den Armen noch blaue Einsätze hatten und sich dadurch vom Rest abhoben. Plötzlich sollte dies unsere Wunderwaffe am Rande der Regularität gewesen sein.

Dabei war dieser Anzug aus der Not geboren. Schlicht, weil der Anzugproduzent für uns als unbedeutende Skisprungnation zu wenig des herkömmlichen Stoffs vorrätig hatte. Weil damals gerade die Swisscom als neuer Sponsor einstieg, entschieden wir uns spontan für blaue Ärmeleinsätze.

Über Nacht zum Sportidol

In diesen Momenten realisiert man auch, welche Trainerkollegen wirkliche Sportsleute sind und welche nicht. Reinhard Hess, der damalige Trainer des grossen Favoriten und letztlich von Simon geschlagenen Sven Hannawald, war diesbezüglich ein wahrer Champion. Er gratulierte mir herzlich zum Erfolg und betonte, dass Simon schlicht der Beste war. Ohne Diskussion.

Eindrücklich für mich war aber nicht nur der Kontakt zu Hess, sondern die ganze Entwicklung von Simon Ammann. Quasi über Nacht vom Bauernsohn zum Schweizer Sportidol aufgestiegen, blieb er im Geiste immer dieser neugierige, hellwache und interessierte Athlet. Simon blieb sich in guten wie in schlechten Zeiten treu.

Auch heute hört man ihn, wenn er im Training wieder mal den Absprung komplett verpasst hat, schon in der Luft laut über sich selber lachen. Simon hat sich diesen jugendlichen Schalk über all die Jahre bewahrt. Es ist massgeblicher Teil seines Erfolgs.

Weniger glücklich und zufrieden darf man beim Fazit sein, was diese goldenen Tage für das Skispringen in der Schweiz gebracht haben. Klar, Skispringen wird nie massenhaft junge Talente anlocken. Doch dass etwa in den Jahren nach Salt Lake City in der Schweiz rund ein Dutzend Kinderschanzen geschlossen werden mussten, habe und werde ich nie verstehen.»

Aufgezeichnet: Rainer Sommerhalder

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