Serie 75 Jahre Kriegsende

Als die Schweiz an Hitlers Geburtstag Deutschland besiegte

«Mächtig unterstützt von der Menge schufen die Schweizer ein zweites Sempach», schrieb Journalist Emile Birnbaum.

«Mächtig unterstützt von der Menge schufen die Schweizer ein zweites Sempach», schrieb Journalist Emile Birnbaum.

Mitten im Zweiten Weltkrieg spielte die Schweiz gegen Deutschland. Es war der politischste Match der Geschichte. Am Ende bejubelte die Schweiz im Berner Wankdorf einen 2:1-Sieg.

Das Ende des Krieges ist für den Sport Anfang und Ende. Der Anfang einer stürmischen, unaufhaltsamen Entwicklung zum Milliardengeschäft. Und das Ende seiner Bedeutung für die geistige Landesverteidigung. Der Schweizer Sport ist recht gut durch die bewegte Kriegszeit gekommen.

Weil niemand mit dem Sport Geld verdient, gibt es auch keine Einnahmenausfälle zu bejammern. Die Fussballmeisterschaft ist während des Krieges nie ausgefallen, im Eishockey konnte nur 1940 kein Meister gekürt werden und der Spengler Cup fiel lediglich 1939 und 1940 aus. Sogar das Lauberhornrennen ist jedes Jahr durchgeführt worden.

Das offizielle Kriegsende am 8. Mai 1945 hat für die Zeitgenossen auf den Sport kaum Einfluss. Der 20. August 1945 ist das wichtigere Datum. Erst an diesem Tag gibt General Henri Guisan sein Kommando zurück und der Aktivdienst ist offiziell zu Ende. Von nun an braucht es keine Urlaubsgesuche mehr für die Trainingsbesuche und für die Teilnahme an Wettkämpfen.

Länderspiele in ganz Europa trotz Kriegswirren

Während des Krieges hatte der Sport auch in der neutralen Schweiz seine politische Unschuld verloren. Der internationale Spielverkehr ruhte nämlich nicht. Zwischen September 1939 und Juni 1943 treten die Schweizer zu nicht weniger als 36 Länderspielen im Eishockey und Fussball an.

Die Gegner heissen Italien, Schweden, Jugoslawien, Holland, Finnland, Ungarn, Frankreich, Portugal und Spanien. Die Schweizer reisen trotz Kriegswirren nach Turin, Mailand, Valencia, Lissabon, Garmisch, München, Wien, Marseille, Budapest, Stockholm und Solna (Schweden). Nur im Jahr 1944 gibt es keinen internationalen Spielverkehr. In dieser bewegten Zeit kommt es am 20. April 1941 zum politisch bedeutsamsten Länderspiel unserer Geschichte.

Jubel über den Prestige-Sieg gegen den grossen Nachbarn.

Jubel über den Prestige-Sieg gegen den grossen Nachbarn.

Ausgerechnet an Führers Geburtstag, am höchsten Feiertag des Dritten Reichs besiegt die Schweiz in Bern vor 38 000 Zuschauerinnen und Zuschauern Deutschland mit 2:1. Joseph Goebbels war ausser sich. Es dürfe, schrieb der Reichspropagandaminister erzürnt an Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, in Zukunft «kein Sportaustausch gemacht werden, wenn das Ergebnis im Geringsten zweifelhaft» sei. Basta und Heil Hitler.

Helmut Schön (1974 als Nationaltrainer Weltmeister), der damals mitspielte, erzählte später: «Es grenzte an Hochverrat und Majestätsbeleidigung.»

Acht Tage Ferien für einen Sieg gegen die Deutschen

Das Spiel war in der Schweiz mit fiebriger Erregung erwartet worden. Torhüter Erwin Ballabio erinnerte sich noch zwanzig Jahre später. «Jene Auseinandersetzung, ausgetragen in einer politisch überreizten Atmosphäre, war weit mehr als nur ein Spiel. Für uns, die wir fast alle im Militärdienst standen, galt es, Ehre einzulegen für das Vaterland. Beim Abmelden bemerkte mein Kommandant: ‹Wenn ihr gewinnt, dann gibt es acht Tage Urlaub.›»

Von offizieller Seite wird der freundschaftliche Charakter der Partie betont, um ja die Deutschen nicht zu provozieren. Das Dritte Reicht steht im Sommer 1941 auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung.
Vor dem Anpfiff begrüsst General Henri Guisan die Spieler einzeln per Handschlag.

«Es grenzte an Hochverrat und Majestätsbeleidigung», erzählte der Deutsche Spieler Helmut Schön später.

«Es grenzte an Hochverrat und Majestätsbeleidigung», erzählte der Deutsche Spieler Helmut Schön später.

Während des Abspielens der Nationalhymnen – für die Gäste wird neben «Deutschland, Deutschland über alles» entgegenkommenderweise auch das Horst-Wessel-Lied, der Kampfgesang der Nazis, intoniert – verharrt der General in Achtungstellung.

Die ihn flankierenden Gäste aus Deutschland recken keck den Arm zum Hitlergruss. Die Chronisten sind strengstens angehalten, den mächtigen Nachbarn ja nicht zu reizen. Eine Nummer der damaligen Fachzeitschrift «Le Sport Suisse» wird von der Eidgenössischen Kommission für Radio- und Pressewesen (der Zensurbehörde) wegen der Matchberichterstattung beschlagnahmt, und anschliessend darf das Blatt zur Strafe einen Monat lang nicht mehr erscheinen.

Der Journalist Emile Birnbaum hatte unter anderem geschrieben: «Ohne Zweifel, die Lust, die Deutschen zu schlagen, war gross im Lande. Das sollte eine Demonstration der Unabhängigkeit und des Widerstandswillens werden. Welch einmalige Gelegenheit, unter dem Deckmantel des Sportes unsere wahren Gefühle zu zeigen. Die Ärzte sollten zur nationalen Hygiene jeden Monat ein solches Schauspiel verschreiben.» Und provozierte im Matchbericht mit der Sprache des Krieges.

Das starke Kopfballspiel der Deutschen verglich er mit den Stukas, den gefürchteten Sturzkampfbombern. «Sie dachten wohl, ihre Luftwaffe sei auch im Fussball entscheidend. Bern hat sie eines Besseren belehrt.» Das Spiel der Schweizer mahnte den Schreiber an die Kampfweise der alten Eidgenossen und an Winkelrieds Opfertod in der Schlacht von Sempach anno 1386.

«Sie spielten einfach, direkt, offen, weite Pässe über das Feld, Spielaufbau aus der Tiefe, überall Bälle um das deutsche Schema aufzureissen, den Gegner rennen zu lassen und Gelegenheiten zum Durchbrechen zu schaffen. Mächtig unterstützt von der Menge schufen die Schweizer ein neues Sempach.»

Rund 38'000 Zuschauerinnen und Zuschauer waren an diesem 20. April 1941 im Wankdorf dabei.

Rund 38'000 Zuschauerinnen und Zuschauer waren an diesem 20. April 1941 im Wankdorf dabei.

Der Sport wird wieder unschuldig und neutral

Die Schweizer haben während des Krieges unter Nationaltrainer Karl Rappan noch drei weitere Spiele gegen Deutschland ausgetragen. Am 9. März 1941 unterlagen sie in Stuttgart 2:4. Am 1. Februar 1942 gelang in Wien ein Auswärtssieg mit 2:1 und am 18. Oktober 1942 revanchierten sich die Deutschen in Bern mit 5:3. Sie hüteten sich, nochmals an einem 20. April anzutreten.

Nach dem Krieg reichen die Schweizer die Hand zur Versöhnung: am 22. November 1950 ermöglichen sie dem vom internationalen Spielverkehr ausgeschlossenen Deutschland in Stuttgart das erste Länderspiel der Nachkriegszeit. Deutschland gewinnt das Spiel mit 1:0. Mit dem Ende des Krieges wird unser Sport politisch wieder mehr oder weniger unschuldig und neutral.

Ein politisch aufgeladenes Spiel wie am 20. April 1941 hat es nie mehr gegeben. Das Kriegsende im Mai 1945 ist auch der Anfang des goldenen Jahrzehntes unseres Sports mit den Olympischen Spielen (1948 in St. Moritz) und einer Fussball-Weltmeisterschaft (1954).

Die Unversehrtheit unseres Landes ist ein Wettbewerbsvorteil, der erst im Laufe der 1950er-Jahre verloren geht. 1948 holen die Schweizer bei den Olympischen Sommerspielen in London 20 Medaillen (Rekord in der Nachkriegszeit). Die 10 Medaillen von St. Moritz 1948 werden erst 1988 in Calgary übertroffen. Es sind die Erfolge der «Kriegsgeneration», und als diese die Bühne verlässt, muss unser Sport nach dem Tiefpunkt von Innsbruck (zum einzigen Mal ohne Medaille bei Winterspielen) 1964 von Grund auf neu organisiert werden.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1