Es hat schon fast etwas Meditatives. Während es draussen heiss ist und die sommerliche Sonne unbarmherzig vom Himmel runterbrennt, sitzt der gemeine Velofan drinnen in der guten, abgedunkelten Stube und schaut stundenlang dabei zu, wie knapp 200 Veloprofis die schönen Landschaften Frankreichs durchmessen. Sommerzeit – Tour-de-France-Zeit.

Das wichtigste Strassenrennen der Welt vermag die Massen unvermindert zu begeistern. Sowohl an der Strecke als auch daneben. Aber die Tour de France ist inzwischen auch so etwas wie die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Der Strassenradrennsport tut sich abseits der für Sponsoren lukrativen, grossen Weltbühne schwer. Auch in der Schweiz.

Gippingen – das Letzte seiner Art

Die Zahlen sprechen für sich. Die Anzahl der Lizenzierten im Bereich Strasse hat sich bei Swiss Cycling seit 2010 um einen Viertel von gut 800 auf 600 reduziert. In den 1990er-Jahren bewegte man sich noch im hohen, vierstelligen Bereich.

So gingen die Zahlen der Lizenzierten zurück.

So gingen die Zahlen der Lizenzierten zurück.

Ähnlich verheerend sieht die Bilanz bei den Strassenrennen aus. Einst konnten ambitionierte Nachwuchsfahrer in der Schweiz im Wochenrhythmus an gut besetzten Wettkämpfen teilnehmen. Inzwischen ist die Anzahl auf unter 20 geschrumpft. Ganz zu schweigen von den Rennen mit internationaler Ausstrahlung. Der GP des Kantons Aargau in Gippingen ist quasi das Letzte seiner Art.

Das einst grösste Eintagesrennen des Landes, die «Züri-Metzgete», wurde 2006 zum letzten Mal auf höchstem Niveau ausgetragen. Danach noch einige Jahre als nationaler Event mit Breitensport-Charakter. 2014 wurde das Rennen aus finanziellen Gründen eingestellt. Dasselbe Schicksal erlitten seit der Jahrtausendwende eine ganze Reihe weiterer, traditioneller Radrennen (Box links).

Ueli Schumacher, Organisator der Nachwuchs-Rundfahrt GP Rüebliland und langjähriger Radsport-Förderer, sieht das Hauptproblem an der Basis: «Es gibt immer weniger Vereine und immer weniger Trainer, die sich im Strassenradrennsport engagieren.»

Inzwischen lassen sich hierzulande die Klubs, die den Nachwuchs-Strassensport ernsthaft betreiben, an zwei Händen abzählen. Kommt dazu: Meistens bleibt das Engagement an Einzelpersonen hängen, die irgendwann mal genug haben – und nach ihrem Rücktritt ein Vakuum hinterlassen, welches nicht mehr gefüllt werden kann.

Populär als Breitensport

Mit diesen lokal stark verankerten Persönlichkeiten, die jahrelang mit Herzblut für ihren Sport eintraten und auch bei Behörden sowie bei Sponsoren Klinken putzten, geht nicht nur viel Know-how verloren, sondern bricht oft auch die finanzielle Basis weg. So lukrativ der Strassenrennsport dank seiner TV-Präsenz auf höchster Ebene für Sponsoren immer noch ist, so schwierig ist es, für kleinere Rennen und Sportgruppen Geldgeber zu gewinnen.

Das ist umso erstaunlicher, als dass die «Gümmeler» punkto Breitensport immer noch sehr populär sind. Thomas Peter, der Chef Leistungssport bei Swiss Cycling, hat auf Mallorca im Rahmen von Velo-Trainingswochen schon unzählige Kilometer an der Seite von CEOs diverser Schweizer Firmen abgespult. «Diese Leute sind extrem fit, verbringen bis zu 10 000 Kilometer im Jahr auf dem Velo. Sie für den Radsport zu begeistern, muss eines unserer Ziele sein.»

Als eine Art Vermittler zwischen den Fronten sieht sich auch der zurückgetretene Doppel-Olympiasieger Fabian Cancellara. Er hat mit «Chasing Cancellara» eine eigene Renn-Serie lanciert, in welcher sich Hobby-Gümmeler direkt mit der Schweizer Radsport-Ikone messen können.

Fabian Cancellara versucht, ein Bindeglied zu sein.

Fabian Cancellara versucht, ein Bindeglied zu sein.

Er sagt: «Wenn man die Leute zur Bewegung animieren kann, dann sind sie dankbar. Ich sehe nun beide Seiten. Diejenige als Sportler, aber auch jene als Organisator. Man müsste die Begeisterung der Leute für den Strassenrennsport auf eine höhere Ebene transferieren können.»

Anders ausgedrückt: Das, was die Leute am Breitensport begeistert, müsste auch auf die Renn-Stufe übertragbar sein. «Für einen Anlass wie den ‹SlowUp› wird alles gemacht, für ein Velorennen nur die Hälfte», gibt Cancellara zu bedenken.

Er hofft, diese Situation dank persönlichem Engagement zu verändern: «Ich versuche, diesbezüglich ein Bindeglied zu sein.» Immerhin hat er es geschafft, dass seine Rennen auf komplett abgesperrten Strecken stattfinden.

Dichtestress im Mittelland

Ein Radrennen zu veranstalten, ist heutzutage mit einem erheblichen organisatorischen Aufwand verbunden. Bei den Behörden müssen Strassensperrungen beantragt werden, was oft einem administrativen Hindernislauf gleichkommt. Gerade in den Agglomerationen des Mittellands wird es schwieriger, die nötigen Sicherheitsstandards einzuhalten.

Das in den letzten Jahren immer grösser gewordene Verkehrsaufkommen verdrängte die Radrennen aus den publikumswirksamen Zentren. Ein Phänomen, mit welchem auch die Streckenbauer der Tour de Suisse zu kämpfen haben.

Apropos Sicherheit: Der zunehmende Dichtestress auf den Strassen hat ebenfalls einen Einfluss darauf, auf welches Pferd bzw. Velo die Nachwuchs-Radsportler setzen. Der Trend von der Strasse in Richtung Mountainbike und BMX ist offensichtlich.

Der Mountainbikesport wurde in den letzten Jahren populärer.

Der Mountainbikesport wurde in den letzten Jahren populärer.

Teils deshalb, weil es bei Swiss Cycling gemäss Thomas Peter zum Ausbildungskonzept gehört, die Kinder in diesen Disziplinen an den Radsport heranzuführen. Teils aber auch deshalb, weil man sich mit Mountainbike und BMX-Velo auf sicherem, weil vom Strassenverkehr geschützten Terrain bewegen kann.

Kommt dazu: «Der Weg an die Spitze ist im Strassenradsport lang und hart», sagt Peter. Vor dem Fernseher ist es allemal bequemer.