Skandal? Misstritt? Jugendlicher Leichtsinn? Wie immer man es bezeichnen mag, was im Januar 2014 in Schaffhausen geschah – die Konsequenzen waren einschneidend. Alen Milosevic feierte als 24-Jähriger mit heruntergelassener Hose vor einer Gaststätte. Ein Foto, das ihn so zeigt, wurde vom «Blick» veröffentlicht.

Der Schweizerische Handballverband verurteilte das Verhalten von Milosevic als ungebührlich und suspendierte ihn bis auf weiteres. Der Spieler entschuldigte sich via Anwalt und trat, im Stolz verletzt, zurück.

In diesem Sommer nun, über vier Jahre später, ist es endlich zum Schulterschluss gekommen. Luzia Bühler, SHV-Vorstandsmitglied, und Nationaltrainer Michael Suter bemühten sich intensiv um die Rückkehr des Kreisläufers, der sich beim Bundesligaklub Leipzig zur festen Grösse entwickelt hat.

«Es waren sehr nette Gespräche», berichtet der mittlerweile verheiratete 28-Jährige. «Das Projekt reizt mich sehr, weshalb ich nicht lange überlegen musste.» Der unrühmliche Zwischenfall sei eine blöde Geschichte, die er längst verarbeitet und vergessen habe.

Am Donnerstag, zum Auftakt der EM-Qualifikation in Osijek, gab Milosevic sein Comeback. Zwar konnte er beim klar favorisierten EM-Fünften Kroatien die 28:31-Niederlage nicht verhindern, sein grosses Potenzial stellte er mit fünf Toren aus fünf Versuchen dennoch unter Beweis.

Wieder aus eigener Kraft

Vor allem das Zusammenspiel mit Spielmacher Andy Schmid ist von gehobener Klasse und eröffnet der Schweiz neue Möglichkeiten. Auf diese ist sie denn auch angewiesen, schliesslich will sie erstmals seit der EM 2004 wieder einen Grossanlass aus eigener Kraft erreichen. «Mit Blick auf die Gruppe und unser Potenzial sollten wir es schaffen. Wir treten mit breiter Brust an», sagt Milosevic.

Seine eigene Brust ist jedenfalls von eindrücklichem Format, 105 Kilo bringt der 1,91 Meter grosse Schweizer mit bosnischen Wurzeln auf die Waage. Dabei war er zu seinen Zeiten beim BSV Bern noch viel schwerer, 117 Kilo wog er, «wobei meine Masse nicht produktiv war», wie er schmunzelnd anmerkt.

Durch eine Umstellung auf zucker- und kohlenhydratarme Kost habe er den Fettanteil in seinem Körper klar verringert. «Ich fühle mich fitter, bin in Topform», sagt er. Das untermalen seine Leistungen in Leipzig, wo er seit 2013 vom Notnagel zum Leistungsträger reifte, in die 1. Bundesliga aufstieg und mit dem Team zu einem soliden Mittelfeldklub avancierte, der die Grossen zu ärgern vermag.

Serbien, Gegner am Sonntag in Zug, spielte zum Auftakt gegen Belgien nur 27:27. Es scheint eine lösbare Aufgabe für Milosevic und seine Kollegen. Mit einem Sieg käme die Schweiz der lang ersehnten EM-Qualifikation einen wichtigen Schritt näher.