Herr Sutter, auf den Tag genau vor 100 Tagen haben Sie Ihren Job als Sportchef des FC St. Gallen angetreten. Wie ist es Ihnen seither ergangen?

Alain Sutter: Ich erlebte diese Zeit als sehr herausfordernd und unglaublich spannend. Es ist jedoch vieles genau so eingetreten, wie ich es erwartet habe.

Wie sind Sie in der Ostschweiz aufgenommen worden?

Sehr herzlich, und dafür bin ich dankbar.

Sie haben mit der Klubführung einige harte Personalentscheidungen getroffen. Der eine oder andere Mitarbeiter musste den Klub verlassen. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Jemanden zu entlassen, ist nie angenehm. Aber jede Entscheidung ist aus Überzeugung gefallen.

Ist der Verein nun so aufgestellt, wie es sich die neue Führung vorstellt?

Wir sind in einem rollenden Prozess, deshalb kann ich die Frage nicht abschliessend beantworten. Ich bin noch immer am Beobachten und Datensammeln. Es kann noch eine Weile dauern, bis wir wissen, ob alles zusammenpasst.

Ihre Beziehung zu Trainer Contini soll sachlich und kühl sein.

Wir pflegen ein ganz normales Verhältnis. Ich sehe null Probleme.

Der FC St. Gallen ist gegenwärtig auf einem Europacupplatz klassiert. Welche Bedeutung hätte eine Präsenz auf der internationalen Bühne?

Sie könnte für den Verein sehr wichtig sein. Einmal auf der finanziellen Ebene. Wenn YB das Double holt, ist der Tabellendritte direkt für die Gruppenphase in der Europa League qualifiziert. Die Europa League wäre aber auch sportlich und imagemässig wichtig, weil dann der Standort St. Gallen für den einen oder anderen Spieler spannender wäre. Und es gibt noch einen dritten Aspekt: Die Mannschaft bekommt Selbstvertrauen und Moral. Diese nimmt sie in die neue Saison mit und es gibt einen extra Start-Kick.

Ist Ihr Jobwechsel am Jahresende aus dem Nichts gekommen, oder haben Sie mit dem neuen Präsidenten Matthias Hüppi, Ihrem langjährigen Kollegen beim Fernsehen, ein solches Szenario in den letzten Jahren auch mal durchgespielt?

Nein. Das Ganze kam wie aus dem Nichts.

Der TV-Moderator und sein Experte 2004: Matthias Hüppi (links) und Alain Sutter berichteten mehr als ein Jahrzehnt gemeinsam über die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Kurz nachdem Hüppi seinen Wechsel zum FC St. Gallen bekannt gegeben hatte, folgte ihm auch der frühere Nationalspieler. Sutter ist in der Ostschweiz seit Anfang Januar als Sportchef tätig.

Der TV-Moderator und sein Experte 2004: Matthias Hüppi (links) und Alain Sutter berichteten mehr als ein Jahrzehnt gemeinsam über die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Kurz nachdem Hüppi seinen Wechsel zum FC St. Gallen bekannt gegeben hatte, folgte ihm auch der frühere Nationalspieler. Sutter ist in der Ostschweiz seit Anfang Januar als Sportchef tätig.

Aber Sie mussten nicht lange hirnen.

Ich habe mir schon meine Gedanken gemacht. Doch ich bin ein spontaner Mensch, der sich selber und seinem Gefühl vertraut. Ich fand es spannend, und die Rahmenbedingungen passten. Ich konnte den Verantwortlichen präsentieren, wie ich ticke und den Job interpretieren würde. Sie befanden das für gut. Und dann passte es für mich im Gesamtpaket.

Sie gingen kein Risiko ein?

Überhaupt nicht.

Sie hatten doch eine gut laufende Coaching-Praxis.

Ich hatte ein erfülltes Leben und beim Fernsehen, in meiner Praxis und mit Vorträgen Aufgaben, die ich sehr gerne hatte. Da musste das Neue schon etwas sein, das noch spannender war.

Was versprach noch mehr Spannung?

Als Sportchef kann ich zwar ganz viel machen, was ich zuvor auch getan habe. Ich habe viel mit Coaching und dem Begleiten von Menschen zu tun. Meine Ideen nun aber in einem anderen Umfeld, im Fussball auf professioneller Ebene, umzusetzen, das finde ich schon sehr spannend.

Wann und wo haben Sie eigentlich diese Fähigkeiten und Kenntnisse erworben?

Ich habe mich schon während meiner aktiven Karriere als Profi mit diesen Themen auseinandergesetzt. Es gab dann einen nahtlosen Übergang, als ich mit dem Fussball aufhörte. Ich habe verschiedene Ausbildungen absolviert. Mit dem Bücherschreiben kam schliesslich der Punkt, ab dem ich diesen Weg professionell ging.

Wie sehr müssen Sie sich nun aber auch mit administrativem Kram befassen, mit Reglementen und Verträgen?

Da muss ich mich schon reinlesen. Ich bin allerdings nicht der Bürosportchef. Ich strukturiere und baue das Ganze so auf, dass ich Zeit habe, um meine Stärken einzusetzen. Wir haben zum Beispiel einen Anwalt, der die Verträge macht.

Wie sehr hilft Ihnen Ihre bisherige Tätigkeit als Mentalcoach?

Ich war nicht Mentalcoach, sondern Stressmanager. Da geht es sehr stark darum, Leute in schwierigen Phasen in ihrem Leben zu begleiten. Profifussball hat natürlich das Potenzial für viel Stress. Darum hilft mir das schon sehr viel, wenn ich Leute in Drucksituationen begleite.

Vor ein paar Wochen hat der deutsche Weltmeister Per Mertesacker in einem Interview für Aufsehen gesorgt, als er beschrieb, wie schwer er sich mit dem immensen Druck im Fussball tue. Die Öffentlichkeit denkt, die Profis hätten einen Traumjob und verdienten erst noch eine Menge Geld damit. Welches sind Ihre Beobachtungen?

Ich nehme wahr, dass dieser Druck da ist. Ich habe es ja selber erlebt. In diesem Umfeld ist die Gefahr extrem und latent vorhanden, dass der Druck zu gross und ungesund wird.

Wird dieser Problematik im Fussball zu wenig Rechnung getragen?

Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass man nicht nur im Sport diesem Bereich zu wenig Beachtung schenkt, sondern allgemein im Leben.

Was können Sie in dieser Hinsicht dem Personal des FC St. Gallen geben?

Eigentlich nichts. Jeder muss sein Problem selber lösen.

Aber Sie könnten doch eine Hilfe sein.

Ich kann eine Unterstützung sein, ja. Es geht darum, den Menschen gewisse Dinge bewusst zu machen.

Manche Spieler leisten sich privat einen Mentalcoach. Würden Sie das jedem Profi empfehlen?

Selbstverständlich. Für mich gehört es grundsätzlich zu jedem Berufssportler, dass er einen Sportpsychologen, einen Mentaltrainer oder Stresscoach an seiner Seite hat. Es müsste heute Standard sein.

Ist das beim FC St. Gallen der Fall?

Nein, wie nirgendwo in der Super League. Um es zu verdeutlichen: Jeder Spieler müsste seinen individuellen Mentaltrainer haben.

Wie nahe sind Sie an der Mannschaft?

Ich bin keiner, der täglich in der Kabine sitzt und den Gesprächen zuhört. Ich pflege eine gewisse Distanz und eine gewisse Nähe. Man sieht und spürt mich. Ich hocke dem Team aber nicht auf der Pelle.

Sie selber wirken ausbalanciert. Gibt es nichts, was Sie wütend macht?

Selbstverständlich gibt es das. Wie bei jedem anderen Menschen auch.

Lachen und Freundschaften pflegen: Dies zwei von vielen Ratschlägen des ehemaligen Fussballers Alain Sutter für ein besseres Leben. (Archivbild)

Lachen und Freundschaften pflegen: Dies zwei von vielen Ratschlägen des ehemaligen Fussballers Alain Sutter für ein besseres Leben. (Archivbild)

Aber es bricht dann nicht wie ein Vulkan aus Ihnen?

Auch das kann passieren. Ich habe viele Facetten. Durch meine ganze Ausbildung weiss ich natürlich auch, warum es die Ausbrüche gibt. Ich kann sie einordnen und wieder zu mir zu kommen. Auch ich kann mit Schiedsrichtern hadern.

Wer ein Super-League-Team trainieren will, benötigt eine lange und seriöse Ausbildung. Als Sportchef braucht man dies nicht. Warum?

Ich bin froh, dass ich meinen Job mit 50-jähriger Lebenserfahrung angetreten habe. Ich war viele Jahre im Fussball, baute die Coaching-Praxis auf und war eine Zeit weg vom Fussball in der Privatwirtschaft tätig. Ich bin froh um diesen Erfahrungsschatz. Mein Rucksack ist prall gefüllt. Ohne diesen hätte ich den Job nicht machen wollen. Ob ich eine spezielle Sportchefausbildung bräuchte? Ich denke nein. Für mich hätte es keine bessere Ausbildung geben können, als jene, die ich hatte.

Sie waren bis zuletzt Sportchef der GC-Frauen. Profitieren Sie davon?

Es hilft alles. Ich hatte auch dort mit Menschen zu tun, mit dem Zusammenstellen einer Mannschaft und eines Trainerteams. Ich machte genau das Gleiche wie jetzt, aber einfach in einer anderen Dimension.

Sie haben Junioren trainiert und Frauen in der NLA. Hatten Sie nie Lust, eine Trainerkarriere einzuschlagen?

Ich finde den Trainerberuf super spannend, aber ich habe mit meinem Coaching-Job einen anderen Weg gewählt. Ein Trainer muss seinen Fokus voll auf die Ausbildung richten. Das wollte ich nicht.

Aber Erfahrungen und Ideen aus der Coaching-Praxis liessen sich doch als Trainer wunderbar anwenden. Gerade im Bereich der Menschenführung liegt das grösste Potenzial.

Richtig, und genau deshalb ist bei allem, was ich als Sportchef mache, exakt dies der Schwerpunkt.

Freut es Sie als Berner, der auch einmal eine Saison im Wankdorf gespielt hat, dass YB Meister wird?

Ich finde es megacool. YB arbeitet nachhaltig und wird belohnt dafür. Die Art und Weise freut mich. In Bern wird ein hervorragender Fussball gespielt. Mein persönliches Befinden ändert sich deswegen aber auch als Berner nicht.

Wenn jedoch wie zuletzt gegen YB 17 500 Zuschauer in den St. Galler Kybunpark kommen, dann schlägt Ihr Herz vermutlich schon höher.

Das war ein Happening. So, wie es in der ersten Halbzeit war, stelle ich mir das vor: ein volles Stadion, vier Tore, die Leute gehen mit, die Mannschaft spielt vorwärts und versucht Tore zu schiessen.

Und irgendwann soll ein Titel her.

Das muss nicht unbedingt sein. Ich möchte zuvorderst, dass die Leute Freude haben, wenn sie die Heimspiele besuchen. Wenn wir es schaffen, dass 17 500 Fans zu jedem Heimspiel kommen, dann haben wir einen guten Job gemacht und dann ist auch die Chance grösser, irgendwann einen Titel zu gewinnen.