Leichtathletik

Ajla Del Ponte: Die Sprinterin, die auch Poetin ist

Das Lächeln der neuen Seriensiegerin Ajla Del Ponte.

Das Lächeln der neuen Seriensiegerin Ajla Del Ponte.

Der Shootingstar der Schweizer Leichtathletik ist das Aushängeschild der nationalen Meisterschaften in Basel. Ein Besuch bei der Perfektionistin aus dem Tessin offenbart, dass die 24-Jährige auch in anderen Sparten Talent mitbringt.

Grazil anstatt bullig, explosiv anstatt kraftstrotzend. Die 24-jährige Tessinerin Ajla Del Ponte wirkt so sehr anders als die Mehrheit der hormongesteuerten Sprinterinnen und Sprinter, die mit viel Lärm und Show bereits auf der Startlinie beweisen wollen, dass sie unbezwingbar sind.

Selbst ihre Siegesgeste bei den zwei Erfolgen über 100 m an den Diamond-League-Meetings in Monaco und Stockholm – notabene etwas, was vor ihr niemand aus der Schweiz je geschafft hat – erinnerte vielmehr an das schüchterne Lächeln eines Schulmädchens nach dem ersten Kuss als an Usain Bolts extravagante Jubelpose nach einem seiner unzähligen Rekordläufe.

Del Ponte sagt, das entspreche ganz einfach ihrer Persönlichkeit. Sie lasse sich nicht gerne feiern. «Aber Sie können mir glauben, ich war sehr zufrieden». Wobei. In Stockholm sei sie nach dem Zieleinlauf zuerst enttäuscht von ihrer Leistung gewesen, «weil der Start schlecht war».

Auch das ein typischer Charakterzug. Ajla Del Ponte strebt die Perfektion an. Im Training und im Wettkampf, aber auch in ihrem Studium in Italienisch und Geschichte an der Uni Lausanne, wo sie ebenfalls zu den Allerbesten gehört. «Ich zeige auch an der Uni meine kompetitive Seite. Ich habe nun mal hohe Erwartungen an mich», erklärt die Tessinerin aus Bignasco im Maggiatal.

Ein Leichtgewicht unter den Sprinterinnen

Körperlich hat sie bei einer Grösse von 1.68 m zwar seit ihrem Wechsel zu Trainer Laurent Meuwly im Herbst 2015 rund acht Kilogramm an Muskelmasse zugelegt, mit knapp 58 kg bleibt sie für eine Sprinterin aber nach wie vor ein Leichtgewicht. Vor allem ihr zierlicher Oberkörper könnte auch der einer Mittelstreckenläuferin sein. Trotzdem kam sie bisher praktisch ohne Verletzungen durch ihre Karriere. Selbst in diesem Frühjahr, als sie wegen Corona mehrere Wochen lang auf jegliche Physiotherapie verzichten musste. Erstaunlich auch, weil sie mit ihrem ausgesprochenen Ehrgeiz eine Athletin ist, die man im Training bremsen muss.

Bis im Frühjahr kannte man Del Ponte vor allem als Mitglied der starken Sprintstaffel mit Mujinga Kambundji, Salomé Kora und Sarah Atcho. Im Scheinwerferlicht stand sie trotz Schweizer Rekorden am Fliessband nie. Dieses gehörte selbstredend WM-Medaillengewinnerin Kambundji. Im Corona-Jahr hingegen ist alles etwas anders. Alle drei Staffelpartnerinnen sind verletzt, während Del Ponte mit einer Zeit von 11,08 Sekunden am 11. Juli in Bulle in neue Sphären vorstiess und ihre Bestmarke gleich um 13 Hundertstelsekunden verbesserte.

Die Verletzungshexe im Schweizer Sprintteam verunmöglicht es Del Ponte auch, an den Schweizer Meisterschaften in Basel etwas zu schaffen, was ihr bisher in ihrer Karriere noch nie gelungen ist: Mujinga Kambundji im direkten Duell zu bezwingen.

Zehn Siege in Serie gegen starke Konkurrenz

Dass ihre Leistung von Bulle keine Eintagesfliege unter idealen Bedingungen war, bewies die Tochter eines Schweizers und einer Bosnierin im Verlauf des Sommers eindrücklich. Zehn Siege in Serie reihte Del Ponte in der wohl bedeutendsten Disziplin der Leichtathletik aneinander, ehe sie am vergangenen Sonntag am Meeting in Polen erstmals seit Monaten wieder zwei Konkurrentinnen den Vortritt lassen musste.

Trotzdem darf man festhalten, dass sich die 24-Jährige, die fünf Sprachen fliessend spricht, auf ein neues Level gehievt hat. Sie selber stapelt eher tief, spricht davon, dass das Niveau wegen Corona deutlich tiefer sei und viele Spitzenläuferinnen erst im Olympiajahr wieder ihr ganzes Leistungsvermögen ausspielen würden. Doch Siege sind über 100 m, wo Psychospielchen einen zentralen Teil des Wettkampfs ausmachen, eine goldene Währung. Und Ajla Del Ponte weiss jetzt, dass sie auch die Besten schlagen kann. «Es ist ein wichtiger Schritt in Richtung Olympia», sagt sie, «mein Selbstvertrauen ist viel höher als noch im letzten Jahr».

Del Ponte, die seit 2019 gemeinsam mit Hürdenläuferin Lea Sprunger bei Laurent Meuwly auf dem Olympiastützpunkt der Niederländer in Papendal trainiert und dort jeweils blockweise mehrere Wochen lebt, sagt, dass sie zwar aufgrund ihrer Trainingswerte eigentlich schon im Vorjahr bereit für diese Leistungen gewesen wäre, aber verschiedene Faktoren dafür gesorgt hätten, dass es noch nicht richtig klappte.

Der Wechsel mit Meuwly von Lausanne nach Papendal habe Zeit gebraucht, «da ich eine Person bin, die zuerst Vertrauen in eine neue Situation gewinnen muss». Und auch die Arbeit mit ihrem Mentaltrainer in Lausanne seit 2018 sei ein wichtiges Mosaiksteinchen. «Im letzten Jahr hätte ich ein Rennen wie in Stockholm nach diesem schlechten Start niemals gewonnen», sagt Del Ponte. Sie sei selber überrascht gewesen, wie locker sie nun auf der Bahn blieb. Auch dies eine Folge ihrer Entwicklung zur Siegläuferin.

Bücherwurm und Poesie-Liebhaberin

In Basel strebt sie die Titel über 100 m und 200 m an. Aber auch eine Bestätigung ihres aktuellen Leistungsniveaus in Zahlen. Und dann, nach dem Heimmeeting in Bellinzona, ist diese spezielle Saison auch schon wieder vorbei. Der Blick geht Richtung Olympia in Tokio. «Die Erwartungen werden grösser und damit auch der Druck, den ich mir mache», sagt Del Ponte.

Wichtig also auch Zeit, um abzuschalten. Gerade für eine Person wie Ajla Del Ponte, die stets hochtourig durch den Sportalltag hetzt. Abschalten könne sie am besten bei ihrer Familie, ihren Eltern und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Karim, der Eishockeyprofi in Diensten von Ambri-Piotta ist.

Und da wäre als Insel inmitten des Drangs nach Perfektion auch noch ihre Liebe zur Literatur. Sie liest viel und selbst diese Entspannung geht nicht ganz ohne persönliche Vorgabe. «Ich will 20 Bücher im Jahr schaffen. Sogar hier setze ich mir Ziele», sagt Ajla Del Ponte und lacht. Nur bei der eigenen literarischen Arbeit scheint sie weniger ehrgeizig. Die 24-Jährige schreibt poetische Geschichten und Gedichte. Dann, wenn sie die Muse packt. Etwa jüngst während der Busreise von einem Wettkampf in Polen nach Tschechien. Aber diese Werke behält sie für sich. Ihr Poesiealbum hat den Weg in die Öffentlichkeit noch nicht gefunden. Aber man kann fast sicher sein: Auch ihre literarische Leistung wäre ziemlich gut.

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