Tod von Muhammad Ali
Adieu, Champ – Schweizer Wegbegleiter von Ali verabschiedet sich

Muhammad Ali ist tot. Kein Schweizer kannte ihn besser als der Journalist Mario Widmer. Der Wegbegleiter des grössten Boxers aller Zeit verabschiedet sich von seinem Freund. Und erinnert sich.

Mario Widmer
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Journalist Mario Widmer und Ali an einem Medientermin in Zürich 1971.

Journalist Mario Widmer und Ali an einem Medientermin in Zürich 1971.

KEYSTONE

Vor zwei, drei Jahren rief mich Erhan Emre an. Ein türkischstämmiger deutscher Schauspieler, auch aus den Istanbuler Krimis bekannt. Er sagte damals zu mir: «Der Produzent Peter-Jörg Klein aus Berlin hat erfahren, dass es eine noch unveröffentlichte Filmrolle von den Tagen rund um den Ali-Kampf 1971 in Zürich gibt mit sensationellen Bildern und Aussagen von Muhammad Ali. Wir möchten gerne einen neuen Film daraus machen. Kannst du uns helfen?»
Ich hätte gerne geholfen. Denn mir war daran gelegen, Muhammad Ali in ein richtiges Licht zu rücken. Ihn als Menschen zu zeigen. Denn das war er auch. Neben der Legende, die das Produkt von Instrumentalisierungen aller Art ist.
Es kam nicht dazu. Zu grosse finanzielle Interessen verstecken eine der grössten Geschichten des Sports mit aller Macht. Jene über Ali, was und wer er wirklich war. Darüber später mehr.

Meine Freundschaft zu Ali

Zuerst zum Kapitel um den Kampf vom 26. Dezember 1971 zwischen Muhammad Ali und dem Hamburger Jürgen Blin. Diese Geschichte kann keiner vor mir verstecken, denn niemand kennt sie besser als ich. Meine Freundschaft zu Ali machte sie möglich.

Muhammad Ali ist im Alter von 74 Jahren gestorben
17 Bilder
Für viele ist Muhammad Ali der beste Boxer aller Zeiten. Hier feierte er seinen 70.Geburtstag
Der 12-jährige Muhammad Ali, der als Cassius Clay geboren wurde.
Muhammad Ali beim legendären Sieg vor 50 Jahren gegen Sonny Liston.
Ein Bild aus dem Training, das Ali abseits des Rampenlichts zeigt.
Muhammad Ali trifft seinen Rivalen Joe Frazier beim legendären «Thrilla in Manila» 1975 mitten ins Gesicht. Platz 1: Muhammad Ali trifft seinen Rivalen Joe Frazier beim legendären «Thrilla in Manila» 1975 mitten ins Gesicht.
Muhammad Ali (links) und Joe Frazier während eines Kampfes im New Yorker Madison Square Garden im Januar 1974.
Muhammad Ali (in den roten Shorts) und Joe Frazier in Runde 5 oder 6 ihres Kampfes im Madison Square Garden im März 1971.
Muhammad Ali ist gestorben
1964: Muhammad Ali steht mit Malcolm X in New York.
Muhammad Ali (rechts) 1966 mit seinem Freund Jim Brown im Hyde Park, London
Muhammad Ali versucht bei einem Martial-Arts-Kampf 1976 Kicks von Wrestler Antonio Inoki abzuwehren.
1977: Fussballer Pele umarmt Muhammad Ali.
1976: Muhammad Ali versucht, einem Schlag von Ken Norton auszuweichen.
Muhammad Ali 2012 bei einer Gala in London.
Der Boxer litt seit 32 Jahren an der Parkinson-Krankheit
Die Boxhandschuhe von Sonny Liston (vorne) und Muhammad Ali

Muhammad Ali ist im Alter von 74 Jahren gestorben

KEYSTONE/DPA / EPA FILE/JAN WOITAS

10 000 Dollar für Ali

Ich half nicht sehr gern. Um Muhammad Ali waren damals fast nur und dafür sehr fanatische schwarze Männer, die alle Weissen hassten und Business fast nur unter sich besprachen.
Warum sie mich tolerierten? Vielleicht, weil ich Ali geholfen hatte.

Damals, als er in den USA nicht boxen durfte – wegen seiner Weigerung, Militärdienst zu leisten. Ich hatte ihm eines Tages 10 000 Dollar in Traveller Checks nach Chicago gebracht und ihn als Kolumnisten angestellt. Vielleicht, weil ich mit Richard Durham, Alis Chronisten und Sohn eines Bürgerrechtlers aus Chicago, befreundet war?

In Saus und Braus

Ein deutscher Industrieller, der sich in der Westschweiz niedergelassen hatte, und ein Berner Anwalt zogen die finanziellen Fäden für den emsigen Zürcher Hansruedi Jaggi. Als die Gegenleistungen nicht erfolgten, kappten sie den Finanzfluss mehrmals während der Zeit, in der Muhammad Ali mit gut 50 Begleitern im Zürcher Hotel Atlantis logierte.

Vor allem die Begleiter des Champs genossen das Zürcher Nachtleben sehr engagiert und ungeniert in Saus und Braus und setzten sämtliche Spesen dafür einfach auf die Hotelrechnung.
Und so drohte das Ali-Management mehrmals in der Woche vor dem Kampf, frühzeitig wieder abzureisen, wenn die abgemachten Zwischen-Zahlungen nicht erfolgen würden.
Bei wem wohl? Nun, bei mir, ich war der Einzige, den sie kannten. Dass der Fight am Ende doch stattfand, ein kleinerer Spaziergang für den Champ bis zum K. o. in der siebenten Runde, ist für mich noch heute mehr als ein Wunder.

Muhammad Ali (rechts) 1966 mit seinem Freund Jim Brown im Hyde Park, London.

Muhammad Ali (rechts) 1966 mit seinem Freund Jim Brown im Hyde Park, London.

keystone

Der letzte Teil der Zahlungen an Ali, gewiss über eine Million Dollar, erfolgte nie, wahrscheinlich mit der Begründung, die Gegenseite hätte nicht alle ihre Verpflichtungen erfüllt. Wobei es sich anscheinend um die Abtretung gewisser Video-Rechte handelte, wie es sich über 40 Jahre später erweisen sollte, als Erhan Emre und Peter-Jörg Klein ihren Film mit den Aufnahmen von Zürich nicht drehen konnten.
Nicht nur wollte die Witwe von Hansruedi Jaggi für ihre eingekellerten Filmrollen viel zu viel Geld, eine New Yorker Anwaltsfirma, die alle Ali-Memorabilien beansprucht, verwaltet und verkauft, brachte finanzielle Drohungen und eine siebenstellige Summe ins Gespräch.

Bereit für jeden Spass

Ali benahm sich in Zürich, trotz allen finanziellen Problemen, so normal wie immer. Er war sehr nett zu allen Leuten, die ihn natürlich anhimmelten. Ali machte jeden Spass mit: ein kleines Sparring im Ring mit dem «Blick»-Reporter Josef Brazerol. Er beantwortete am Telefon alle Fragen der «Blick»Leser, lief für den Fotografen den Üetliberg hoch. Er kaufte riesige Schuhe an der Langstrasse, überliess seinem Trainer Angelo Dundee die 10 000 Dollar Erlös für die Adidas-Boxschuhe, die er im Ring getragen hatte.

Muhammad Ali bezwang George Foreman im "Rumble in the Jungle" 1974 in Kinshasa.

Muhammad Ali bezwang George Foreman im "Rumble in the Jungle" 1974 in Kinshasa.

KEYSTONE/AP/ANONYMOUS
1964: Muhammad Ali steht mit Malcolm X in New York.

1964: Muhammad Ali steht mit Malcolm X in New York.

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1976: Muhammad Ali versucht, einem Schlag von Ken Norton auszuweichen.

1976: Muhammad Ali versucht, einem Schlag von Ken Norton auszuweichen.

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Was für ein Leben

Alis Weg führte vom naiven Jungen vom Lande, der Olympiasieger in Rom wurde, zum instrumentalisierten Hasser fast aller Weissen, dann zum Vermittler zwischen den Rassen und Religionen. Der Weg führte vom wunderbaren Athleten zum unbesiegbaren Boxer und Bösewicht bis zum Darsteller aller menschlichen Schwächen, als er 1996 in Atlanta zittrig und angeschlagen vor meiner damaligen Haustür das Feuer Olympias entfachte.
Jetzt ist er gestorben. Was für ein Leben. Was für ein Triumph. Was für eine Zeit. Was für eine Geschichte.

Adieu, Champ.

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