Ob Rio, Peking oder Athen, die Olympischen Spiele mögen zwar immer an einem anderen Ort ausgetragen werden, doch etwas haben sie alle gemein: die Akkreditierung. Ohne das postkartengrosse Plastikanhängsel mit Passfoto kommt kein Sportler weit. Auch nicht Superstars wie Kunstturnerin Simone Biles oder Schwimmer Michael Phelps.

Ganz nach dem Motto: «No accreditation? No access!» Selbst die Toilette kann einem im blödesten Moment (etwa vor dem Rennen) verwehrt bleiben. Doch hat man im Akkreditierungscenter einmal in die Kamera geblinzelt, ein leicht beschämt-nervöses Lächeln aufgesetzt und das Ding um den Hals gehängt, kann das Abenteuer Olympia beginnen.

Und dieses startet im Athletendorf. In Athen 2004 war das ein geschlossener Wohnkomplex. Ein Dorf, wie auf Sportler zugeschnitten. Für Athleten und Betreuer standen auf dem 1,2 Quadratkilometer grossen Areal 366 mehrstöckige Häuser bereit. Es gab ein 50-m-Trainingsbecken, zwei riesige Fitnesscenter, Sauna, Post, Bank, Internetcafés und Telefonkabinen (jaja, damals wusste man noch nicht, was ein iPhone ist). Um die Muskeln der Sportler zu schonen, zirkulierten Autobusse – im 24-Stunden-Takt.

Mc-Donald's sehr beliebt

Das Beste war zweifellos die Mensa. Ein Schlaraffenland ohnegleichen. Gleichzeitig ein Ort, an dem es rund um die Uhr etwas zu sehen gab: Zum einen waren da die nordkoreanischen Sportler, die geordnet in das grosse Essenszelt marschierten. Oder die amerikanischen Leichtathleten, die sich cool und Sprüche reissend an den Buffetstationen bedienten.

Wobei: Viele von ihnen waren in der Mc-Donald’s-Ecke anzutreffen (fairerweise ist anzumerken, dass auch die Basketballer einen gewissen Hang zum Fastfood an den Tag legten). Zum anderen sah man die chinesischen Kunstturnerinnen, die unscheinbar an den Tischen sassen, ihre Beine baumeln liessen und aus den halb leeren Tellern assen.

In der Mensa kamen nicht nur die verschiedensten Kulturen – 202 Nationen waren in Athen vertreten – zusammen. Auch nutzten wir die Gelegenheit, um mit den anderen Mitgliedern des Swiss-Olympic-Teams einen Schwatz zu halten. Insbesondere, weil die Tagesabläufe von Sportart zu Sportart verschieden waren.

Doch trafen wir auf andere rot-weiss gekleidete, mit «Helvetia» angeschriebene Athleten, war es immer ein Vergnügen. Manchmal gingen wir auch ohne Hunger ins Essenszelt. Dann sassen wir da und nippten an einem Getränk – in der Hoffnung, den einen oder anderen Superstar zu erspähen.

Olympische Ringe erhöhen den Druck

Apropos Tagesablauf: In der Regel bedeutete dies zweimal Schwimmbad und zurück. Aufstehen, frühstücken, zur Car-Station gehen (und den richtigen Bus erwischen), zum rund 15 Kilometer entfernten Pool fahren, trainieren, die Vorläufe der Teamkollegen schauen. Anschliessend zurück ins Athletendorf, essen, kurzes Nickerchen – und am Nachmittag dasselbe.

Gleiches Programm galt auch am Tag, an dem wir die 4×100-m-Lagen-Staffel schwammen. Zwar war man es von Europameisterschaften gewohnt, auf Cracks wie Franziska «Franzi» van Almsick oder «Schwimm-Zar» Alexander Popov zu treffen. Doch die olympischen Ringe, die überall von den Plakaten prangten, die gewaltige Stimmung im Schwimmstadion und die Bewunderung, die uns Sportlern entgegengebracht wurde, erhöhten den Druck.

So sagte ich mir nicht selten: «Hey Carla, du bist an Olympia. Du kannst es dir nicht leisten, abzusaufen!» So weit kam es zwar nicht. Wir stellten einen Schweizer Rekord auf. Mit meiner Zwischenzeit (ich schwamm an dritter Position die 100-m-Delfin-Strecke) war ich dennoch nicht zufrieden.

Um griesgrämig zu sein, blieb keine Zeit. Wir hatten Glück. Wir durften bis zum Ende der Spiele in Athen bleiben (insgesamt waren es fast drei Wochen). Das hiess so viel wie: Trainieren, da keine zwei Monate später die Weltmeisterschaften anstanden, und die anderen Wettkämpfe besuchen.

Dazu gehörte etwa Beachvolleyball, Leichtathletik und Kunstturnen. Auch dem Zentrum Athens statteten wir einen Besuch ab. Je näher die Schlussfeier kam, desto öfter traf man auf den Strassen auf andere Athleten. Clubs und Bars füllten sich. Eine Party jagte die andere. Für uns Athleten war der Eintritt unter Vorweisung der Akkreditierung (wie könnte es auch anders sein) gratis. Meistens gab es einen Drink dazu.

Auch im Athletendorf schwappte die Stimmung über: von konzentriert-angespannt zu ausgelassen-lässig. Abends wurde es zunehmend laut, man traf sich auf der Strasse, in den Internetcafés. Dass es dabei zum Austausch von Körperflüssigkeiten kam, ist kein Geheimnis.

Der britische Hersteller Durex verschenkte in Athen rund 130 000 Kondome (in Rio waren es rund 450 000). Doch zu verallgemeinern und zu sagen, im Dorf werde wie wild draufloskopuliert – oder wie der US-Schwimmer Ryan Lochte in London 2012 sagte: «In Peking hatte ich eine feste Freundin. Das war ein grosser Fehler. Jetzt bin ich Single, ich bin ganz aufgeregt» –, wäre etwas übertrieben.

Was hingegen nicht übertrieben ist: Zu sagen, dass die Eröffnungs- und die Schlussfeier überwältigend waren. Unter tosendem Applaus von 74 000 Zuschauern – und hinter Fahnenträger Roger Federer (vor dem  Einmarsch stellte er sich mit einem «Hoi, ich bin de Rodscher» vor) – ins Stadion einzulaufen, ist unbeschreiblich.

Eröffnungszeremonie Olympische Spiele Athen 2014

Eröffnungszeremonie Olympische Spiele Athen 2014

Einige Wochen zum "klarkommen" nötig

Während bei der Eröffnung jede Nation separat einlief, rannten wir bei der Schlussshow alle gemischt ins Stadion. Man knipste Fotos, tauschte die Team-Kleidung mit derer anderer Nationen und schaute sich das Spektakel an. Was der Stimmung ein besonderes Flair verlieh: Dass die Olympischen Spiele der Neuzeit nach 1898 zum zweiten Mal in Athen ausgetragen wurden.

Eng ums Herz wurde mir, als das olympische Feuer erlosch. Das Stadion wurde dunkel, ein letzter tosender Applaus. In diesem Moment wusste ich: Das Abenteuer war vorüber.

Einmal zurück in der Schweiz, blieb die Leere. Der Kopf war noch immer in Athen. Ich wollte nicht wahrhaben, dass nun Schluss war. Es dauerte einige Wochen, bis ich wieder in den Alltag mit Studium und Training fand, mit dem «realen Leben» wieder klar-kam. Und ab und zu, wenn mich dann doch wieder die Sehnsucht übermannte, kramte ich eines der Olympia-Erinnerungsstücke hervor: den Akkreditierungs-Badge.