Noel Niederbergers Problem ist sein Kopf. Vor eineinhalb Jahren stürzt er im Motocross-Training in Italien schwer. Die Untersuchung in der Schweiz ergibt jedoch nur eine leichte Hirnerschütterung. Eigentlich nichts Schlimmes.

Eigentlich. Niederberger sagt: «Ich habe seither Mühe, mich zu konzentrieren, und habe oft Schwindelanfälle.» Manchmal fühle er sich schnell, doch sein Kopf spiele ihm einen Streich. Es ist ein Gefühl der Ungewissheit, das dem 23-Jährigen zu schaffen macht. Später in der Physiotherapie stellt sich heraus, dass seine ersten zwei Halswirbel verdreht sind und dies direkte Auswirkung auf seine Konzentrationsfähigkeit hat.

Der Aargauer ist amtierender Schweizer Meister im Downhill und trifft an der Weltmeisterschaft in Lenzerheide (5. bis 9. September) auf die versammelte Weltelite. «Ich bin extrem motiviert und freue mich riesig, vor meinen Fans fahren zu dürfen. Es gibt nichts Grösseres für mich», sagt er. Und damit hat er recht. Es ist die grösstmögliche Bühne, die sich Niederberger und seinen Downhill-Kollegen in Lenzerheide bieten wird. SRF 2 überträgt die Cross Country- und Downhill-Finals der Mountainbike-Weltmeisterschaften live. Eigentlich ist alles angerichtet. Aber eben: eigentlich…

Noel Niederberger freut sich auf die WM: «Ich bin extrem motiviert und freue mich riesig, vor meinen Fans fahren zu dürfen. Es gibt nichts Grösseres für mich.»

  

Hilfe eines Chiropraktikers

Nach der WM will sich Niederberger in einer Klinik behandeln lassen, vorher mit einem Chiropraktiker alles dafür tun, dass ihm sein Kopf während der WM keine Streiche spielt. Dass seine Probleme zumindest für ein Rennwochenende verschwinden können, hat sein Downhill-Schweizer-Meister-Titel gezeigt, als er auf schwieriger Strecke souverän zum Sieg fuhr. Niederbergers Hoffnung ist, dass er nochmals so beschwerdefrei fahren kann wie Ende Juli an den Schweizer Meisterschaften.

Die Gewissheit und das Selbstvertrauen, dass er schnell fahren kann, wenn alles passt, die hat Niederberger. Und dass ihm die steinige und schnelle Strecke in Lenzerheide liegt, hat er in diversen Weltcuprennen gezeigt. Und so sagt der Downhill-Fahrer: «Wenn es gut läuft, ist ein Platz in den Top 15 möglich. Wenn es sehr gut läuft, sogar ein Rang unter den besten 10.» Doch alles hängt davon ab, wie es seinem Kopf geht, wenn er oben am Start steht und anschliessend auf der Strecke fährt. So will Niederberger seine Rangziele auch nicht als Erwartung verstanden haben. «Ich habe aus der Vergangenheit gelernt, dass man sonst nur enttäuscht wird», sagt der Aargauer.

Noel Niederberger bei einer Downhill-Fahrt

Neu als Profi

Auf diese Saison hin hat Niederberger den Schritt ins Profibusiness gewagt. Und auch wenn die Erfolge aufgrund seiner Konzentrationsschwierigkeiten mit Ausnahme des Schweizer-Meister-Titels ausgeblieben sind, ist er zufrieden mit der momentanen Situation. «Weil ich noch zu Hause wohne, kann ich vom Sport leben und habe im Vergleich zu früher viel bessere Trainingsmöglichkeiten.» Grund dafür ist, dass Niederberger im Hinblick auf dieses Jahr viele Sponsoren gewinnen und so seinen Traum vom Downhill-Profi verwirklichen konnte.

Zu wenig ernst genommen

Zuvor war der gelernte Forstwart zwei Jahre Halbprofi. Er arbeitete von Oktober bis April im Wald und die restlichen Monate widmete er seinem Sport. Auch wenn ihm die Arbeit als Forstwart gefällt, kann er sich in nächster Zeit keine Rückkehr in den Beruf vorstellen. «Die Arbeit im Wald laugt mich im Hinblick auf den Sport zu fest aus», sagt Niederberger. In den Wintermonaten könne er sich aber vorstellen einer körperlich weniger strengen Arbeit nachzugehen, damit er noch etwas mehr Geld für seinen Lebensunterhalt zur Verfügung habe.

Viel mehr Medienpräsenz und somit öffentliche Aufmerksamkeit erfährt die zweite Disziplin, welche an der WM ausgetragen wird – das Cross Country mit den Schweizer Ausnahmeathleten Nino Schurter und Jolanda Neff. Den Wahrnehmungs-Unterschied der beiden Disziplinen ortet Niederberger vor allem darin, dass die Öffentlichkeit noch immer einen falschen Eindruck von den Downhill-Fahrern hat: «Immer noch gelten wir in der Öffentlichkeit zu oft als Rock ’n’ Roller und Adrenalinjunkies. Zu selten werden wir als richtige Sportler wahrgenommen», erklärt der 23-Jährige.

Mit der Heim-Weltmeisterschaft in Lenzerheide erhofft sich Niederberger, dass sich das Image der Downhill-Fahrer nachhaltig verbessert. Und für sich selbst, dass ihm sein Kopf im Final am Sonntag keinen Streich spielt.

  

Mit der Heim-Weltmeisterschaft in Lenzerheide erhofft sich Niederberger, dass sich das Image der Downhill-Fahrer nachhaltig verbessert. Und für sich selbst, dass ihm sein Kopf im Final am Sonntag keinen Streich spielt.