Handball
Zoltan Cordas: «Ich bin nicht mehr so dickköpfig wie früher»

Die Barrage-Spiele gegen Stäfa sind für Zoltan Cordas die Abschiedsvorstellung nach sieben Jahren als Trainer des TV Endingen.

Rainer Sommerhalder
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Zoltan Cordas macht sich auf seiner Aargauer Rundfahrt auf zur nächsten Destination, den TV Möhlin.

Zoltan Cordas macht sich auf seiner Aargauer Rundfahrt auf zur nächsten Destination, den TV Möhlin.

Rainer Sommerhalder

Zoltan Cordas ist ein Naturereignis. Ein Treffen mit dem 52-jährigen Österreicher endet oft in einem emotionalen Exkurs über Handball. Oder über den Sinn des Lebens. Wobei die Grenzen je länger der Endinger Kult-Trainer referiert, umso mehr verwischen. Ein Beispiel gefällig? «Mein Vater hat mir gepredigt, man könne selbst von Idioten lernen. Denn auch Idioten machen Fehler.»

So erklärt der 1,92 m grosse Ex-Internationale von Jugoslawien und Österreich seine Offenheit gegen alle Seiten bei der Weiterentwicklung als Trainer. Zoltan Cordas polarisiert. Als Ausbildner sei er ein harter Hund, heisst es über ihn. Dazu launisch, bisweilen arrogant und öfter mal herablassend. «Entweder man hat ihn gern . . . oder nicht», sagt Endingens Teamcaptain Christian Riechsteiner.

Er selber gehört auch nach sieben Jahren Zusammenarbeit zu Ersteren. Denn hinter der wenig einladenden Fassade verbirgt sich ein feiner Mensch – elegant, höflich, liebenswürdig. «Aber dazu muss man ihn ein wenig verstehen», sagt Spieler Simon Huwyler, «am Anfang hat man das Gefühl, er sei ein Böser.» Cordas könne aber ernste Themen in einen feinen Witz verpacken.

Zoltan, der Nussknacker

Vielleicht hat Simon Huwyler Cordas’ Respekt, weil er diese Tugend selbst ebenfalls schon angewendet hat. Als der neue Trainer 2008 vom TV Suhr zum TV Endingen wechselte, schimpfte er seine jungen Spieler immer wieder mal «Nüsse». An der Weihnachtsfeier der Mannschaft schenkte ihm Huwyler 15 mit den Namen der Spieler angeschriebene Baumnüsse. Dazu einen Nussknacker mit Namen Zoltan.

Wer diese Episode erzählt, ist Christian Villiger. Der Geschäftsführer und Macher des Klubs. Er schwärmt von den Fähigkeiten seines Noch-Angestellten, «der inzwischen ein guter Freund geworden ist». Es werde wahrscheinlich nie mehr einen solchen Trainer geben in Endingen, sagt Villiger. Der Respekt ist gegenseitig. «Ich bin nicht mehr so dickköpfig wie früher. Das hat mir Villiger beigebracht», sagt Cordas.

Sein Schwarz-Weiss-Denken mag ein Grund dafür sein, dass Cordas trotz des Renommees und der Erfolge keinen NLA-Verein trainiert. «Pfosten ist schliesslich auch nicht Tor», sagt der Österreicher mit serbisch-ungarischen Wurzeln dazu lapidar. Cordas denkt und spricht oft in Bildern. Dies in ebenso kompromissloser Manier, wie er handelt.

Team massiv verjüngt

Seine Begründung, wieso keine Zusammenarbeit mit einem A-Team zustande gekommen ist, lautet: «Ich habe meinen Preis. Ich will dort arbeiten, wo ich etwas Nachhaltiges erreichen kann. Und ich lasse nicht zu, dass ein Möchtegern-Handballer mehr verdient als sein Lehrer».

Gefolgt von einer Speerspitze gegen das Schaffen im helvetischen Klubhandball: «Vielerorts investiert man in seine Legionäre und stellt dann einen günstigen Kasperl an die Seitenlinie.» Über Zoltan Cordas’ Handballkompetenz muss man nicht diskutieren. Sein Fachwissen ist überwältigend, «seine Leidenschaft für Handball ungebrochen und das taktische Gespür einzigartig», wie Spieler Huwyler betont.

«Er positioniert einen Dorfclub seit sieben Jahren in den Top 12 des Schweizer Handballs», würdigt Riechsteiner die Verdienste des 52-Jährigen. «Er ist ein fantastischer Spielerentwickler», sagt Villiger, «der Altersdurchschnitt unseres Teams ist fünf Jahre tiefer als bei seiner Ankunft».

Zoltan, der Variantenreiche

Auch der Trainer selber weiss seine Verdienste durchaus ins rechte Licht zu rücken. Er habe in den sieben Jahren mit dem Team 80 verschiedene Spielzüge eingeübt. Diese Innovation sei ihm unglaublich wichtig. «Das dient auch der Charakterbildung.» Nicht fehlen darf der erneute Seitenhieb: «Es gibt hier Trainer, die bringen es im ganzen Leben auf weniger als zehn Spielzüge.»

Seine Spieler ordnet er in Altersgruppen. Hier die Jungen, «die Handball-Pubertierenden. Das sind die Besserwisser.» Noch schlimmer seien ab und zu die Routiniers am Ende der Karriere. «Mehr reden, weniger laufen», laute deren Credo. Es sei sein Job, sie alle zu verlässlichen Teamplayern zu formen. Zu denken gibt Cordas die Entwicklung im Schweizer Handball. Er wisse, dass er mit seinen Aussagen anecke, aber er müsse sie loswerden.

«Vor 15 Jahren war man hier noch stolz auf das Nationalteam.» Dass dies heute nicht mehr so ist, liege am Verhalten der Klubs und nicht an der mangelnden Kompetenz des Nationaltrainers. Sein Fazit fällt gnadenlos aus: «Wenn die Lehrer in der Schweizer Schule den gleichen Stellenwert hätten wie ein Trainerjob im Handball, dann wären die Jugendlichen Analphabeten.»

Zoltan, der Unbequeme

Es komme ihm vor, wie wenn ein Lehrer einem Schüler einen Bleistift in die Hand drücke und sage, «jetzt schreib einen Aufsatz». Viele Schweizer Trainer wüssten zwar, «wie etwas geht, aber sie können es niemandem beibringen. Dabei ist das Beibringen die Kunst des Trainers.»

Wohl deshalb reagiert Cordas resolut, wenn man ihn fragt, wie er sich in den 13 Jahren in der Schweiz angepasst habe. «Ich wehre mich dagegen. Der Schweizer Trainer ist dann gut, wenn er Ja sagt. Und ich will kein Ja-Sager sein. Würde ich bequemer, dann wäre es ein Verrat am Sport.» Er will sich auf die Arbeit fokussieren. Er kommuniziere sehr häufig mit den Spielern und investiere viel in die Video-Analyse. «Bilder lügen nicht», sagt Cordas.

Man müsse die Jungen mehr als oberflächlich kennen, um sie zu verstehen. Der 52-Jährige erklärt – wie könnte es anders sein mit einem bildlichen Vergleich –, wie sie ticken: «In meinem Garten blühen Rosen, bei den Jungen Unkraut.» Gäbe es Zoltan Cordas nicht, man müsste ihn erfinden.