Handball-EM 2020

«Zeig endlich, was du kannst»: Aargauer Handballer Küttel und Lier blicken auf die EM zurück

Dimitrij Küttel erwischte gegen Slowenien einen schwierigen Start.

Dimitrij Küttel erwischte gegen Slowenien einen schwierigen Start.

Dimitrij Küttel und Marvin Lier sind mit der Schweizer Nationalmannschaft an der EM nach zwei Niederlagen und einem Sieg ausgeschieden. Mit etwas Abstand ziehen die beiden Aargauer Handballer nun ein kritisches Fazit über ihre Zeit in Göteborg.

Der Start ist schlecht. Als Dimitrij Küttel erstmals die Scandinavium-Arena betritt, hat er fürchterliche Kopfschmerzen. Es bleiben zwar noch 29 Stunden bis zum Startspiel gegen Schweden. Aber ein optimaler Einstieg ins EM-Abenteuer sieht anders aus.

Trotzdem will Küttel seine dürftige Leistung bei der 21:34-Niederlage nicht mit den Kopfschmerzen erklären. Viel eher ist es die Nervosität, die Wirkung der grossen Bühne mit 12'000 Zuschauern, die ihm zu schaffen macht. «Ich habe zwar versucht, möglichst alles auszublenden. Aber: Erste EM, diese Ambiance, da habe ich halt schon mehr überlegt, als ich es normal tue.»

Dabei kommt Küttel gut in die Partie. Hat eine gute erste Aktion. Wird seiner Meinung nach penaltyreif gestoppt. Aber der Schiedsrichter pfeift nicht. Weiter, nichts passiert, denkt sich der Aarauer. Seinen ersten Schuss aber hält der schwedische Torhüter Andreas Palicka. Der zweite landet am Pfosten. Den dritten lenkt Palicka an den Pfosten. Logisch, dass er zu hadern beginnt: «Warum ausgerechnet jetzt?» Dabei haben alle seine drei Abschlüsse ihre Berechtigung. Aber mit diesem Einstieg in die EM ist sein Selbstbewusstsein erst mal ziemlich beschädigt. Auch wenn er kurz nach dem dritten Fehlversuch reüssiert.

«Ich muss lernen, mit Selbstbewusstsein auf den Platz zu gehen»

Handball ist ein komplizierter Sport, insbesondere für den Kopf. Und erst recht für einen Rückraumspieler wie Küttel, der ständig entscheiden muss: abspielen oder abschliessen? ­Sicherheit oder Risiko? Dimitrij Küttel wählt fortan, entgegen seinem Naturell und seiner sportlichen Qualitäten, die Variante Sicherheit.


Trotzdem steht er auch gegen Polen (31:24) in der Startformation. Doch da unterläuft ihm früh ein «doofer Fehler», Trainer Michael Suter nimmt ihn raus. Küttel steht nur fünf Minuten auf der Platte. Auch, weil Andy Schmid das Spiel an sich reisst und Nebenleute braucht, die Sicherheit ausstrahlen. «Ein logischer Entscheid. Denn Nicolas Raemy ist punkto Ballsicherheit etwas besser als ich», räumt Küttel ein.

Die Sicherheit fehlt dem 25-jährigen Linkshänder vorerst auch im dritten Gruppenspiel gegen Slowenien (25:29). Doch dann, in der Pause, als die Schweiz mit sechs Toren zurückliegt, besinnt sich Küttel. «Ich sass in der Garderobe und sagte mir: ‹Egal was passiert. Jetzt gehst du raus, vergisst, was alles war, spielst dein Spiel und suchst mit aller Entschlossenheit den direkten Weg aufs Tor. Zeig endlich, was du kannst›»

Trotz Steigerung in der zweiten Halbzeit: Dimitrij Küttel musste sich mit der Schweiz gegen Slowenien geschlagen geben.

Trotz Steigerung in der zweiten Halbzeit: Dimitrij Küttel musste sich mit der Schweiz gegen Slowenien geschlagen geben.

Obwohl der erste Abschluss am Pfosten landet, verzagt er nicht sondern versucht es gleich nochmal und erzielt innerhalb von zwei Minuten zwei Treffer. «Ich muss lernen, unabhängig vom Rahmen des Spiels und unabhängig vom Spielverlauf mit Selbstbewusstsein und Überzeugung auf den Platz zu gehen», sagt Küttel.


Am Montag steigt der Captain der Kadetten Schaffhausen wieder ins Training ein. Seinen Vertrag hat er erst kürzlich bis 2022 verlängert. Dank einer Ausstiegsklausel ist ein vorzeitiger Wechsel ins Ausland aber möglich. Diesem Planspiel ist er nicht abgeneigt. «Nur», sagt Küttel, «habe ich mich an der EM nicht so präsentiert, dass ich mich für einen guten Klub empfehlen konnte. Wobei man einen Handballer auch nicht auf drei Spiele reduzieren soll.»


Liers Traum, der sich als böse Realität entpuppt


EM-Auftakt gegen Gastgeber Schweden. Exakt, was sich Marvin Lier vor der Auslosung gewünscht hatte. Dass die Schweizer Nati kurz zuvor den Yellow Cup gewann, bestärkte sie im Glauben, gegen Schweden etwas reissen zu können. «Und dann diese Halle, diese Leute, diese vielen Schweizer Fans. Das hat uns vielleicht zu sehr berührt.»

Auch Lier, der einzige linke Flügel im Team, erreicht sein Rendement nicht. Zwei Tore aus fünf Abschlüssen, darunter zwei vergebene Penaltys. «Wir müssen lernen, negative Erlebnisse wie eine vergebene Chance wegzustecken. Denn auf diesem Niveau spielen Weltklasse-Torhüter, die halt auch mal einen Ball halten», sagt Lier.

Zwei Tore aus fünf Abschlüssen, darunter zwei vergebene Penaltys: Lier mühte sich gegen Schweden-Goalie Andreas Palicka ab.

Zwei Tore aus fünf Abschlüssen, darunter zwei vergebene Penaltys: Lier mühte sich gegen Schweden-Goalie Andreas Palicka ab.

Zwischen den ersten zwei Spielen redet sich Lier ins Gewissen. «Ich war verkrampft. Aber ich habe mir fest vorgenommen, alles zu unternehmen, um mir nicht hinterher Vorwürfe machen zu müssen. Das wäre der absolute Worst Case. Ich sagte mir: ‹Zeig, was in dir steckt›».

Lier kommt beim 31:24 gegen Polen zu acht Schüssen und fünf Toren. In der letzten Viertelstunde brilliert er mit vier Treffern. Gegen Slowenien dann wieder der Rückfall. «Weil wir mit der offensiven Deckung der Slowenen nicht zurechtkamen, worunter wir Flügelspieler kaum mehr eingebunden waren», meint der 27-jährige Ehrendinger. Marvin Liers persönliche Bilanz indes ist positiv. Vier Chancen nutzt er zu drei Toren. «Durchzogen», so Liers Fazit zur EM.

Marvin Lier kommt beim 31:24 gegen Polen zu acht Schüssen und fünf Toren.

Marvin Lier kommt beim 31:24 gegen Polen zu acht Schüssen und fünf Toren.

Für ihn gehts nach dem dreimonatigen Intermezzo beim Bundesliga-Spitzenklub Flensburg in der Schweiz bei Pfadi Winterthur weiter. Auch, weil er bis dato kein Angebot erhalten hat, «das ich annehmen will».

Dabei hat er eine Duftmarke hinterlassen. Beispielsweise in der Champions League im Auswärtsspiel bei Barcelona, das er über die volle Distanz bestreiten durfte und dabei sechs Treffer warf. Aber meist sass er auf der Bank. «Trotzdem», sagt Lier, «war Flensburg eine super Erfahrung. Schon am ersten Tag wurde ich in dieser handballverrückten Stadt angesprochen. Und ich habe jetzt gesehen, was es braucht und was mir noch fehlt, um in der Bundesliga eine gute Rolle spielen zu können.»

Lier hat Lust auf mehr. Und er ist einem nächsten Ausland-Abenteuer nicht abgeneigt. Möglich, dass er schon in wenigen Monaten mit einem Angebot konfrontiert wird.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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