E-Sport

«Wünsche mir, dass ich für das FCA-Team spielen könnte»: FIFA-Crack hofft auf Aarauer E-Sport-Einstieg

Santino Senn gilt seit diesem Jahr als verifizierter FIFA-Spieler und belegt derzeit in der Schweiz den 32. Rang.

Santino Senn gilt seit diesem Jahr als verifizierter FIFA-Spieler und belegt derzeit in der Schweiz den 32. Rang.

Der Fussballer Santino Senn musste sein Hobby wegen einer Verletzung vom Rasen auf die Konsole verlegen. Mittlerweile gehört der Aargauer bei FIFA 20 zu den besten Spielern der Schweiz. In Zukunft würde er dabei gerne für seinen ehemaligen Junioren-Verein die virtuellen Tore erzielen.

Die Fussballwelt steht praktisch still. Seit über einem Monat gibt es für Fans und Spieler keinen Besuch im Stadion, kein Live-Spiel im TV, kein Training mit dem Team und auch das Bolzen mit den Jungs fällt aus. Kein Wunder also, boomt derzeit E-Sport, bei Fussballfans natürlich besonders das Spiel FIFA 20. Der Griff zum Controller kann in diesen Zeiten die Schmerzen lindern. 

FIFA 20 als Fussball-Ersatz: So dürfte es derzeit bei vielen Fans aussehen.

FIFA 20 als Fussball-Ersatz: So dürfte es derzeit bei vielen Fans aussehen.

Santino Senn hat in den vergangenen Jahren ähnliches durchlebt. Seit 2017 kann er seinen Lieblingssport nicht mehr selber ausüben. In einem Testspiel bei der 2. Mannschaft des FC Lenzburg knickte er mit dem Fuss um und machte sich dabei so ziemlich alles kaputt, was kaputt gehen kann: Bänder, Kapsel, Syndesmoseband sind gerissen und auch das Sprunggelenk ist gebrochen. 

Seither geht auf dem Platz nichts mehr. Es folgen Operation und Physiotherapie, die Nachwehen begleiten ihn bis heute: «Am Anfang war das für mich besonders hart. Ich habe 16 Jahre im Verein gekickt, plötzlich ging das nicht mehr. Ich liebe den Fussball natürlich immer noch, auch wenn ich nicht weiss, ob ich irgendwann mal wieder auf dem Platz stehen kann.»

Nr. 32 der Schweiz 

Der gebürtige Hendschiker beginnt nach einer Alternative zu suchen, um sich von seinem Verletzungspech abzulenken: «Ich war bereits Teil der Schweizer E-Sport-Organisation March Marmots, die sich allerdings auf das Spiel Overwatch konzentrierten. Irgendwann kam die Idee, dass ich unseren Verein auch als FIFA-Spieler vertreten könnte, also hängte ich mich in die Sache rein.»

Senn ist Mitglied bei der E-Sport-Organisation March Marmots.

Senn ist Mitglied bei der E-Sport-Organisation March Marmots.

Gut zwei Jahre später schafft Senn der erste Durchbruch. Im vergangenen Dezember gelingen ihm bei der «Weekend League» im Modus Ultimate Team (kurz: FUT) stolze 27 Siege in 30 Partien. Durch diesen Triumph konnte sich der 23-Jährige offiziell als FIFA-Spieler verifizieren lassen. Aktuell gibt es in der Schweiz nur 74 davon: «Ich spiele erst seit einem Jahr intensiv, dass ich nun bereits die Verifizierung geschafft habe, ist ein grosser Erfolg für mich», erklärt der E-Sportler. 

Senn führt nebenbei auch einen Youtube-Kanal mit verschiedenen «Let's play»-Videos.

Senn bleibt auch im neuen Jahr weiter fleissig, um Punkte für das Ranking zu sammeln und sich für Turniere zu qualifizieren: «An einem Wochenende können das schon mal zwischen 12 und 20 Stunden sein.» Das Resultat lässt sich sehen: Schweizweit belegt der Aargauer den 32. Platz, weltweit befindet er sich auf Rang 2088.

Coronakrise betrifft auch E-Sport-Szene

Dabei bleibt es auch vorerst. Die Coronakrise hat nämlich auch die E-Sport-Szene erwischt. Grosse Turniere finden im Rahmen von Events statt und begeistern in Hallen die Massen. Da dies auf unbestimmte Zeit nicht mehr möglich ist, hat auch der offizielle Spielbetrieb von FIFA 20 pausiert. 

Offizielle Turniere sind gestrichen: Die Coronakrise trifft auch die E-Sport-Szene.

Offizielle Turniere sind gestrichen: Die Coronakrise trifft auch die E-Sport-Szene.

Dementsprechend schwierig ist es derzeit für den gelernten Logistiker, sich Ziele für die Zukunft zu stecken. «Jede neue Ausgabe des Spiels, ist wieder eine neue Herausforderung. Ich kann daher nicht abschätzen, auf welchem Niveau ich bei FIFA 21 spielen werde. Natürlich möchte ich wieder die Verifizierung erreichen, zudem wäre die erstmalige Qualifikation für die Schweizer Meisterschaft der nächste Meilenstein.»

«Vereine, die jetzt einsteigen, haben später einen Vorteil»

Obwohl Senn eher kleine Brötchen backen möchte, gibt es dennoch einen Traum, den ihn nicht mehr loslässt: «Als ehemaliger Aarauer Junior wünsche ich mir, dass ich irgendwann für das FCA-Team spielen könnte. Ich warte sehnlichst darauf, dass der Klub eine E-Sport-Mannschaft gründet.»

Wird eine E-Sport-Mannschaft unter dem neuen FCA-Präsident Philipp Bonorand ein Thema?

Wird eine E-Sport-Mannschaft unter dem neuen FCA-Präsident Philipp Bonorand ein Thema?

Er habe sich diesbezüglich zwar noch nicht bei der Vereinsführung gemeldet, könne sich aber vorstellen, schon bald selber auf den Klub zuzugehen. Auch, weil gerade jetzt während der Coronakrise E-Sport stark im Aufschwung sei und die Bevölkerung zunehmend sensibilisiert werde. 

Bisher haben nur vier Schweizer Klubs eine E-Sport-Abteilung: FC Basel, Lausanne-Sport, FC Sion und Servette Genf. Der ehemalige Flügelspieler ist sich durchaus bewusst, dass ein solcher Schritt des FC Aarau auch auf Gegenwind stossen könnte: «Ich verstehe, dass es Fans gibt, die dieser Entwicklung nichts abgewinnen können, aber ich glaube, die Digitalisierung macht auch nicht vor dem Fussball halt. Vereine, die jetzt einsteigen, haben später einen Vorteil.» 

So steht es um den E-Sport im Schweizer Fussball.

Ob künftig mit oder ohne FCA-Logo auf der Brust – Senn hat seine neue Passion gefunden: «Seit ich nicht mehr selber auf dem Platz stehen kann, bleibt mir nur noch das Spielen an der Konsole und der Besuch im Brügglifeld, um den Fussball im Verein zu kompensieren.»

Während Letzteres zuletzt öfters kein freudiges Erlebnis war, bescherte ihm die Herausforderung an der Konsole in den vergangenen Monaten deutlich mehr Glücksgefühle: «Als ich mich in diesem Jahr für das erste Turnier qualifizieren konnte, da war ich so richtig stolz auf meine Leistung. Solche Erlebnisse helfen mir, besser mit meiner Verletzung klar zu kommen.» 

Den Fussball auf dem Rasen hat Senn trotz all dem virtuellen Erfolg jedoch noch nicht abgeschrieben. Auch wenn es zuletzt Rückschläge mit der Verletzung gab: «So lange mir kein Arzt sagt, dass ich nie wieder spielen kann, hoffe ich, dass ich irgendwann wieder auf dem Platz stehen werde.»

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