2. Liga interregional
«Wollen nicht in erster Linie dem Geld hinterher rennen»: FC Wettingen steigt freiwillig ab

Präsident Pierluigi Ghitti und Trainer Marc Hodel machen ernst: Trotz erfolgreicher Spielzeit in der 2. Liga interregional spielt der FC Wettingen nächste Saison in der regionalen 2. Liga. Die Coronakrise führt dazu, dass dem Klub künftig wichtige Einnahmequellen fehlen werden.

Ruedi Kuhn
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Trotz erfolgreicher Saison: Marc Hodel muss mit dem FC Wettingen freiwillig den Gang in die regionale 2. Liga antreten.

Trotz erfolgreicher Saison: Marc Hodel muss mit dem FC Wettingen freiwillig den Gang in die regionale 2. Liga antreten.

freshfocus

Vor kurzer Zeit war es ein Gerücht. Jetzt ist es Realität. Jetzt ist es in Stein gemeisselt. Der FC Wettingen steigt freiwillig aus der 2. Liga interregional in die regionale 2. Liga ab. Präsident Pierluigi Ghitti und Trainer Marc Hodel bestätigten auf Anfrage den Abstieg aus freien Stücken.

Am Freitagabend, punkt 19 Uhr, informierten sie die Spieler der ersten Mannschaft im Stadion Altenburg über die ungewöhnliche Massnahme. Der 55-jährige Ghitti stellte den freiwilligen Abstieg in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» schon vor zwei Wochen in Aussicht. Dass der Bäcker- und Konditormeister nun Nägel mit Köpfen macht kommt keineswegs aus dem Nichts. Eine Überraschung ist es aber trotzdem.

Einnahmen von rund 30'000 Franken gehen verloren

Der Hauptgrund für den freiwilligen Abstieg ist die Coronakrise. Die Zwangspause seit Mitte März führt dazu, dass dem FC Wettingen wichtige Einnahmequellen fehlen. So musste ein dreitägiges Schülerturnier im Juni, welches 20000 Franken in die Vereinskasse gespült hätte, kurzfristig abgesagt werden.

Zudem steigt ein Mieter im Stadion Altenburg per Ende Juni dieses Jahres aus. Damit gehen Einnahmen von rund 30'000 Franken verloren. Kommt hinzu, dass drei namhafte Sponsoren aus wirtschaftlichen Gründen womöglich auf die nächste Saison hin aussteigen oder zumindest ihre Beiträge kürzen.

Die Perspektiven sind also alles andere als günstig. Ein Problem ist auch die veraltete Infrastruktur in der Altenburg und im Kreuzzelg, welche die Trainingsmöglichkeiten auf die Monate März bis Ende Juni und Mitte August bis Anfang Oktober beschränken. Es ist extrem schwierig, den Trainingsbetrieb für die 20 Mannschaften des FC Wettingen und für die mehr als zehn Teams von Juventina Wettingen zu organisieren und am Laufen zu halten. Nach dem freiwilligen Abstieg darf man auf die Reaktionen aus dem Umfeld des FC Wettingen gespannt sein.

Wettingen-Präsident Pierluigi Ghitti muss seine Pläne für die 1. Liga vorläufig begraben.

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Sandra Ardizzone

Ghitti ist sich durchaus bewusst, dass es neben positiven auch negative Stimmen geben wird. «Es ist wichtig zu wissen, dass der freiwillige Abstieg kein Entscheid aus dem Bauch heraus war», sagt Ghitti. «Marc Hodel und ich haben uns die Sache lange und reiflich überlegt. Wir wollen in Wettingen nicht in erster Linie dem Geld hinterher rennen, Geld ausgeben und teure Spieler verpflichten. Wir wollen Spass am Fussball haben. Wir werden in der nächsten Saison Talente aus dem eigenen Nachwuchs an die erste Mannschaft heranführen. Das Streben nach sportlichem Erfolg ist zwar schön und gut, steht in naher Zukunft aber nicht im Vordergrund. Für uns kommt die Ethik vor dem Geld. Was zählt ist der Vereinsgedanke.»

Das Ende der Vision 1. Liga

Für Ghitti ist der Gang in die regionale 2. Liga nicht nur ein Akt der Vernunft, sondern auch das vorläufige Ende seiner Vision 1. Liga. Bleibt die Frage, ob der FC Wettingen regeltechnisch mir nichts, dir nichts in die regionale 2. Liga absteigen kann. Diese Frage kann mit einem klaren Ja beantwortet werden. Ein Schreiben an die Adresse der Amateurliga, ein Schreiben an die Adresse des Aargauischen Fussballverbandes – und die Sache ist geritzt.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch unklar, mit wie vielen Mannschaften die Saison 2020/21 in der regionalen 2. Liga in Angriff genommen wird. Stand jetzt sind es 14 Teams plus eventuell Eagles Aarau. Die Ligazugehörigkeit von Eagles ist nach wie vor unsicher.

In welcher Liga die Eagles Aarau nächste Saison spielen, ist derzeit ungewiss.

In welcher Liga die Eagles Aarau nächste Saison spielen, ist derzeit ungewiss.

Markus Müller

Klar ist, dass sich der Verein nach der Winterpause aus der 2. Liga interregional zurückgezogen hat. Falls es Eagles aber gelingt, 30 Junioren zu rekrutieren, werden sie weiterhin in der 2. Liga interregional spielen dürfen.

So oder so: Der freiwillige Abstieg des FC Wettingen hat Konsequenzen für die Saison 2020/21 in der 2. Liga interregional. Wer ersetzt Wettingen? Kehrt Eagles Aarau tatsächlich zurück? Und was ist mit dem FC Lenzburg? Der souveräne Leader der regionalen 2. Liga würde nur allzu gerne aufsteigen. Fragen gibt es momentan also mehr als genug. Mitten in der Coronakrise sind aber all diese Fragen nicht mehr als Randnotizen.