FC Wohlen
Wohlens Goalie Joël Kiassumbua im Spagat zwischen Wohlen und der kongolesischen Nationalelf

Der 24-jährige überzeugt bei Wohlen Spiel für Spiel mit guten Leistungen. Beachtlich auch deshalb, da Kiassumbua auch für sein Heimatland Kongo das Tor hütet. Dies bringt ihm wertvolle Erfahrungen ein - auch wenn die Rückkehr in die Schweiz jeweils keine einfache ist.

Calvin Stettler
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Gefangen im Vakuum: Joël Kiassumbua hält immer wieder gut – trotzdem geht sein FC Wohlen häufig als Verlierer vom Platz.

Gefangen im Vakuum: Joël Kiassumbua hält immer wieder gut – trotzdem geht sein FC Wohlen häufig als Verlierer vom Platz.

David Kündig/freshfocus

Schmunzeln muss Joël Kiassumbua jedes Mal, wenn er bei Heimspielen der Demokratischen Republik Kongo auf der Ersatzbank sitzt und hört, wie der Stadionsprecher im Stade des Martyrs die Zuschauerzahl verkündet. Bei 80 000 Zuschauern bedankt sich dieser jeweils.

Im Stadion der Hauptstadt Kinshasa sind aber mehr Anhänger dabei. Immer. Rund 100 000 heisst es. «Vieles wird da unten nicht so streng genommen», sagt Kiassumbua. Zutrittskontrollen zum Beispiel. Wenn der 24-Jährige von «da unten» spricht, meint er den Kongo. Das Heimatland seines Vaters, das Land, welches er seit etwas mehr als einem Jahr als Nationalspieler repräsentiert.

«Brutal», sei die Stimmung Anfang Monat wieder einmal gewesen. Der Kongo qualifizierte sich für den Afrika-Cup, als Gruppenerster. Im letzten Spiel der Qualifikation brillierte Kiassumbuas Mannschaft. Sie fertigte Zentralafrika, den ärgsten Konkurrenten in der Gruppe, mit 4:1 ab. «Das ganze Land feierte.»

Eine Aussage, die gerne gebraucht wird, um den Gemütszustand einer Nation etwas überspitzt wiederzugeben, «aber im Kongo ist das wirklich so. Für viele Kongolesen ist der Fussball der einzige Inhalt in ihrem Leben.» Gerade jetzt, wo Bilder von Demonstranten wieder einmal die Nachrichtenportale füllen, geht es Kiassumbua längst nicht mehr nur um Punkte und Turnierqualifikationen.

Zwischenzeitlich musste der gebürtige Kongolese mit Modeln sein Geld verdienen.
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Der FC Wohlen setzt wieder auf Kiassumbua.
Kiassumbua hat sich gegen seinen Konkurrenten auf der Goalie-Position Flamur Tahiraj durchgesetzt.
Joel Kiassumbua, FC Wohlen, Challenge League
Joel Kiassumbua brauchte seinen Ehrgeiz, um wieder erfolgreicher zu werden.
Kiassumbua hat Wohlen schon so manchen Punkt gerettet. Hier gegen Servette im Stade de Genève.

Zwischenzeitlich musste der gebürtige Kongolese mit Modeln sein Geld verdienen.

Zur Verfügung gestellt

Er sieht sich als Nationalspieler in der Pflicht, dem Land Glücksgefühle zu bescheren. Gegen Zentralafrika kam der Torhüter des FC Wohlen nicht zum Einsatz. Auf den ersten Blick eine Enttäuschung, weil vor kurzem Kongos altgediente Nummer eins zurücktrat und Kiassumbua nun plötzlich ein Einheimischer vorgezogen wird. Vumi Matampi heisst dieser.

Er hexte den Kongo Anfang Jahr zum Gewinn des lokalen Afrika-Cups, eine Lightversion des Kontinentalwettbewerbes, wo nur Spieler der heimischen Liga eingesetzt werden dürfen. «Er hat schon seine Rechtfertigung», sagt Kiassumbua. Zudem stand gegen Zentralafrika viel auf dem Spiel.

«Hätte ich bei meiner Pflichtspielpremiere versagt, wäre ich wohl gleich der Buhmann gewesen. Das Feedback der kongolesischen Fans ist nämlich gnadenlos und gerade bei jungen Spielern manchmal irrational.» Angst, dass er nun zum ewigen Zweiten im Nationalkader verkommen könnte, hat der 24-Jährige nicht. «Der Trainer hat mir gesagt, dass ich Geduld haben muss. Er plant mit mir als Nummer eins für die WM 2018.»

Wochen im Vakuum

Dass Kiassumbua im Gespräch aber nicht nur über internationale Turniere, sondern auch über den harten Abstiegskampf in der zweithöchsten Schweizer Spielklasse spricht, veranschaulicht gut, welchen Spagat der Torhüter des FC Wohlen mit jeder Afrika-Reise wieder bewältigen muss.

«Einfach ist das nicht, wenn man vom euphorischen Kinshasa ins angespannte Freiamt zurückkehrt.» Mittlerweile aber habe er gelernt, die vielen Emotionen aus dem Kongo richtig zu kanalisieren.

Vor allem aber macht Kiassumbua seit den Berufungen ins Nationalteam und dem damit verbundenen Bewegen auf internationalem Niveau grosse Schritte in seiner Entwicklung. Konstanter ist das Goalietalent in erster Linie geworden.

Die Erfolge aus den Seminaren im Kongo spürt auch Kiassumbuas Klub Wohlen. In Zeiten der Krise war der 24-Jährige meist einziger Lichtblick. Im Vakuum wähnte er sich jeweils, als er formidabel parierte und dennoch immer als Verlierer vom Platz musste. Gegen den FC Zürich war das am Wochenende wieder so. Wobei er sich beim ersten Gegentreffer verschätzte.

Solche Aussetzer sind aber selten geworden. Deshalb reiste er am Montag wieder in den Kongo. Ob er am Samstag in der WM-Qualifikation zum ersten Pflichtspieleinsatz kommt, weiss Kiassumbua nicht. Heute Abend gegen Kenia aber wird der Goalie des FC Wohlen wohl zum dritten Mal in einem Testspiel das kongolesische Tor hüten dürfen. Die Zuschauerzahl wird er dann nicht mitbekommen. Es werden wieder 100 000 da sein.