Interview
Wohlen-Trainer Francesco Gabriele nach dem Neuenburg-Sieg: «Ich muss mehr machen als andere»

Wohlen-Trainer Gabriele über den Triumph in Neuenburg und seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Calvin Stettler
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«Ich glaube, die Mannschaft hat meine Ideen gut aufgenommen», sagt Wohlen-Trainer Francesco Gabriele Chris Iseli

«Ich glaube, die Mannschaft hat meine Ideen gut aufgenommen», sagt Wohlen-Trainer Francesco Gabriele Chris Iseli

Chris Iseli

Francesco Gabriele, was haben Sie am Montagabend zu Ihrer Frau gesagt, als Sie vom Triumph in Neuenburg heimkehrten?

Francesco Gabriele: Da ich erst um 1.15 Uhr zu Hause war, nichts mehr. Ich liess sie schlafen (lacht). Aber wir haben kurz nach Schlusspfiff noch telefoniert und da war sie überrascht, warum ich nicht so euphorisch war. Meine Frau fragte mich, ob ich mich denn gar nicht freue. Ich entgegnete: Doch, aber uns fehlen noch 26 Punkte bis zum Ligaerhalt. Als Trainer muss ich dafür sorgen, dass wir in der Balance bleiben.

Nach Wochen der Niederlagen und Schelten muss dieser Sieg aber eine Genugtuung sein.

Wenn ich immer Optimismus versprühe und der Mannschaft sage, dass sie für ihren Aufwand belohnt werde, dann muss das auch irgendwann eintreten. Glaubwürdigkeit erlangt man mit täglich harter Arbeit, aber auch damit, dass man vorlebt, was man erzählt. Aber irgendwann muss einfach auch der Output in Form von Punkten stimmen. Deshalb würde ich nicht von Genugtuung, sondern von Erleichterung sprechen.

Hatten Sie Angst, den Zugang zur Mannschaften zu früh zu verlieren?

Nein, weil ich von dem, was ich hier mache, überzeugt bin. Aber ich bin mir bewusst, dass das Ganze von Resultaten lebt. Es hilft nichts, wenn alle sagen, der Gabriele arbeitet gut, vermittelt Ideen, aber holt keine Punkte. Deshalb ist es schon von Vorteil, dass wir nicht länger auf den Befreiungsschlag warten mussten.

Sie installierten in Wohlen ein neues System. Erst brachte dieses aber auch keine Punkte. Wie schwierig ist es, dann den Glauben in die eigenen Ideen nicht zu verlieren?

Eine junge Mannschaft braucht Zeit. Das wusste ich. Ich glaube, die Mannschaft hat meine Ideen gut aufgenommen. Eine anfängliche Skepsis ist normal. Dazu beigetragen hat ja auch eine Hetzkampagne gegen meine Person. Die Spieler lesen das. Das vereinfachte die Situation nicht. Aber ich musste in meinem Leben schon immer mehr machen als die anderen. Das ist eine Tatsache, mit der ich gut leben kann. Was ich will, ist, mit Fakten überzeugen.

Verstanden Sie die Skepsis?

Ich akzeptiere die Tatsache, dass ich als Spieler keine illustre Karriere gemacht habe und mein Name nicht jedes Mal portiert wird, wenn ein Trainer seinen Job verliert. Deshalb habe ich auch ein wenig Verständnis für diese Zweifel. Nur, wer meine Zeit in Bellinzona unter den damaligen Umständen als erfolglos taxiert, kann kein Fussballkenner sein und respektiert meine Arbeit nicht. Kein Team hat damals mehr Punkte geholt. Das Projekt Lausanne ist zudem nicht gescheitert, sondern wurde von einem Tag auf den anderen abgebrochen. Plötzlich wurden die Vereinbarungen geändert. Es ist für mich aber eine Freude, zu sehen, dass Spieler wie Olivier Custodio, Thomas Castella, Numa Lavanchy, Ming Yang-Yang, die ich damals aufgebaut habe, heute in der Super League feste Grössen sind.

Finden Sie es unfair, welches Bild die Öffentlichkeit von Ihnen zeichnet?

Ich kann sehr gut mit Kritik umgehen, wenn es um die Sache geht. Klar könnte ich nun gegen Journalisten schiessen, aber das würde nicht meinem Naturell entsprechen. Meine Glaubwürdigkeit erarbeite ich mir mit meinem täglichen Tun und nicht damit, dass ich meine Position missbrauche oder jemandem erzähle, was er gerne hören möchte. Die Resultate sind mein Arbeitszeugnis. Ich kann die Berichterstattung über mich nur durch Resultate – und auch dann nur bedingt – beeinflussen.

Woher nehmen Sie die Energie, stets positiv bleiben zu können?

Vor kurzem hatte ich eine interessante Begegnung mit einer Frau aus dem Klubumfeld. Ich habe sie im Stadion schon mehrmals getroffen und sie immer als sehr positiv eingestellte Person wahrgenommen. Und dann erzählt sie mir plötzlich, dass sie seit 16 Jahren gegen Brustkrebs kämpfe. Das sind Momente, die einem das Essenzielle im Leben vergegenwärtigen. Solche Personen, die jeden Tag kämpfen müssen und trotzdem glücklich sind, geben mir Kraft.

Vor ihrem Job in Wohlen waren Sie anderthalb Jahre arbeitslos. Wie nahe ging Ihnen diese Zeit?

Ich würde lügen, wenn ich sage: Der Platz hat mir nicht gefehlt. Es gab einige sehr schwierige Tage. Ich brauche die Arbeit auf dem Platz, dieses Feeling, damit ich aufblühen kann. Gleichzeitig sah ich mich in dieser Zeit mit verschiedenen Aspekten des Lebens konfrontiert. Ich konnte einerseits mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Andererseits hat mir das Leben in dieser Zeit gezeigt, wie unerwartet und hart es zuschlagen kann. Ich musste leider innerhalb eines halben Jahres den Tod meiner Eltern verarbeiten. Das musste wohl sein, dass ich in dieser schweren Zeit ohne Tätigkeit war und so die letzten Tage mit ihnen verbringen konnte. Es waren Momente, die mir vergegenwärtigen, worum es im Leben wirklich geht. Seither reagiere ich gerade im schnelllebigen Fussballgeschäft etwas gelassener.

Sie haben seit Ihrer Ankunft in Wohlen noch drei Spieler verpflichtet. Hat Wohlens Investor al-Yousef bei der Finanzierung ausgeholfen?

Ich weiss es nicht. Ich muss vielleicht klarstellen, dass ich keine Doppelfunktion als Trainer und Sportchef habe. Die Transfers laufen über Präsident Lucien Tschachtli und Ehrenpräsident René Meier. Ich präsentiere ihnen meine Ideen und dann entscheiden wir zusammen. Wir haben auch über gewisse Stürmer gesprochen, die im Moment aber nicht finanzierbar sind. Jedoch bin ich zuversichtlich, dass in der Winterpause noch der eine oder andere interessante Stürmer in seiner jetzigen Mannschaft nicht zufrieden sein wird und Wohlen als gute Option infrage kommt.

Monquez al-Yousef haben Sie bisher also noch nicht getroffen?

Ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen, ihn kennen zu lernen. Aber er liess am Montagabend schöne Grüsse ausrichten. Er habe das Spiel live am Fernsehen verfolgt und hatte sehr Freude. Ich hoffe, Ihn bald persönlich kennen zu lernen.

Beim Trainingslager, das in der Winterpause geplant ist, kann man aber davon ausgehen, dass er einen Teil dazu beisteuert?

Ich gehe davon aus, dass das Trainingslager im Gesamtbudget eingeplant war. Fakt ist, man hat mir ein Trainingslager zugesichert und das wurde bereits auch so geplant. Ich weiss, dass es das in den letzten Jahren hier nicht gab. Wir dürfen das nicht als selbstverständlich erachten. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir uns mit guten Leistungen auf dem Platz dafür revanchieren.