FC Aarau

Wirbt der FC Aarau in Zukunft für Tierfutter und wie antwortet der neue Präsident auf die Stadionfrage? Philipp Bonorand im grossen AZ-Interview

Philipp Bonorand wird spätestens 2020 neuer FCA-Präsident.

«Ich zähle mich zum Aarauer Fussvolk»: Philipp Bonorand will im Brügglifeld eine engere Bindung zwischen dem FC Aarau und den Besuchern auf den Stehplätzen. Mit der Nomination zum FCA-Präsidenten hat er nicht gerechnet, doch als die Anfrage kam, war der 38-jährige Inhaber von zwei Firmen sofort Feuer und Flamme.

Am Montag wurde er vorgestellt als Nachfolger von FCA-Präsident Alfred Schmid, am Morgen danach besucht Philipp Bonorand den AZ-Newsroom in der Aarauer Telli und verrät seine Beweggründe, das Amt anzunehmen und wie er Beruf und FCA unter einen Hut bringen.

Ich behaupte: Sie werden nicht erst 2020, sondern spätestens Ende dieses Jahres Präsident des FC Aarau sein.

Philipp Bonorand: Abgemacht ist, dass Alfred Schmid und Roger Geissberger sich noch ein Jahr zur Verfügung stellen, um mich zu unterstützen. Besonders auf das Wissen von Geissberger im Ressort Sport mit den Spieler- und Trainerverträgen bin ich angewiesen. Wenn die Unterstützung kein ganzes Jahr nötig sein sollte, kann es sein, dass ich früher die endgültige Verantwortung übernehme. Stand heute aber gehe ich von 2020 aus.

Was nicht dem Wunschszenario von Schmid und Geissberger entspricht…

Tatsächlich war es zu Beginn unserer Gespräche ihre Absicht, im Juni 2019 zurückzutreten. Ich musste sie überzeugen, mir ein Jahr unter die Arme zu greifen.

Wie haben Sie das geschafft?

Mit sachlichen Argumenten. Das nächste Jahr mit der Stadionabstimmung ist ein wichtiges für den FCA, Kontinuität ist da wertvoll. Schmid und Geissberger mussten 2007 bei ihrer Amtsübernahme erfahren, was es heisst, nicht mehr auf das Know-How der bisherigen Führung zurückgreifen zu können. Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden das Wohl des FC Aarau über ihre persönlichen Absichten stellen.

Schmid und Geissberger mussten 2007 als erste Amtshandlung eine Million Franken für das Überleben des FCA einschiessen – bringen Sie als Antrittsgeschenk auch Geld mit?

Das ist momentan nicht nötig, der FC Aarau ist finanziell kerngesund. Sollte in Zukunft aber die Notwendigkeit für Zuschüsse entstehen, bin ich als Präsident der erste, der Verantwortung übernimmt.

Haben Sie insgeheim gehofft, dass Alfred Schmid Sie als seinen Nachfolger auserwählt?

Ich ging stets davon aus, dass er längst einen anderen gefunden hat. Als die Anfrage dann tatsächlich kam, war mein erster Gedanke, das irgendwie hinzubekommen. Und nicht, wie ich Schmid absagen soll.

Weil von sich aus keiner Präsident werden wollte, musste Schmid seinen Nachfolger selber suchen und kam auf sie. Sind Sie also ein Präsident von Schmids Gnaden?

Ich bin keine Marionette– dieser Gedanke ist lächerlich. Der gesamte FCA-Verwaltungsrat hat versichert, mir nicht im Weg zu stehen, wenn ich Dinge verändern möchte.

Was hat Ihnen aus Fanperspektive in den vergangenen Jahren nicht gefallen und möchten Sie verändern?

Es wäre anmassend, als noch nicht einmal gewählter Verwaltungsrat Kritik an meinen Vorgängern zu üben. Mir liegt am Herzen, dass der FC Aarau in der Stadt wieder sichtbarer wird und die Verbindung zwischen dem Klub und – salopp gesagt - den Matchbesuchern auf den Stehplätzen wieder enger wird. Es war der Wunsch von Alfred Schmid, dass ich in dieser Hinsicht Fortschritte erreiche.

Philipp Bonorand, Präsident Alfred Schmid und Vizepräsident Roger Geissberger (v.l.) an der Medienkonferenz.

   

Ihre Nomination hat in der Fanbasis zu Begeisterung geführt. Sie sind einer vom «Fussvolk» auf den Stehplätzen.

Es gab eine Zeit, da war ich an jedem Spiel, auch an jedem Testspiel. Seit ich beruflich sehr eingespannt bin, hat das etwas abgenommen, ab sofort sind FCA-Spiele selbstverständlich wieder Pflichttermine. Ich zähle mich zum Aarauer Fussvolk – den Anzug trage ich nur, weil Sie nachher noch von mir Fotos machen wollen (lacht). Die Kunden meiner Firmen sind hauptsächlich Bauern, da ist Tenue leger angebrachter. Zurück zu Ihrer Frage: Ein Stadt-Aarauer als Präsident ist sicher förderlich für die Bindung zu den Fans und auch mit Blick auf die Stadion-Abstimmung. Als Einheimischer und ehemaliger Einwohnerrat (2004-2010) weiss ich, wie Aarau tickt.

«Ich bin ein grosser Fan – das Feuer brennt in mir»

«Ich bin ein grosser Fan – das Feuer brennt in mir»: erstes Videointerview mit Philipp Bonorand vom 6. Mai.

Wie stehen die Aarauer denn zum FC?

Ich bin immer wieder erstaunt, wen ich alles an den Spielen antreffe, obwohl diese Personen gegen das neue Stadion sind. Die Aarauer sind grundsätzlich stolz auf den FC. Die Zuschauerbasis ist für einen Challenge-League-Klub gross. Aber der FCA muss ambitioniert bleiben und in absehbarer Zeit wieder in der Super League vertreten sein, um die Menschen bei Laune zu halten.

Es gibt Stimmen unter den Fans, die im FC Aarau lieber einen Spitzenklub in der Challenge League als einen Abstiegskandidaten in der Super League sehen.

Als Profiklub muss man immer nach dem Höheren streben. Vereine wie Lugano oder Thun machen vor, dass man sich auch mit bescheidenen Mitteln in der Super League verankern kann.

Auch wenn Sie erst 2020 zum Präsident gewählt werden sollten, werden Sie dann der jüngste Präsident der 20 Schweizer Profiklubs sein. Auch beruflich sind Sie als Inhaber von zwei Firmen und Herr über 100 Angestellte für Ihr Alter sehr weit.

Als Michael Hunziker 2002 FCA-Präsident wurde, war er sogar noch ein Jahr jünger als ich. Anlässlich meiner Präsentation war mein Alter natürlich sofort Thema. Genau wie vor acht Jahren, als ich mit 30 Geschäftsführer der Multiforsa AG wurde und einige Langzeitangestellte sich in ihrem Gärtchen bedrängt fühlten. Das Alter ist relativ, entscheidend sind die Erfahrungen, die man gesammelt hat.

Wie läuft das Geschäft mit dem Tierfutter?

Die Landwirtschaft steht bekanntlich ständig unter Druck. Aber ich kann mich nicht beklagen.

Äusserlich wirken Sie noch jünger, als Sie sind. Werden Sie unterschätzt?

Zuerst danke für das Kompliment (lacht). Im Beruf musste ich sicher mehr investieren als ein älterer, um mir den Respekt zu verschaffen. Mittlerweile wissen die Leute, wer ich bin und was ich kann.

Es wird der Tag kommen, an dem Sie als Präsident zur Grätsche ansetzen müssen, zum Beispiel in Form einer Trainerentlassung.

Das wird sich kaum vermeiden lassen, auch wenn ich es nicht hoffe. Ich bin mir bewusst, dass ich als FCA-Präsident auch unangenehme Entscheidungen fällen muss. Damit habe ich kein Problem.

Gab es Leute in Ihrem Umfeld, die Sie vor dem Amt des FCA-Präsidenten gewarnt haben?

Überhaupt nicht. Die wenigen Eingeweihten haben gesagt, ich sei genau der richtige und es sei für mich an der Zeit, ein solches Amt anzunehmen. Das hat mir die Entscheidung erleichtert.

Sie werden als FCA-Präsident zur öffentlichen Person – mögen Sie das Rampenlicht?

Zugegeben bin ich leicht nervös zu diesem Interview erschienen. Ich suche das Rampenlicht nicht und werde mich daran gewöhnen müssen. Öffentlichkeitsarbeit gehört zu diesem Amt. Aber die «Schweizer Illustrierte» braucht sich nicht bei mir zu melden für eine Homestory. Nur so viel: Aktuell bin ich in keiner Partnerschaft und kann mich voll und ganz auf den Beruf und den FC Aarau konzentrieren.

Spüren Sie Druck?

Kein Druck wäre fatal, ich übernehme ja eine grosse Portion Verantwortung. Zum Glück kenne ich diese Situation aus meinem Beruf und kann gut damit umgehen.

Sie haben keine Angst, zu scheitern?

Nein, erstaunlicherweise überhaupt nicht. Aber ich stelle mich auf schwierigere Zeiten als die jetzigen ein. Ein Präsident muss in einer Krisensituation ruhig bleiben, das Stadion durch den Vordereingang verlassen und sich den Fans stellen.

Sie führen zwei Firmen, bald den FC Aarau. Wo holen Sie die Energie dafür her?

Es gab Präsidenten, die haben gar nicht mehr geschlafen und den Blick fürs Wesentliche verloren. Das will ich vermeiden. Ausgleich ist mir wichtig, ein Tag in der Woche klinke ich mich aus. Ich bin viel in der Natur unterwegs oder treffe mich mit Freunden. Doch die Arbeit und insbesondere der FCA bedeuten nicht nur Stress, sondern vor allem viel Freude, es steckt ja Leidenschaft dahinter.

Können Sie den zeitlichen Aufwand, den Sie für den FC Aarau betreiben werden, beziffern?

Klar ist, dass ich beruflich zurückstecken muss und möchte. Genau muss ich das in den nächsten Wochen klären. Sagen wir so: Ich möchte, dass die Leute wissen, wer ich bin, wenn ich ins Brügglifeld komme.

Werden Sie sich als Präsident einen Lohn auszahlen?

Nein.

Wie viele FCA-Aktien haben Sie bereits und werden Sie ihr Paket vergrössern?

Bereits heute besitze ich einige Aktien und Roger Geissberger ist bereit, mir einen Teil seiner Aktien zu verkaufen. Grundsätzlich begrüsse ich das. Vielleicht ergibt sich in Zukunft auch die Möglichkeit für eine erneute Kapitalerhöhung, wenn ich auf diesem Weg meine Anteile aufstocke, bringt das dem FCA mehr, als wenn ich jemandem Aktien abkaufe.

Wird der FC Aarau in Zukunft auf dem Trikot für Tierfutter werben?

Schwierig, weil das Fussballpublikum nicht unsere Kundschaft abbildet. Wir sind zum Beispiel auf Viehschauen optisch präsent. Ich werde mir Gedanken machen, in welcher Form meine Firmen den FC Aarau unterstützen können.

Wie viele Spielerwechsel sind in der Challenge League erlaubt?

Vier!

Test bestanden. Ihre Firmen produzieren und vertreiben Tierfutter, nun werden Sie Präsident eines Fussballklubs. Weiter auseinander könnten die zwei Branchen nicht sein.

Es gibt eine Gemeinsamkeit: In der Multiforsa AG beschäftigen wir 45 Verkäufer, die haben wie Fussballer Provisionslöhne und entsprechend grossen Ehrgeiz sowie ihre Macken und Eigensinn. Da kommt es hie und da zu kritischen Gesprächen mit Verkäufern, die in einer normalen Firma nicht üblich sind.

Haben Sie selber Fussball gespielt?

Ich habe als Bub drei Schnuppertrainings beim FC Aarau absolviert, mich dann aber für den Handball entschieden und als Junior für den BTV Aarau gespielt.

Wie stark werden Sie sich als Präsident in sportliche Themen einmischen? Schliesslich sind die Leistungen der FCA-Profimannschaft das, wofür der ganze Aufwand drumherum letztlich betrieben wird.

Das stimmt. Aber man hat in den vergangenen Jahren beim FC Aarau erkannt, dass es die Abgrenzung zwischen der sportlichen Abteilung und dem Verwaltungsrat braucht. Sportchef Sandro Burki hat die sportliche Verantwortung, er verlangt die und das ist auch richtig so. Der Verwaltungsrat gibt die finanziellen Leitplanken vor und funktioniert als Kontrollorgan und Sparringpartner der Operative. Wenn ich einen Input habe, werde ich den mitteilen, aber es liegt mir fern, mich in die sportlichen Belange einzumischen.

Eine Ihrer ersten Aufgaben wird es sein, neue Verwaltungsräte für 2020 zu finden.

Ich stelle in Frage, ob eine komplette Neubesetzung sinnvoll ist. Aber ja, der Umbruch wird in den nächsten Jahren stattfinden.

Sie haben als ehemaliger FCA-Angestellter (2000 bis 2008) und ehemaliger SVP-Einwohnerrat (2004 bis 2010) die Anfänge des Projekts im Torfeld Süd begleitet – und heute steht das Stadion immer noch nicht.

Seit der letzten Abstimmung 2008 hat sich die Ausgangslage verändert, ans Stadion sind nun Hochhäuser gekoppelt und die verantwortlichen Personen aller Parteien sind nicht mehr die gleichen. Ich habe mich über das Vorgehen der Stadion-Verhinderer oft geärgert, weil sie nicht sachlich, sondern aus Trotz gehandelt haben. Die Vorgehensweise beim aktuellen Projekt finde ich gut, es werden alle Interessensgruppen angehört. Bis zur Abstimmung wird es unsere Aufgabe sein, gute Argumente zu liefern und aufzuzeigen, dass es nicht nur um den FC Aarau geht, sondern um eine Perspektive für die Jugend und aus städtebaulicher Sicht um die Attraktivität von Aarau. Ich denke, dass die Aarauer grundsätzlich nichts gegen den FC haben und ihm die Notwendigkeit des neuen Stadions anerkennen, aber die Skeptiker wollen ernstgenommen werden und Kompromissbereitschaft spüren.

Die Stadionabstimmung wird der erste Meilenstein Ihrer Amtszeit sein und die Richtung für die Zukunft vorgeben.

Wenn der Spitzenfussball in Aarau langfristig gesichert sein soll, braucht es ein neues Stadion. Punkt. Als der FCA vor kurzem die Lizenz für die Super League erhielt und es darauf Stimmen gab, der FCA brauche ja gar kein neues Stadion, ärgerte mich das. Die Lizenz basiert auf einer Ausnahmebewilligung, weil die Baubewilligung für das neue Stadion theoretisch existiert. Sollte diese nach einem «Nein» zur BNO-Revision im Torfeld Süd erlöschen, würde sich bei vielen Involvierten die Frage stellen, inwiefern der enorme Aufwand für den FC Aarau noch Sinn macht.

Schlussfrage: Wie lange wollen Sie Präsident des FC Aarau sein und wo steht der FC Aarau am Ende Ihrer Amtszeit?

Zehn Jahre sind für mich die Obergrenze, an der ich neuen Kräften Platz machen möchte. Ich hoffe, bis dahin den FC Aarau ins neue Stadion geführt und als Super-League-Grösse etabliert zu haben. Wenn ich den momentanen Lauf der Mannschaft sehe, bin ich optimistisch, dass der Aufstieg bereits in dieser Saison gelingt.

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