Challenge League

Wiedersehen mit Aufstiegsheld Davide Callà: «Die schönsten Emotionen hatte ich in Aarau»

Seit er den Klub 2013 in die Super League schoss, geniesst Davide Callà bei den Fans des FC Aarau Heldenstatus. Sportchef Sandro Burki wollte ihn unbedingt ins Brügglifeld holen, doch Callà entschied sich für die Rückkehr in die Heimat Winterthur. Er erzählt warum und was ihn an Ex-FCB-Trainer Raphael Wicky störte.

«Nein, wir gehen woanders hin. Beim Essen kannst du dich auf mich verlassen.» Meinen Restaurantvorschlag schlägt Davide Callà aus. Kein Problem, wenn er das sagt. In Basel, wo er die vergangenen viereinhalb Jahre spielte, war er stets einer der Letzten, der den Essenssaal verliess, auf Europa-Reisen nahm er die eigene Espressomaschine mit, und als im Mai dieses Jahres der Tag des Abschiedsspiels gekommen war, tauchte plötzlich Ex-Teamkollege Behrang Safari am Stadionbildschirm auf und fragte: «Frisst du immer noch so viel? Du hast immer gegessen wie ein Flusspferd.»

Callà lacht lauthals über Safaris Spruch. So wie noch oft während unseres Treffens. Als der Kellner die Getränke serviert, klaubt er zwei Eiswürfel aus der Schale, wirft sie in sein Glas und kommentiert die Szene mit den Worten: «Heute zwei Eiswürfel, am Freitag gegen Aarau drei Punkte.»

Die Laune ist noch nicht lange wieder so gut. Callà gilt als Frohnatur, doch zuletzt hat man ihn selten bis nie lachen sehen. Bis auf das Abschiedsspiel war das vergangene Jahr beim FC Basel eines voller Enttäuschungen. Mit dem Rücktritt der alten Führung um Bernhard Heusler und Georg Heitz und dem Trainerwechsel änderte sich auch Callàs Stellenwert: Vorher noch der von Urs Fischer gefragte Allrounder auf dem Platz, sass er unter dem mittlerweile entlassenen Raphael Wicky meistens auf der Tribüne.

Beim FC Basel hatte Davide Callà nur noch eine Statistenrolle inne. Nun darf er bei Winterthur wieder auf dem Fussballplatz mitwirken.

Beim FC Basel hatte Davide Callà nur noch eine Statistenrolle inne. Nun darf er bei Winterthur wieder auf dem Fussballplatz mitwirken.

Nicht per se damit hatte Callà Mühe, ihn schmerzte die Art und Weise: «Ich bekam keine faire Chance. Hätte ich wenigstens ein paar Spiele gekriegt und in diesen schlecht performt – okay, dann hätte ich die Entscheidung akzeptiert und verstanden. Aber so? Ich war im Stolz verletzt.»

Andere hätten rebelliert. Callà nicht. Das sei eine Angelegenheit zwischen ihm und Wicky gewesen, sein Frust sollte nicht die Mitspieler beeinflussen. «Durch ein schlechtes Jahr lasse ich mir die dreieinhalb sensationellen Jahre davor nicht kaputtmachen. Die Sprechchöre beim Abschied gaben mir recht. Für einen Zürcher beim FCB ist das speziell. Ich habe mich nie verstellt und immer alles für den Klub gegeben, das wird in Basel honoriert.»

Wo schliesst sich der Kreis?

Ausserhalb von Basel sind Callàs Qualitäten als unermüdlicher Antreiber am Flügel weiterhin begehrt. Im Januar fragten Klubs aus der Super League an, aus der Challenge League der FC Winterthur und der FC Aarau. Einen Winterwechsel schloss Callà aus. «Trotz der Statistenrolle in Basel begehrt zu sein, war ein schönes Gefühl. Aber ich wollte nicht durch die Hintertür gehen, sondern einen sauberen Abschluss. Und ja: Auf den guten Lohn bis zum Vertragsende wollte ich nicht verzichten.» Es ging also um die Frage: Wie weiter im Sommer 2018? Winterthur? Aarau? Dorthin zurück, wo alles begann? Oder dorthin zurück, wo es ein zweites Mal begann?

Davide Callà auf dem Rasen der Schützenwiese in Winterthur. Für den gebürtigen Winterthurer schliesst sich ein Kreis.

Davide Callà auf dem Rasen der Schützenwiese in Winterthur. Für den gebürtigen Winterthurer schliesst sich ein Kreis.

  

Callà sagt über sich, er sei ein «stolzer Winterthurer». In der Stadt sei er geboren, aufgewachsen, und hier habe er die Lust am Fussball entdeckt. Einmal für die erste Mannschaft des FCW zu spielen, den er nur als Junior kurz streifte, sei immer ein Traum gewesen. «Nein warte, ich habe ein besseres Wort: Für mich ist das Ehrensache.» Vor einem Jahr haben er und seine Frau, ebenfalls eine Winterthurerin, in der Region ein Haus gekauft.

Als Callà den FCA zum Aufstieg schoss

Callà sagt aber auch: «Die eineinhalb Jahre in Aarau waren emotional die schönsten meiner Karriere.» 2012 ist er, der einst als kommender Schweizer Nationalspieler und Superstar gepriesen wurde, nach zahlreichen Knieoperationen vertragslos. Viele Klubs winken dankend ab, der FC Aarau aber erbarmt sich und gibt Callà einen tiefdotierten und leistungsbezogenen Vertrag. Er erzählt: «Ich musste bitti bätti machen. Hätte Aarau mich nicht genommen, hätte ich die Karriere beendet und wäre arbeiten gegangen.»

Das Risiko geht für beide Parteien auf: Callà schiesst mit 19 Toren in der Saison 2012/13 den FC Aarau zurück in die Super League. Sein Lohn folgt im Januar 2014: ein Vertrag beim FC Basel. Statt Spitzenfussball nur noch auf dem Sofa zu verfolgen, ist Callà mittendrin, als der FCB in die berühmtesten Stadien nach Madrid, Manchester, London und Liverpool reist und vier Mal Meister wird. Immer im Bewusstsein, wo er herkommt: «Die Zeit in Basel war top. Aber etwas vom Geilsten war die Aufstiegsparty mit dem FC Aarau, an diesem Abend wusste ich: Ich bin zurück!»

Davide Callà (l.) hatte erheblichen Anteil am FCA-Aufstieg in die Super League 2013.

Davide Callà (l.) hatte erheblichen Anteil am FCA-Aufstieg in die Super League 2013.

  

Karriereausklang auf der Schützenwiese

Winterthur oder Aarau? Callà entscheidet sich im Januar für die Rückkehr zu den Wurzeln. «Ich mags romantisch. Und dieser letzte Wechsel meiner Karriere ist pure Fussballromantik. Dem FC Aarau abzusagen, speziell meinem Freund Sandro Burki, der wirklich alles versucht hat, tat weh. Aber es war Zeit für mich, meine Frau und meinen Sohn, nach Hause zu kommen. Und jeden Tag durch den Gubristtunnel, das brauche ich nicht mehr.»

Ist die Entscheidung gegen Aarau nicht auch eine gegen die besseren sportlichen Perspektiven und gegen die grössere Herausforderung? In Aarau würde er am Erfolg der Mannschaft gemessen, in Winterthur zählen andere Werte, die kommenden zwei Jahre auf der Schützenwiese werden ein klassisches «Karriereausklingen». Callà überlegt kurz und sagt dann: «Ich bin 33, ich muss niemandem mehr etwas beweisen, ich habe alles erlebt: Konkurs, Abstieg, Aufstieg, Meister, Cupsiege, Champions League, Verletzungen und wundervolle Genesungen. Ich möchte dem FC Winterthur bei der Förderung junger Spieler helfen, weil ich denke, dass ich das ganz gut kann.»

Die neu gewonnene Freiheit

Abgemacht mit Winterthur ist, dass die Zusammenarbeit über das Vertragsende 2020 hinausgehen soll: Ob weiter als Spieler oder in anderer Funktion, das muss sich weisen. Auch an eine Zukunft als Trainer denkt er, gleichzeitig sind da Zweifel: «Wie in den letzten Jahren mit Trainern umgegangen wird, hat mich schon beschäftigt. Uli Forte beim FCZ und Urs Fischer beim FCB mussten trotz Erfolg gehen. Reicht es nicht mehr, Erfolg zu haben? Heutzutage muss ein Trainer alles sein: Kommunikator, Psychologe, Repräsentant vor Sponsoren – die Hauptaufgabe rutscht aus dem Fokus.»

Planspiele für die Zukunft ja, aber noch denkt Callà wie ein Spieler, noch ist die Lust auf Fussball gross. Vielleicht auch, weil es im neuen Umfeld wieder mehr um die Sache statt ums Drumherum geht: Der Wechsel vom FC Basel, vom grössten Fussballapparat der Schweiz in die rudimentäre Challenge League ist auch ein Kulturschock. Wenn man früher ein Interview mit dem FCB-Spieler Callà wollte, war das nur via Pressestelle möglich. Als sich Callà kürzlich beim Winterthur-Sportchef nach dem Vorgehen bei Medienanfragen erkundete, antwortete dieser: «Du bist jetzt dein eigener Pressechef.»

Für Callà kein Problem: «Hey, ich habe auch in Basel meine Schuhe selber getragen. Die Rundumversorgung mit Frühstück, Mittagessen und allem anderen Luxus war angenehm. Aber für die Selbstständigkeit der jungen Spieler sind einfache Strukturen besser. Sehen wirs positiv: Ich habe hier viel mehr Freiheiten. Ich kann mittagessen, wo ich will.»

Im Direktduell mit dem FC Aarau schiebt er diesem die Favoritenrolle zu: «Wir dürfen, der FC Aarau muss gewinnen.»

Im Direktduell mit dem FC Aarau schiebt er diesem die Favoritenrolle zu: «Wir dürfen, der FC Aarau muss gewinnen.»

  

«Wir dürfen, der FC Aarau muss gewinnen»

Während der Kellner die Rechnung bringt, reden wir nochmals über das Spiel zwischen Winterthur und Aarau. Beide Mannschaften haben das Startspiel 0:2 verloren, sind bereits unter Zugzwang. «Halt, halt», sagt Callà, «wir dürfen, der FC Aarau muss gewinnen. Wir wollen ein guter Mittelfeldklub sein. Aarau hat gute Transfers gemacht, das Trainerduo Patrick Rahmen und Marco Walker ist ein Segen für den Klub. Jetzt muss Aarau unter die ersten drei der Tabelle kommen.» Wenn das mal keine Ansage für heute Abend ist.

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