Challenge League
Wie FCA-Stürmer Alessandro «Bobo» Ciarrocchi seinem Trainer den Job rettete

Einst wurde ihm eine grosse Karriere vorausgesagt, doch dann begab sich der Winterthurer Alessandro Ciarrocchi auf die Achterbahn in der Fussballwelt. Nun kämpft er um einen neuen Vertrag beim FC Aarau.

Sebastian Wendel
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«Gib niemals auf»: Ciarrocchis Lebensmotto scheint ihm zu helfen. Freshfocus

«Gib niemals auf»: Ciarrocchis Lebensmotto scheint ihm zu helfen. Freshfocus

Marc Schumacher/freshfocus

Alessandro Ciarrocchi stutzt, der Blick ist nachdenklich. Ob er eine reelle Chance auf eine Vertragsverlängerung habe, wollen wir von ihm wissen. Dann nickt er und sagt: «Ja, das glaube ich.»

Anfang Herbst noch wäre Ciarrocchis Antwort wohl ein deutliches «Nein» gewesen. Der FC Aarau verliert damals 0:3 in Genf. Viel besorgniserregender als das Resultat ist der Zustand, in dem er sich im Stade de Suisse präsentiert. Wie eine Schülermannschaft werden die Aarauer von den Genfern auseinandergenommen, die Servette-Profis haben Mitleid mit ihren zerzausten Gegenspielern.

Alessandro Ciarrocchi (rechts) in einem Spiel gegen seinen Stammklub Winterthur

Alessandro Ciarrocchi (rechts) in einem Spiel gegen seinen Stammklub Winterthur

Freshfocus

Ciarrocchi hat keine Schuld am Debakel. Was aber nicht für ihn spricht: Seine persönliche Niederlage erleidet er schon vor dem Anpfiff, als er und Zoran Josipovic trotz personellem Notstand auf die Ersatzbank müssen. Unmissverständlich der Wink von Trainer Marinko Jurendic an das Duo: Sucht euch einen neuen Klub.

Kurz darauf ist Josipovic tatsächlich weg, geflüchtet nach Chiasso. Ciarrocchi aber bleibt. Und dann ereignet sich eine jener Geschichten, die nicht wirklich erklärbar sind, die den Fussball aber so herrlich aufregend machen: Ciarrocchi rettet jenem Mann den Job, der ihn abgeschrieben hat.

Lehren aus der Vergangenheit

Nicht nur ein Mal, nein gleich zwei Mal sorgen Ciarrocchis Tore dafür, dass Jurendic bis heute Trainer in Aarau ist: Zuerst entscheidet er zwei Wochen nach besagtem Spiel in Genf das Derby gegen den FC Wohlen (2:0) – eine Niederlage hätte Jurendic kaum überlebt. Ähnlich brisant die Ausgangslage vor dem letzten Vorrundenspiel gegen Chiasso: Noch so ein zahnloser Auftritt wäre Gift für den Trainer, über dessen Zukunft nach dem Spiel beraten wird. Wieder ist es Ciarrocchi, der mit zwei Toren und einem Assist praktisch im Alleingang für den 3:0-Sieg sorgt.

Ciarrocchi, der Trainerretter. Selber würde sich der Stürmer nicht als solcher bezeichnen. Er hat in der schwierigen Zeit einfach die Erfahrungen aus der Vergangenheit angewendet: «Ich erlebte in Bellinzona eine ähnliche Situation: Nach einer Niederlage sagte der Trainer in der Zeitung, mit Spielern wie Ciarrocchi könne man nicht gewinnen. Fussball ist leider nicht immer fair und jeder schaut zuerst auf sich.»

Doppeltorschütze gegen Chiasso: Alessandro Ciarrocchi lässt sich von den Aarauer Fans feiern. Marc Schumacher/freshfocus

Doppeltorschütze gegen Chiasso: Alessandro Ciarrocchi lässt sich von den Aarauer Fans feiern. Marc Schumacher/freshfocus

Marc Schumacher/freshfocus

Das Gesetz lautet: Solange er im Amt ist, ist der Trainer am längeren Hebel. Die Frage für die Spieler lautet: Wie reagieren auf Ablehnung? Die einen flüchten, die anderen stellen sich der Situation. Ciarrocchi hat Letzteres gewählt, als Jurendic ihm im Sommer eröffnete, dass er nur einen Mittelstürmer aufstelle und dieser vorerst nicht Ciarrocchi, sondern Patrick Rossini heisse.

«Natürlich habe ich auch mal kurz an einen Wechsel gedacht. Aber ich bin keiner, der davonläuft. Kommt dazu: Meine Frau Federica, ich und unsere Tochter Sofia sind in Aarau heimisch geworden. Wir haben Freunde gefunden, und bis in meine Heimatstadt Winterthur ist es nicht weit.»

Ciarrocchi, das Stehaufmännchen. Sein Motto lautet «gib niemals auf». Simpel, aber ihm scheint es zu helfen: Seit der Reaktivierung im Derby gegen Wohlen hat er fünf Tore erzielt und zwei vorbereitet. Und nicht zu unterschätzen: Spielt Ciarrocchi, blüht auch Rossini auf. Das hat auch Jurendic erkannt und zuletzt auf einen Doppelsturm umgestellt.

"Familie ist meine Motivation"

Sportliche Argumente für eine Vertragsverlängerung hat Ciarrocchi. Gegen ihn indes spricht die von den FCA-Verantwortlichen ausgerufene Verjüngungskur. Neben jenem des 30-Jährigen laufen neun weitere Verträge aus. Die Aussichten für Sportchef Sandro Burki zum Ausmisten sind verlockend.

Italien statt FC Basel

Alessandro Ciarrocchi (30) wurde einst eine grosse Karriere vorausgesagt. Doch nach dem Profidebüt in Winterthur schlug er ein Angebot des FC Basel aus und ging zum Serie-B-Klub Piacenza. Das Leben in der Emilia-Romagna ist süss, doch der sportliche Durchbruch gelingt dem Stürmertalent nicht. 2008 folgt er dem Lockruf der damals aufstrebenden AC Bellinzona und spielt seither in der Schweiz.

Ciarrocchis Vertrag läuft Ende Juni aus. Im Juli aber muss der nächste Lohn kommen, Ciarrocchi ist Familienvater, und Millionen verdient hat er keine. Macht er sich Sorgen? «Ich habe nun vier Monate für Eigenwerbung. Die Verantwortung für meine zwei Frauen ist die grösste Motivation. Es wird irgendwie weitergehen, auch einen Wechsel ins Ausland schliesse ich nicht aus. Doch mein Wunsch ist es, in Aarau zu bleiben und mit den Fans und der Mannschaft erfolgreichere Zeiten zu erleben.»

Das Wort «Aufstieg» vermeidet er tunlichst. Doch der Traum von der Super League lebt: «Ich bin zwar schon 30, aber es gibt genügend Beispiele von Spielern, die erst gegen Ende der Karriere ihre beste Zeit hatten.»

Fast schon früher beim FC Aarau gelandet

Was kaum jemand weiss: Beinahe wäre Ciarrocchi schon einmal mit dem FCA aufgestiegen: Im Sommer 2012 will ihn der damalige Trainer René Weiler ins Brügglifeld holen. Ciarrocchi lehnt das Angebot ab, will lieber im Tessin bleiben. «Ich habe gedacht, wir hätten die stärkere Mannschaft als Aarau.» Komplett daneben liegt er mit seiner Einschätzung nicht, die Tessiner sind dem FCA lange ein ebenbürtiger Konkurrent.

Doch dann der Knall: Im Frühling 2013 geht Bellinzona Konkurs. Der Weg für den FC Aarau in die Super League ist frei. Ciarrocchi rückblickend: «Der Konkurs war nicht absehbar. Aber wenn ich etwas bereue, ist es die Entscheidung, nicht schon damals zum FC Aarau gekommen zu sein.»

Als Ciarrocchi beinahe in Wohlen landete Auch beim FC Wohlen wäre Ciarrocchi (im Bild in einem Testspiel mit den Freiämtern) beinahe einmal gelandet, 2014. Aber Trainer Ciriaco Sforza befand ihn doch als zu grosse Konkurrenz für den jungen Roman Buess, den die Freiämter im Sturmzentrum aufbauen und anschliessend verkaufen wollte.

Als Ciarrocchi beinahe in Wohlen landete Auch beim FC Wohlen wäre Ciarrocchi (im Bild in einem Testspiel mit den Freiämtern) beinahe einmal gelandet, 2014. Aber Trainer Ciriaco Sforza befand ihn doch als zu grosse Konkurrenz für den jungen Roman Buess, den die Freiämter im Sturmzentrum aufbauen und anschliessend verkaufen wollte.

Ruedi Burkart

Für Ciarrocchi geht es nach dem Bellinzona-Konkurs in Chiasso weiter, wo er neun Saisontore erzielt, von den Fans aber wegen seiner Vergangenheit in Bellinzona verschmäht wird. Via Köniz und nochmals Chiasso folgt er 2016 seinem Mentor Marco Schällibaum nach Aarau. Er sagt: «Sportlich war es ein Auf und Ab, aber die zwei Jahre haben Spass gemacht.» Und mit Blick auf die nächsten Monate: «Nun liegt es an mir, die Chance auf eine Verlängerung zu nutzen.»