Waltenschwil

Wie ein Telefonat das Leben von Cansu Kursun veränderte

Zwei Trikots, eine Spielerin: Vater Mehmet Kursun, Tochter Cansu und Sohn Sila in Waltenschwil. afr

Zwei Trikots, eine Spielerin: Vater Mehmet Kursun, Tochter Cansu und Sohn Sila in Waltenschwil. afr

Im Wohnzimmer von Familie Kursun in Waltenschwil dominiert der Fussball. Im Fernsehen läuft auf dem Bezahlsender «Sky» ein Spiel der Bundesliga, ein Galatasaray-Trikot drapiert die Sofa-Lehne und Tochter Cansu heisst den Gast in ihrem FCZ-Tenü willkommen.

Die 17-Jährige Cansu spielt für die U21 der besten Frauenabteilung der Schweiz und für das U19-Nationalteam der Türkei. Sila, ihr elfjähriger Bruder, spielt im GC-Nachwuchs. Die Tochter beim FCZ, der Sohn bei GC, wem drückt der Vater die Daumen? Die Antwort verrät diplomatisches Geschick. «Ich bin Fan des FC Basel», sagt Mehmet Kursun, der 1986 in die Schweiz gekommen ist, mit einem Lachen.

Einladung ins Sichtungscamp

Der fussballerische Werdegang von Cansu Kursun könnte aus der Feder eines kitschigen Hollywood-Autoren stammen, ist aber wunderbare Realität. Als sie im Februar 2011 einen Anruf des türkischen Fussballverbands erhielt, fiel ihr fast der Hörer aus der Hand. Man hatte sie bei einem Spiel des Aarauer Nachwuchses beobachtet und wolle sie nun zu einem Sichtungscamp der U17 nach Deutschland einladen, wurde ihr mitgeteilt. 40 Mädchen mit türkischem Pass wurden daraufhin in Köln eine Woche lang begutachtet. Die Spielerinnen stammten aus Deutschland und Österreich. Cansu Kursun war das einzige Mädchen aus der Schweiz. Sechs von ihnen schafften den Cut, darunter die Waltenschwilerin.

Auch die nächste Hürde nahm Cansu mit Bravour. In Trabzon (Tür) stellten sich 30 Mädchen den kritischen Blicken. Ein Dutzend davon wurde nach intensiven Trainings nach Hause geschickt. Cansu aber gelang den Sprung ins 18er-Kader. Seitdem gehört sie dem Nachwuchs-Nationalteam der Türkei an. Als Innenverteidigerin bestritt sie die WM-Qualifikation. Mittlerweile spielt sie für die U19, hat ein Trainingslager in Istanbul und ein Turnier in Russland bestritten. Am Samstag kehrte sie nach zwei Länderspielen gegen Wales, in denen sie im Mittelfeld eingesetzt wurde, zurück in die Schweiz. «Es erfüllt mich mit Stolz, für die Türkei zu spielen», sagt die 17-Jährige.

Doch woher stammt das Talent, das offenbar auch ihrem Bruder in die Wiege gelegt wurde? Einen Moment herrscht Stille. Der Vater war nie ein Fussballer. Doch ein Cousin sei mal Profi beim FC Wohlen gewesen, erfährt man. «Und früher habe ich in jeder freien Minute auf der Schulhauswiese beim Junkholz mit den Buben gekickt», erklärt Cansu. Erst mit elf Jahren schloss sie sich dem FC Wohlen an, später landete sie, nach einem wie immer erfolgreichen Probetraining, in Aarau. Dann klingelte wieder einmal das Telefon, diesmal meldete sich der FC Zürich am anderen Ende der Leitung. Seit Sommer 2011 gehört Cansu dem FCZ-Nachwuchs an.

Nationalteam statt Letzigrund

Gerne hätte die sympathische junge Frau vor einer Woche das Champions-League-Spiel der Zürcher Frauen im heimischen Letzigrund verfolgt. Doch da war sie gerade mit dem Nationalteam unterwegs. In ein bis zwei Jahren will die ambitionierte Fussballerin selbst Teil der ersten Mannschaft sein. Die Reisestrapazen werden dann noch höher sein.

Die Reiserei ist aufregend, birgt aber auch einen Nachteil. Es ist schwierig, eine Lehrstelle zu finden. Momentan absolviert Cansu das zehnte Schuljahr und ist auf der Suche nach einem leistungssportfreundlichen Lehrbetrieb. «Klar würde ich gerne einmal im Ausland, zum Beispiel in der Bundesliga spielen», sagt der Lionel-Messi- und Galatasaray-Fan, «aber gross Geld verdienen werde ich damit wohl nie. Eine solide Ausbildung ist mir wichtig.»

Auch der Cousin habe sich gegen den Fussball und für den Beruf entschieden. Eine Einsicht, die schweizerischer nicht sein könnte. Apropos Schweiz: Was, wenn ein Aufgebot der Eidgenössischen Nati ins Haus flattert? «Ich habe gar keinen Schweizer Pass», antwortet Cansu, «aber ich würde sehr gerne einmal gegen meine Schweizer Kolleginnen spielen.»

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