Als der FC Aarau vergangene Woche das Training wieder aufnimmt, sorgt ein Abwesender für Fragezeichen: Tim Hemmi. Kurz zuvor kommt aus, dass der 20-Jährige die Vertragsverlängerung abgelehnt hat und sich auf sein Studium konzentrieren will. Ein 20-Jähriger, der freiwillig auf den Traum vom Fussballprofi verzichtet?

Hemmi ist einen Steinwurf entfernt vom Brügglifeld aufgewachsen, bis heute wohnt er im Elternhaus im Gönhard-Quartier. Zusammen mit seinen Brüdern Noah und Luiz, Mutter Seraina und Stiefvater Gil. Gil? Ja genau, der frühere Stürmer des FC Aarau, der seit zehn Jahren im Brügglifeld als Platzwart arbeitet.

Tim Hemmi (r.) zusammen mit seinem Stiefvater Gil im Brügglifeld.

Tim Hemmi (r.) zusammen mit seinem Stiefvater Gil im Brügglifeld.

Als kleiner Junge beginnt Tim mit dem Fussballspielen, bald einmal wird sein Talent erkannt und er schafft es im Team Aargau bis in die U18-Auswahl. Statt für den nächsten Schritt in die U21 entscheidet sich Tim aber dafür, seine Energie für die Matura aufzuwenden, und wechselt in die 2. Liga zum FC Aarau 1902.

Dort ist Stiefvater Gil sein Coach und sieht in jedem Training, dass Tim zu Höherem als zu Regionalfussball berufen ist. Im Herbst 2016 erkennt dies auch FCA-Sportchef Raimondo Ponte und bietet Hemmi für die Rückrunde einen Platz im Profikader an. «Unglaublich stolz» ist Hemmi, doch noch am Ziel seiner Träume angekommen zu sein.

Am Anfang scheint der Sprung von der 2. Liga in die vier (!) Klassen höhere Challenge League zu gross. Es gibt im Winter Stimmen im FC Aarau, die sich fragen, was einer wie Hemmi bei den Profis zu suchen habe. «Ja, es war schwierig. Die körperliche Belastung, der Rhythmus im Training, der neue Alltag, daran musste ich mich gewöhnen», sagt Hemmi.

«Es ist ein wunderbarer Tag, den ich wohl nie vergessen werde.»

Tim Hemmi nach dem Spiel gegen Wil:

«Es ist ein wunderbarer Tag, den ich wohl nie vergessen werde.»

Woche für Woche aber wird er besser, bis er im letzten Saisonviertel Anschluss findet. Es folgen immer mehr Teileinsätze und am 13. Mai der Höhepunkt: Im Heimspiel gegen Wil (4:0) steht er in der Startelf, läuft zur Hochform auf und ist mit einem Tor und einer Vorlage die grosse Figur. Das Aarauer Publikum klatscht begeistert und sieht in Hemmi schon die neue Identifikationsfigur. Auch sportlich bringt er attraktive Attribute mit: Spieler mit starkem linken Fuss und viel Speed sind rar und entsprechend gefragt.

Wurde Hemmi vergrault?

Nach Hemmis Galavorstellung gegen Wil sucht Sportchef Raimondo Ponte sofort das Gespräch. Doch Hemmi lehnt ab und verweist auf die früher getroffene Abmachung, erst nach der Saison über die Zukunft zu sprechen. Anfang Juni kommen Ponte und Hemmi wieder zusammen.

Schällibaum, mit dem Hemmi gemäss eigener Aussage ein sehr gutes Verhältnis hatte, ist da als FCA-Coach bereits Geschichte. Doch auch Nachfolger Marinko Jurendic sieht Potenzial im Eigengewächs und will Hemmi unbedingt im Kader. Der Trainerwechsel also ist nicht der Grund, dass das eben begonnene Märchen so schnell wieder endet. Was dann?

«Er hat sich nun für die berufliche Ausbildung entschieden. Das ist zwar schade, aber so zu akzeptieren.»

Raimondo Ponte:

«Er hat sich nun für die berufliche Ausbildung entschieden. Das ist zwar schade, aber so zu akzeptieren.»

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Spricht man mit Hemmi, ist im ersten Moment die Enttäuschung nicht zu überhören. Ebenso wenig das Selbstbewusstsein des jungen Mannes. Er wolle nicht nachtreten, aber: «Das Gesamtpaket hat nicht gestimmt. Ich habe nicht gespürt, dass es für mich zu hundert Prozent das Richtige wäre.» Im März bereits habe er sich für das Jus-Studium in Bern angemeldet, sei aber offen für alles in die Gespräche mit Sportchef Ponte gegangen. «Klar ist es schade. Im Voraus war es für mich die schwerste Entscheidung des Lebens. Aber sie dann zu fällen, war einfach.»

Hemmi hat sich wohl insgeheim erhofft, dass die Verantwortlichen nach den Abgängen von Romano und Tréand am Flügel auf ihn bauen. Schliesslich hat er im Frühling gezeigt, wozu er fähig ist. Stattdessen bekommt er nur einen Einjahresvertrag angeboten und erfährt, auch in der neuen Saison das Standing des Juniors zu haben, der sich beweisen muss. Zu den Gerüchten, dass neben den sportlichen Perspektiven auch das finanzielle Angebot zu gering ist, schweigt er.

Tim Hemmi hatte ein gutes Verhältnis mit dem ehemaligen FCA-Trainer Marco Schällibaum.

Tim Hemmi hatte ein gutes Verhältnis mit dem ehemaligen FCA-Trainer Marco Schällibaum.

Hat der FC Aarau Hemmi abgespeist? Hat er es leichtfertig verpasst, ein Eigengewächs mit Potenzial zum Publikumsliebling langfristig an sich zu binden? «Nein», erwidert Sportchef Raimondo Ponte entschlossen, «wir haben Tim eine faire Chance geboten, sich in einer kompletten Saison bei den Profis zu beweisen. Man darf nicht vergessen: Im Herbst hat Tim noch in der 2. Liga gespielt und nur drei Mal pro Woche trainiert. Er hat sich nun für die berufliche Ausbildung entschieden. Das ist zwar schade, aber so zu akzeptieren.»

Das Schlüsselerlebnis

Zurück zu Hemmi: Momentan absolviert er seinen Zivildienst und fliegt dann in die Ferien. In der Zeit also, in der seine früheren Teamkollegen in die Schlussphase der Vorbereitung steigen. Vermisst er den Fussball? «Seit dem Saisonende habe ich kaum mehr gegen einen Ball getreten. Nein, bis jetzt vermisse ich nichts.»

Tim Hemmi war mit dem FCA im Trainingslager in Marbella.

Tim Hemmi war mit dem FCA im Trainingslager in Marbella.

Hemmi hält inne – und sagt dann: «Wahrscheinlich musste es so kommen. In dem halben Jahr als Profi habe ich gelernt, dass längst nicht alles so toll ist. Die Tage können ziemlich langweilig sein, wenn die Ausflüge zwischen den Trainings darin bestehen, in die Stadt ‹käfele› zu gehen.» Er verweist auf den ehemaligen GC- und Thun-Profi Benjamin Lüthi, der mit 27 die Karriere an den Nagel hängte und sich wie Hemmi dem Studium widmete.

Lüthi erzählte kürzlich in einem Interview von einem Schlüsselerlebnis während einer Europacup-Reise nach Island: «Ich sass da in meinem Hotelzimmer in einem schönen Land, konnte aber nichts unternehmen, sondern wartete nur auf den nächsten Fixpunkt. Du isst, schläfst und trainierst nur noch. Es klingt von aussen vielleicht cool, ist aber gar nicht so lustig, wenn du noch andere Ansprüche ans Leben hast.»

Im September beginnt Hemmi mit dem Jus-Studium in Bern sein neues Leben. Das Leben nach der kurzen Profikarriere. Wann und ob er wieder in einem Verein Fussball spiele, weiss er noch nicht. Was hingegen klar ist: «Ich werde immer mal wieder ins Brügglifeld kommen, um mir Spiele anzuschauen und dem FC Aarau die Daumen zu drücken.»