Der Weg nach Tokio

Wenn die Welt auf 1200 m2 schrumpft

Aline Seitz peilt die Olympischen Spiele an.

Aline Seitz peilt die Olympischen Spiele an.

Die Olympischen Sommerspiele 2020 sind das grosse Ziel der vier Aargauer Athleten Oliver Hegi (Kunssturnen), Aline Seitz (Rad Bahn), Ciril Grossklaus (Judo) und Michelle Heimberg (Wasserspringen). In ihrer wöchentlich erscheinenden Kolumne geben sie abwechselnd Einblicke in ihren Alltag auf dem Weg nach Tokio. Diesmal Aline Seitz.

Beamen ist einer meiner grössten Träume. Wäre es nicht toll, von einer Sekunde auf die andere in Amerika zu sein, schnell in Frankreich ein leckeres Croissant einzu­kaufen, oder in Neuseeland den lockeren Lebensstil für ein paar Stunden zu geniessen?

Leider bin ich der Technologie noch nicht so weit voraus. Bei einer Weltmeisterschaft jedoch schrumpft die gesamte Erdoberfläche auf rund 1200m2. Das Bahninnere, ungefähr die Grösse einer Doppelturnhalle, verwandelt sich in ein kunterbuntes Farbenspiel auf kleinem Raum.

Die Landesgrenzen sind auf einmal Metallgitter, ange­ordnet in unterschiedlich grosse Rechtecke. Jede Nation ist in ihren Landesfarben in einer dieser Boxen stationiert, die Metallgitterrechtecke werden beflaggt und während den Siegerehrungen dröhnen Nationalhymnen aus aller Welt aus den Lautsprecherboxen.

Stolz auf unser Land

Ich freue mich sehr, auch dieses Jahr für die Weltmeisterschaften selektioniert zu sein. Sie findet diese Woche in Berlin statt. Das Trikot mit dem Schweizerkreuz auf der Brust überzustreifen, ist immer etwas Wunderschönes.

Ich war schon immer sehr stolz auf unser Land mit den schönen Bergen, der quadratischen Flagge und den pünktlichen Uhren. Ich liebe Schokolade und Käse wie keine Zweite. Seit ich aber Spitzensportlerin bin und die Schweiz an internationalen Wett­kämpfen vertreten kann, ist mein Nationalstolz noch viel grösser geworden.

Riesige Offenheit

Im Ausland vermisse ich am meisten das gute Brot vom Beck oder eine Rösti. Wenn ich draussen im Training auf dem Fahrrad bin und die Kühe mit ihren Glocken bimmelnd auf der Weide sehe, dann erfüllt mich dies mit Freude und es zeigt mir wie schön unser Land ist.

Auf der anderen Seite ent­wickelt man bei diesen inter­nationalen Rennanlässen eine riesige Offenheit gegenüber anderen Nationen. Man kennt und respektiert sich gegen­seitig. Da mal ein Schwatz
über die Metalllandesgrenze hinüber zu den Irländern, ein Kaffee mit den Belgiern, oder im Hotel beim Nachtessen mit den Portugiesen die Rennen am Fernsehen verfolgen.

In der Schule bei den Sprachen aufpassen

Selbst innerhalb unserer Schweizer Delegation gibt es verschiedenste Herkünfte. Unser Frauentrainer ist Brite, einer der Männertrainer ­Franzose. An den Weltcups in Schottland, Australien und Neuseeland hatten wir je einheimische Physio­therapeuten mit dabei.

Wenn ich dabei eines gelernt habe, dann, dass es wichtig ist, in der Schule bei den Sprachen gut aufzupassen. Wie schön ist es doch, sich mit den Athleten und Betreuern aus aller Welt zu verständigen. Es entwickeln sich Freundschaften und wenn ich einmal in irgendeinem dieser Länder etwas bräuchte, wüsste ich überall eine Anlaufstelle.

Dieselbe Passion

Ich mag die verschiedenen Kulturen und Klischees – und doch sind wir am Ende alle gleich. Wir alle haben dieselbe Passion. Wir alle reisen an die Wettkampforte, packen unsere Räder aus, kämpfen gegen­einander in den Rennen und am Ende der Woche packen alle ihre sieben Sachen wieder zusammen und weiter geht es.

Beamen wäre schön, aber schön ist es auch zu sehen, dass ich das alles ja schon habe. Wenn auch nur auf 1200m2.

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