FC Wohlen

Wenn die Existenz auf dem Spiel steht: der FC Wohlen am Tag der Lizenzvergabe

Das Baugesuch für eine neue Flutlichtanlage ist eingereicht, nun rollt der Ball für den FC Wohlen im Profigeschäft weiter.

Das Baugesuch für eine neue Flutlichtanlage ist eingereicht, nun rollt der Ball für den FC Wohlen im Profigeschäft weiter.

Lange wusste der FC Wohlen nicht, ob er den Profibetrieb aufrechterhalten kann. Es stand in den Sternen, ob Wohlen die Lizenz für die nächste Challenge-League-Saison erhalten würde. Wir waren am Tag der Lizenzvergabe im Stadion Niedermatten – eine Reportage.

Kurz nach 10 Uhr. Lucien Tschachtli kommt eben aus der Toilette, als sein Telefon klingelt. Den Anruf hat er erwartet. Trotzdem schlägt das Herz schneller, weiten sich die Pupillen. In irrsinnigem Tempo spielt er im Kopf nochmals die beiden Szenarien durch. Es ist einer dieser schicksalhaften Anrufe, die man ignorieren würde, wenn man von vornherein wüsste, dass die Nachricht negativ ist. Dann nimmt Tschachtli den Anruf an.

Den schlechten Film kann er löschen. Das Leben beim FC Wohlen geht weiter. Präsident Tschachtli wird mitgeteilt, dass der FC Wohlen die Lizenz für die kommende Challenge-League-Saison in zweiter Instanz erhält. Dies, obwohl niemand sagen kann, wann die Flutlichtanlage mit den geforderten 500 Lux betriebsbereit ist. Noch bis 6. Juni läuft die Einsprachefrist gegen das Baugesuch einer neuen Lichtanlage im Stadion Niedermatten. Die Liga indes honoriert allein schon die Bemühungen des Dorfklubs aus dem Freiamt. «Noch am Abend hätte eine VR-Sitzung stattgefunden, an der wir den Gang in den Amateurbereich aufgegleist hätten», sagt Tschachtli. «Diese Schublade können wir nun zum Glück schliessen.»

Impressionen vom Tag, als Wohlen die Lizenz doch noch erhält:

Umgehend informiert Tschachtli die graue Eminenz des Klubs, René Meier. Dann tätigt er zwei Anrufe, die sein Geschäft (Unterhaltungselektronik) betreffen, geht zum Friseur und kehrt danach auf die Niedermatten zurück.

Während Tschachtli den bedeutungsschweren Anruf erhält, nimmt die Mannschaft das Training auf. Keiner der Spieler weiss zu diesem Zeitpunkt, ob ihm der FC Wohlen weiterhin eine Zukunft im bezahlten Fussball bieten kann. Man müsste meinen, die Ungewissheit würde die Spieler lähmen. Das Gegenteil ist der Fall. Nach einer vergebenen Torchance witzelt der routinierte Stürmer Igor Tadic: «Wahnsinn! Erstmals in meinem Leben bin ich zu schnell gewesen.»

Um elf ist das Training zu Ende. Trainer Francesco Gabriele versammelt die Spieler um sich und verkündet den positiven Lizenzentscheid. Keine Purzelbäume. Keine verbalen Eruptionen. Die Spieler klatschen kurz Beifall. Das Leben geht auch in China weiter, wenn ein Fahrrad umfällt.

Der Moment der Entscheidung: Francesco Gabriele versammelt seine Spieler.

Der Moment der Entscheidung: Francesco Gabriele versammelt seine Spieler.

Captain Alain Schultz setzt sich an den hintersten Tisch im Stadionrestaurant. Alle anderen sind für das Saisonabschlussessen besetzt. Auf den Tischen stehen aber weder Champagner- noch Sekt-, sondern Wasserflaschen.

Schultz ist einer jener Spieler, der sich mit dem Zwangsabstieg in die 2. Liga auseinandergesetzt hat. Nicht, weil es dem 34-Jährigen an der Klasse fehlte, um bei einem anderen Profiklub unterzukommen. Nein. Aber für Schultz ist es alternativlos, irgendwann die Karriere in Wohlen zu beenden. Deshalb war er etwas angespannter als einige seiner jungen Kollegen, die den FC Wohlen als Durchlauferzieher betrachten.

«Es wäre eine Frechheit gewesen, hätte uns die Liga die Lizenz verweigert.»

Alain Schultz:

«Es wäre eine Frechheit gewesen, hätte uns die Liga die Lizenz verweigert.»

«Die Zuversicht war stärker als die Skepsis», sagt Schultz. «Schliesslich hat der Aufsteiger Rapperswil die Lizenz erhalten, obwohl seine Infrastruktur schlechter ist als unsere. Zudem hat sich der FC Wohlen in 15 Jahren Challenge League nichts zuschulden lassen kommen. Nie musste ein Spieler auch nur einen Tag auf seinen Lohn warten. Das ist bei vielen anderen Klubs keine Selbstverständlichkeit. Es wäre eine Frechheit gewesen, hätte uns die Liga die Lizenz verweigert.»

Und, werden Sie heute noch feiern? Schultz winkt ab und sagt: «Ich gehe zwar erleichterter als zuletzt nach Hause. Aber es gibt mir schon zu denken, wenn wie zuletzt gegen Wil nur noch 450 Zuschauer an ein Heimspiel kommen. Für die Leute hier ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass Wohlen in der Challenge League spielt. Ich hoffe, dass dieses Denken nicht für die Ewigkeit ist.»

Halb zwölf. René Meier, seit 35 Jahren der starke Mann im Klub, betritt seine Bühne. «Freude herrscht», sagt er. «Die Liga hat die besonderen politischen Verhältnisse in Wohlen berücksichtigt. Schliesslich haben wir schon vor fünf Jahren die Gemeinde, der das Stadion gehört, auf die mangelhafte Flutlichtanlage aufmerksam gemacht. Aber: Es kann nicht sein, dass Wohlen zum Saisonende gegen Wil und Chiasso spielt und es um nichts mehr geht, weil Le Mont freiwillig absteigt. Die Liga ist zum Umdenken gezwungen. Die Schweiz ist zu klein für 20 Profiklubs. Die Anforderungen sollten den Verhältnissen angepasst werden. In der Challenge League soll Halbprofitum möglich sein.»

Noch eine Frage: Wer wird neuer Trainer? Erleben wir das dritte Comeback von Martin Rueda? Meier sagt: «Er wohnt gleich da hinten. Natürlich ist er ein Kandidat. Aber es ist erstaunlich, was für Trainer uns wollen. Da sind keine Heugümper darunter.»

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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