Handball
Wenig Zeit für Besinnlichkeit

Nicole Dinkel wagte den Schritt in die Bundesliga – und ist froh darüber. Trotzdem hat sie ab und zu ein wenig Heimweh nach der Schweiz.

Andreas Fretz
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Nicole Dinkel schiesst ihre Tore in der Bundesliga und im Nati-Dress. alexander wagner

Nicole Dinkel schiesst ihre Tore in der Bundesliga und im Nati-Dress. alexander wagner

Solothurner Zeitung

Viel Zeit, um die Feiertage mit ihren Liebsten zu verbringen, blieb Nicole Dinkel nicht. Vom 24. bis zum 26.Dezember weilte sie in ihrem Elternhaus in Frick. Danach gings wieder zurück nach Deutschland. Bereits heute trifft Dinkel mit ihrem Team Göppingen auf Bundesliga-Leader Thüringen. An ihrem 26.Geburtstag, dem 2. Januar, steht das Derby gegen Sindelfingen an. Zeit für Besinnlichkeit bleibt bei diesem dicht gedrängten Programm kaum.

«Wenn ich längere Zeit nicht in der Schweiz bin, spüre ich schon ein bisschen das Heimweh», sagt die Nati-Spielerin, «und wenns dann wieder zurück nach Deutschland geht, fällt der Abschied manchmal schwer.» So alle zwei Wochen reise sie in ihre Heimat, treffe die Eltern oder Freund Beat Jäger vom Erstligisten TV Möhlin, ebenfalls ein Handballer. «Aber ich fühle mich sehr wohl in Deutschland», sagt Dinkel. Vor rund eineinhalb Jahren wagte die vielleicht beste Schweizer Handballerin den Schritt in die Bundesliga. In Göppingen, rund zwanzig Autominuten von Stuttgart entfernt, lebe man den Handball viel professioneller und intensiver als in der Schweiz. «Aber auch der Erholung wird mehr Wert beigemessen», sagt Dinkel. «In der Schweiz müsste ich neben dem Handball mindestens 80 Prozent arbeiten.» In Deutschland hat sie einen sogenannten Mini-Job, arbeitet rund 30 bis 40 Prozent bei einer Werbeagentur in Stuttgart und betreut dabei das soziale Netzwerk der Firma.

Einen Grossteil der Arbeit kann sie von zu Hause aus erledigen. Mit einer Teamkollegin wohnt Dinkel in einer 31⁄2-Zimmer-Wohnung. «Ich habe hier ein gutes Umfeld gefunden», sagt sie. Das Wagnis Deutschland hat sich für sie gelohnt. «Ich bin froh über diesen Schritt, sowohl sportlich als auch zwischenmenschlich bringt mich dieses Abenteuer weiter.» Sie sei mit offenen Armen empfangen worden, auch wenn sie im ersten Jahr um ihren Platz in der Mannschaft kämpfen musste. «Jetzt geht es immer besser», sagt die Rückraumspielerin, «ich werde immer wichtiger für das Team.»

Göppingen, das in diesem Jahr auch im Europacup spielte, liegt derzeit zwar nur auf Rang zehn der Meisterschaft, doch Abstiegssorgen hat man nicht. Dennoch ist nicht alles rosig. Der Verein hat, obwohl 800 bis 1000 Zuschauer zu den Spielen kommen, finanzielle Probleme. «Mein Vertrag läuft bis Sommer 2011. Was danach kommt, steht in den Sternen», sagt Dinkel.

Göppingen ist eine handballverrückte Stadt, auch die Männer spielen in der ersten Bundesliga. «Jedes Spiel ist ein Event», sagt Dinkel, die vor kurzem mit der Schweiz in der EM-Qualifikation gescheitert ist. «Es braucht noch viel, bis die Schweiz eine Endrunde erreicht», glaubt Dinkel. Das Reservoir an Spielerinnen sei begrenzt, nicht alle seien bereit, den entsprechenden Aufwand zu betreiben. Nicole Dinkel hat diesen Schritt gewagt – und ist froh darüber.