Markus Birchmeier hat es selbst erlebt. Plötzlich werden andere Dinge im Leben interessant. Beispielsweise das andere Geschlecht. Oder die Frage, was mache ich später im Leben? Die Pubertät ist für viele junge Männer schwierig. Und genau in dieser Phase wechseln die Nachwuchsschwinger zu den Aktiven. «Plötzlich bekommst du in jedem Kampf nur noch auf den Deckel, obwohl du zuvor alles gewonnen hast», sagt Birchmeier, heute Präsident des Aargauer Schwingerverbandes.

So ist es auch ihm einst ergangen. Aber er hat weitergemacht. «Und wenn man den Kopf einmal aus dem Sägemehl gezogen hat, war das eine Lebensschule, von der man nicht nur auf dem Schwingplatz profitiert.»

So, wie es Birchmeier vor Jahren selbst erlebt hat, geht es auch heute den jungen, talentierten Schwingern im Kanton Aargau. Manche Talente gehen verloren. Weil die Freundin am Wochenende plötzlich die interessantere Option ist, als früh am Morgen aufzustehen und dann nur zu verlieren. «Die meisten brauchen zwei, drei Saisons, bis sie bei den Aktiven an frühere Erfolge beim Nachwuchs anknüpfen können», sagt Birchmeier. «Und nur zu verlieren, ist eben schon sehr deprimierend für die Talente.»

Umso grösser ist die Freude beim Präsidenten, dass der Nachwuchs im Aargau so stark ist wie seit Jahren nicht mehr. Auf das Aargauer Kantonalschwingfest am Sonntag in Brugg blickt Birchmeier voller Zuversicht. «Der Aufschwung der vergangenen Saison hat sich fortgesetzt.»

Starke Freiämter

Drei neue Eidgenossen gab es im vergangenen Jahr. David Schmid ist 26 Jahre alt. Patrick Räbmatter 25 und Nick Alpiger gar erst 20. Sie haben die schwierige Phase, wo die Fragen «Disco oder Schwingfest?», «Bett oder Sägemehl?» aktuell waren, hinter sich. Sie alle haben sich für das Schwingen entschieden und sind somit zu Vorbildern für andere geworden. «David Schmid ist leider zurzeit verletzt. Räbmatter und Alpiger haben aber beide nochmals einen Schritt vorwärtsgemacht», sagt Birchmeier. «Sie sind nun zu Beispielen geworden, dass es sich lohnt, weiterzumachen.»

Natürlich, alle gehen den Weg nicht. «Wir verlieren nach wie vor viele Talente beim Übertritt zu den Aktiven», sagt Birchmeier. Aber es hat eben wieder mehr, die bei den Aktiven richtig gut werden und nicht nur mitschwingen. Aktuell macht dem Präsidenten die Entwicklung im Schwingklub Freiamt Freude. Er nennt den 20-jährigen Joel Strebel oder die 19- beziehungsweise 17-jährigen Brüder Andreas und Lukas Döbeli.

«Wir haben in der Tat im Moment ein sehr gutes, junges Team», sagt Josef Reichmuth, der technische Leiter. «Auch wir hatten das Problem, viele Talente zu verlieren.» Doch es geht eben auch beides, also Schwingen trotz Privatleben, wie es seine Schützlinge aktuell beweisen. «Ausgang, Freundin, Berufslehre – für viele ist das neben dem Schwingen zu viel. Doch wenn im Team eine Dynamik entsteht und das gemeinsame Training Freude macht, bleiben ein paar mehr.»

Auch Birchmeier glaubt an diesen Effekt, nennt aber auch die verbesserte Ausbildungsstruktur im ganzen Kanton als Grund für den Aufschwung. «Wir bereiten die jungen Schwinger mittlerweile sehr gut auf die Phase des Übertritts vor.» Schon den Zehnjährigen, die er selbst trainiert, erzählt Birchmeier von seinen Erfahrungen. Wie es für ihn war, plötzlich zu verlieren und andere Interessen zu haben. Aber eben auch, wie sehr es sich für ihn gelohnt habe, nicht aufzugeben.