Analyse
Warum für den FC Aarau der Ligaerhalt das höchste der Gefühle ist

Unter den aktuellen Voraussetzungen kann der FC Aarau in den Top 10 des Schweizer Fussballs nicht mehr als die zweite Geige spielen. Fünf Gründe, weshalb der Super-League-Aufsteigerfreiwillig die graue Maus bleibt.

Ruedi Kuhn
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Davide Callà ist wie in der letzten Saison der effizienteste Aarauer, aber auch er kommt nicht mehr so einfach an seinen Gegenspielern vorbei.Key

Davide Callà ist wie in der letzten Saison der effizienteste Aarauer, aber auch er kommt nicht mehr so einfach an seinen Gegenspielern vorbei.Key

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Nehmen wir die aus Sicht des FC Aarau verflixte Szene, die am vergangenen Sonntag zum entscheidenden Penalty für St. Gallen führte. Juan Pablo Garat zog im Strafraum am Leibchen von Goran Karanovic – der St. Galler Mittelstürmer liess sich nicht zweimal bitten und legte sich nieder. Exakt dieser Goran Karanovic war ein Wunschspieler des FC Aarau. Man traf sich im Frühling sogar zu Sondierungsgesprächen. Ergebnislos.

Die Verpflichtung von Karanovic blieb ein frommer Wunsch. Er war viel zu teuer. Den 25-Jährigen mit Freiämter Wurzeln hätte man sich nur mit einem finanziellen Kraftakt leisten können. Der geforderte Jahreslohn von über 200 000 Franken übersteigt die Möglichkeiten des Klubs. Mit einem Gesamtbudget von 7,4 Millionen – davon 5 Millionen für die
erste Mannschaft – kann sich der FC Aarau Karanovic nicht leisten. So wechselte der Goalgetter von Servette zum FC St. Gallen und schiesst seine Tore nicht für Aarau, sondern für die Ostschweizer.

Der Start in die Saison mit zehn Spielen und zehn Punkten verlief für den FC Aarau ansprechend. Die Leistungen waren mehrheitlich gut. Der Vorsprung auf den Tabellenletzten Lausanne beträgt sechs Punkte. Fünf Gründe zeigen auf, dass es für den FC Aarau in dieser Saison aber nur ein Ziel geben kann: den Ligaerhalt.

1. Dünne Personaldecke. Mit 21 Spielern ist der Kader knapp besetzt. Kommt hinzu, dass nahezu die Hälfte nicht Super-League-tauglich ist. Das mag brutal klingen, ist aber die Wahrheit.

2. Kein Ausnahmekönner. Im Kader gibt es keinen Star und keinen Reisser, der die Mannschaft dank individueller Klasse zu Punkten führen kann. Der effizienteste Spieler ist wie schon in der vergangenen Saison Davide Callà: In der Challenge League brachte der Flügelstürmer die Gegenspieler schier zur Verzweiflung und erzielte 19 Tore, in der Super League kann er sich bei weitem nicht mehr so erfolgreich in Szene setzen. Immerhin gelangen ihm in zehn Spielen vier Tore.

3. Kein Toptransfer. Der FC Aarau verpflichtete im Hinblick auf diese Saison hin keinen Klassespieler. Alexander Gonzalez, Linus Hallenius, Kim Jaggy, Otele Mouangue, Bruno Martignoni, Swen König und Mergim Brahimi sind Ergänzungsspieler. Mehr nicht. Wer mit gewissen Ambitionen in die Super League gehen will, der sollte auch mal auf die Karte Risiko setzen. Siehe Karanovic.

4. Substanzverlust. Im Vergleich zur Challenge-League-Meisterschaft 2012/13 ist der FC Aarau schwächer besetzt. Mit Silvan Widmer hat der beste Spieler den Klub verlassen. Seine defensive Stärke, seine Vorstösse auf der rechten Abwehrseite sowie seine Präsenz und Kopfballstärke nach Eckbällen und Freistössen fehlen merklich.

5. Schlechte Infrastruktur. Die Infrastruktur des FC Aarau ist die schlechteste in der Super League. Der Zuschaueraufmarsch im Brügglifeld sinkt von Spiel zu Spiel. Gegen Luzern waren es 8000, gegen Lausanne kamen nur noch 3728. Wo bleibt die grosse Solidarität der Fans zum grössten Sportklub im Aargau? Wo bleiben Enthusiasmus, Herzblut und Leidenschaft? Die Aarauer haben seit Anfang der 1990er-Jahre Visionen und Projekte für ein neues Stadion. Und was ist 20 Jahre später? Nichts. Rein gar nichts. Die Baubewilligung im Torfeld Süd ist noch nicht da. Eine Frage: Ist das neue Stadion eine Zangen- oder eine Totgeburt?

Fazit. Unter den aktuellen Voraussetzungen kann der FC Aarau in den Top 10 des Schweizer Fussballs nicht mehr als die zweite Geige spielen. Natürlich werden die Spieler die eine oder andere Sternstunde erleben. So wie beim 4:2-Sieg gegen Luzern. Mit Ausnahme von Lausanne gibt es in der höchsten Spielklasse aber kein Team, das in Reichweite des Aufsteigers liegt.

Nehmen wir den FC Thun: Die Berner Oberländer haben zwar ein nicht viel höheres Budget, profitieren im Vergleich zum FCA jedoch von einem besseren Einzugsgebiet, einem neuen Stadion, einem vollamtlichen Sportchef und einem breiteren Kader.

Mit Blick auf die bescheidenen finanziellen Mittel und die schlechte Infrastruktur ist der FC Aarau in einer Liga angekommen, in der er nur eine Statistenrolle spielen kann. Im zähen Ringen um den Ligaerhalt hat er trotzdem eine Chance. Der Hauptgrund: Trainer René Weiler versteht es, die Spieler an die Leistungsgrenzen zu bringen und sie wie Zitronen auszupressen. Das Duell um Rang 9 mit Lausanne ist offen, wird bis Saisonschluss viel Nerven kosten und spannend bleiben.