Erstmals seit drei Monaten geht der FC Aarau nicht als Tabellenletzter in ein Spiel. Doch aufgepasst: Wenn Aarau am Freitagabend in Schaffhausen verliert und Chiasso zwei Tage später Kriens schlägt, gibt die rote Laterne bereits das Comeback im Brügglifeld. Doch daran verschwenden Spieler, Fans und der Verein keine Gedanken, der Blick geht nach oben. Verständlich, nachdem der FC Aarau in den vergangenen drei Spielen das Maximum von neun Punkten gewonnen hat. Die «AZ» nennt neun Gründe für die Wende.

1. Der Geist von Oberstaufen

Bis hierhin und nicht weiter! Nach sechs Niederlagen aus sechs Ligaspielen zieht Patrick Rahmen die Reissleine. In der darauffolgenden Länderspielpause Anfang September reisen alle Kaderspieler, der Trainerstaff und die sportliche Führung um Sandro Burki und Roger Geissberger nach Oberstaufen ins Kurz-Trainingslager. Den Spielern wird eine von zwei Übernachtungen im Allgäu vom Lohn abgezogen. Im Allgäu spielt Fussball eine Nebenrolle, dafür wird eindringlich an die Solidarität untereinander und an die Berufseinstellung der Spieler appelliert. Der Geist von Oberstaufen verfehlt seine Wirkung nicht: Seither wirkt die Mannschaft homogener und besinnt sich auf das Wesentliche. Im Trainingslager kristallisiert sich zudem Elsad Zverotic als neuer Anführer heraus – er ist das Sinnbild für die sukzessive Auferstehung des FC Aarau nach sehr schwachem Start.

Elsad Zverotic geht voran: Er ist das Sinnbild für die sukzessive Auferstehung des FC Aarau nach sehr schwachem Start.

Elsad Zverotic geht voran: Er ist das Sinnbild für die sukzessive Auferstehung des FC Aarau nach sehr schwachem Start.

2. Motivations-Videos

In Oberstaufen zeigt Patrick Rahmen der Mannschaft ein emotionales Kurz-Video mit der Botschaft: «Auch in aussichtslosen Momenten gebe ich alles für das Team!» Das Instrument in Form von Videos, die unter die Haut gehen, nützt Rahmen seither immer mal wieder. Vor dem 3:0 gegen Rapperswil etwa ist es die Zusammenfassung des Champions-League-Finals 2005 zwischen Liverpool und der AC Milan, den die Engländer trotz 0:3-Pausenrückstand im Penaltyschiessen noch gewonnen haben. Botschaft an die Aarau-Spieler: Noch ist in dieser Saison nichts verloren!

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3. Loyalität in der Führung

Nach dem Heimdebakel am 5. Spieltag gegen Chiasso (1:2) steht Rahmen vor dem Aus. Doch mit Ehrlichkeit statt Schönfärberei und dank Rahmens Bereitschaft, den Offensiv-Fussball zugunsten einer stabileren Defensive aufzugeben, halten die Bosse am 49-jährigen Basler fest. Auch als auf das kurze September-Hoch drei Niederlagen folgen, darf Rahmen bleiben. Weil die Chemie zwischen Trainer und Mannschaft stimmt. Und weil die Krise das Verhältnis des Dreiecks Rahmen – Sportchef Sandro Burki – Präsidium nicht abkühlt, sondern die Verantwortlichen noch enger zusammenrücken lässt.

Sportchef Sandro Burki (links) hat an seinem Trainer Patrick Rahmen auch in schwierigen Zeiten festgehalten.

  

4. Gelöstes Sechser-Problem

Das grösste Versäumnis von Sportchef Burki und Trainer Rahmen auf dem Sommer-Transfermarkt ist die Bagatellisierung der Lücke im Mittelfeld-Zentrum. Daran krankt die Mannschaft lange, die jungen Mats Hammerich und Gezim Pepsi sind überfordert. Erst, seit Olivier Jäckle und der eigentlich als Innenverteidiger geholte Elsad Zverotic das Zentrum bilden, ist das Gefüge stabil. Die zweite taktische Änderung, die sich gelohnt hat, ist der Wechsel auf das für Fussballer am einfachsten umsetzbare 4-4-2-System.

Olivier Jäckle hat Stabilität ins Zentrum des Aarauer Mittelfelds zurückgebracht.

  

5. Verbesserte Disziplin

Der Badi-Rausschmiss von Patrick Rossini; generell die Badi-Besuche einiger Spieler; die Verspätung von Mickael Almeida vor dem Chiasso-Match; mehrere Profis, die den Start von Vormittagstrainings verschlafen – im Sommer gleicht der FC Aarau einem Haufen disziplinloser Fussball-Söldner. Rahmen sagt: «Wenn es sportlich nicht läuft, werden solche Dinge aufgebauscht. Wir hatten eher ein Problem mit der Leistungskultur. Einigen Spielern mussten wir ins Bewusstsein rufen, dass sie auch in der Challenge League in jedem Training vollen Einsatz geben müssen und dass sie mit Nonchalance dem Verein und sich selber schaden.» Wer nicht hören will, der muss seither fühlen: Im Oktober verordnet Rahmen den Jungprofis Pepsi und Ramadani eine Denkpause abseits des Mannschaftstrainings, damit diese ihre Berufseinstellung hinterfragen.

Im Oktober verordnet Rahmen den Jungprofis Pepsi (im Bild) und Ramadani eine Denkpause abseits des Mannschaftstrainings, damit diese ihre Berufseinstellung hinterfragen.

  

6. Stefan Maierhofer

Was will der FC Aarau denn mit diesem Oldie? So lautet der Tenor, als am 11. September der 36-jährige Stefan Maierhofer als Notnagel im Sturm vorgestellt wird. Am 11. November erzielt der Österreicher beim 3:0 gegen Rapperswil bereits seine Saisontore vier und fünf! Weitere Worte überflüssig.

Zu Beginn belächelt, nun erfolgreicher Torschütze: Stefan Maierhofer.

  

7. Djordje Nikolic

Mit Djordje Nikolic hütet in dieser Saison ein Mann mit Super-League-Niveau das FCA-Tor. Es sind nicht nur die Treffer von Stefan Maierhofer, sondern genauso die Paraden des 21-jährigen Serben, die dem FC Aarau auf die Siegerstrasse verhelfen. In den Spielen gegen Wil, Chiasso und Rapperswil-Jona macht Nikolic in wegweisenden Phasen Grosschancen des Gegners zunichte.

Mit Djordje Nikolic hat der FC Aarau einen souveränen Rückhalt zwischen den Pfosten.

  

8. Petar Aleksandrov

Die Installation des Meisterschützen von 1993 wird belächelt. Sportlich bedeutenden Einfluss hat der offiziell als Stürmertrainer geholte Aleksandrov (Bild) tatsächlich nicht: Muss er auch nicht, denn seine Aufgabe ist die des Seelenklempners. Als Ansprechperson für traurige, enttäuschte und frustrierte Spieler. Aleksandrov lebt vor, was Herzblut für den FC Aarau heisst: Keiner leidet mehr mit dem Verein. Deutlich wird das nach dem ersten Saisonsieg gegen Schaffhausen, als der 55-jährige Aleksandrov in der Kabine Tränen der Erleichterung vergiesst. Ein Bild, das die Spieler nachhaltig beeindruckt.

Die Aufgabe von Petar Aleksandrov beim FC Aarau ist die des Seelenklempners.

  

9. Die Fantreue in schweren Zeiten

Auf sein Publikum kann sich der FCA verlassen: Hinter der Winterthurer Schützenwiese und dem Stade de Genève (Servette) hat das Brügglifeld den drittbesten Zuschauerschnitt (2770) der Challenge League. Lausanne, als Topfavorit gestartet, hat fast 1000 Zuschauer weniger. Vor gefüllten Rängen fällt die Krisenbewältigung sicher leichter als bei einer Ambiance wie auf dem Friedhof.

Die FCA-Fans sind ihrem zwischenzeitlich kriselnden FC Aarau treu geblieben.