Challenge League

«Warum braucht der FC Aarau ein neues Stadion?»: Der persönliche Rückblick der AZ-Reporter

Viel Grund zum Jubeln, leider vor leeren Rängen: Der FC Aarau im ersten Halbjahr seit dem Trainer- und Strategiewechsel.

Viel Grund zum Jubeln, leider vor leeren Rängen: Der FC Aarau im ersten Halbjahr seit dem Trainer- und Strategiewechsel.

Der FC Aarau befindet sich nach sportlich erfolgreichen Monaten in der Winterpause – Zeit für die AZ-Reporter Ruedi Kuhn und Sebastian Wendel, Bilanz zu ziehen.

Corona, Trainerwechsel, neue Klubstrategie, Schicksalsschläge und sportlich eine erfreuliche Entwicklung: Hinter dem FC Aarau liegt ein bewegtes Halbjahr. Die AZ-Reporter haben den Klub – natürlich unter Einhaltung des vorgeschriebenen Abstands – eng begleitet. Was hat sie am meisten überrascht? Was war aus ihrer Sicht die prägende Figur? Welcher Moment ist ihnen in besonderer Erinnerung geblieben und was wünschen sie dem FC Aarau im neuen Jahr?

Meine Figur

Sebastian Wendel: "Eine Person aus dem Umfeld des FC Aarau hat es kürzlich im Gespräch auf den Punkt gebracht: «Der Typ ist verrückt, aber er ist halt einfach ein sehr, sehr guter Trainer!» Die Rede ist von Stephan Keller. Verrückt ja, der Umgang mit Keller ist fordernd – doch den 41-Jährigen darauf zu reduzieren, wäre falsch: Seine Gedanken und Worte gehen über die Eckfahne heraus und er traut sich, die Dinge unkonventionell anzugehen. Das tut dem FC Aarau bislang nur gut und hat im Brügglifeld die lange zu kurz gekommene Leistungskultur zum Leben erweckt. Seine Lust, aus dem FC Aarau wieder eine attraktive und erfolgreiche Adresse zu machen, hat sich schnell auf die Spieler übertragen: Trotz deutlich günstigerem und weniger prominent besetztem Kader als zuletzt hat Aarau nach 15 Spielen so viele Punkte (27) wie seit der Aufstiegssaison 2012/13 nicht mehr (damals 33)."

Ruedi Kuhn: "Ich sitze auf der Tribüne im Stadion Brügglifeld, komme aus dem Staunen nicht mehr heraus und frage mich: Was macht Leon Bergsma beim FC Aarau in der Challenge League? Der 23-jährige Holländer ist ein kleines Juwel, zu gut für die zweithöchste Schweizer Spielklasse. Der Abwehrchef hält nicht nur die Viererabwehrkette zusammen, sondern hat dank feiner Technik, schnellem Antritt, guter Übersicht und grenzenlosem Selbstvertrauen auch keine Probleme mit der Angriffsauslösung. Mag sein, dass Bergsma hin und wieder einen Risikopass schlägt, mit dem Feuer spielt und in Ausnahmefällen auch mal den einen oder andern Fehler macht. Egal! Mit Bergsma hat der FC Aarau das grosse Los gezogen. Er erinnert mich an den spielstarken und selbstbewussten Innenverteidiger Roberto Di Matteo. Der Italiener trat in der Saison 1992/93 ähnlich dominant auf, führte die Aarauer zum Meistertitel und absolvierte danach 34 Länderspiele für Italien. Als Trainer gewann Di Matteo mit Chelsea 2012 die Champions League. Mal schauen, was Bergsma während seiner Karriere erreichen wird. Für mich ist der junge Mann die Entdeckung dieser Saison. Bleibt die Frage, wie lange das aktuelle FCA-Aushängeschild noch im Brügglifeld bleiben wird. Für den Überflieger soll es lukrative Angebote geben. Ich traue Bergsma den grossen Durchbruch zu."

Mein Moment

Sebastian Wendel: "Seit Mitte der 90er-Jahre sehnt sich der FC Aarau nach einem neuen Stadion, vielleicht ist es in diesem Jahrzehnt endlich so weit. Doch mein erster Gedanke, als ich Mitte Oktober zum ersten Mal das mit der Coronabestuhlung aufgehübschte Brügglifeld betrete: «Warum ein neues Stadion?» Leider wurde die Benutzung der von freiwilligen Helfern montierten Schalensitze nur ein Mal, beim 3:1-Heimsieg gegen Xamax, erlaubt. Seither sind sie nur noch Bühnenbild während der zum Teil begeisternden Auftritte des Heimteams. Man stelle sich vor, was mit vollen Rängen beim letzten Spiel des Jahres gegen Thun los gewesen wäre, als Marco Aratore in der 91. Minute das erlösende 3:1 erzielte! Bleibt die Hoffnung, dass nach Corona zumindest ein Teil der Sitzplätze im Brügglifeld stehen bleiben."

Bei diesem Anblick sagte sich der AZ-Reporter mit einem Augenzwinkern: "Für was braucht der FCA ein neues Stadion?"

Bei diesem Anblick sagte sich der AZ-Reporter mit einem Augenzwinkern: "Für was braucht der FCA ein neues Stadion?"

Ruedi Kuhn: "Freitag, 30. Oktober, 2020, Stockhorn-Arena: Der FC Aarau gastiert beim FC Thun, zeigt trotz 60-minütiger Unterzahl einen seiner besten Auftritte in dieser Saison, erlebt bei der 0:1-Niederlage aber einen rabenschwarzen Abend. Die überforderte Schiedsrichterin Esther Staubli stellt Petar Misic nach einer halben Stunde mit der gelb-roten Ampelkarte vom Platz. Kurz zuvor erwischt es Arijan Qollaku auf grausamste Art und Weise. Der Linksverteidiger bleibt nach einem vermeintlich harmlosen Zweikampf auf dem Kunstrasen hängen und liegt minutenlang regungslos am Boden. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Die brutale Diagnose: Kreuzbandriss im Knie und mindestens sechs Monate Zwangspause! Die Szene mit Qollaku hat mir wehgetan. Sie hat mir in aller Deutlichkeit aufgezeigt, wie ein Profifussballer von einer Sekunde zur andern in ein Loch fallen kann und lange Zeit zum Nichtstun verurteilt wird. Gute Besserung, Arijan!"

Meine Überraschung

Sebastian Wendel: "Drei Punkte nach drei Spielen – der FC Aarau verabschiedet sich Anfang Oktober mit einer mässigen Bilanz in die erste Länderspielpause. Zwei Wochen später das Auswärtsspiel gegen Stade Lausanne-Ouchy – und siehe da: Captain Elsad Zverotic sitzt auf der Bank. Zur Erinnerung: Stephan Keller hat in der Sommerpause viele Steine umgedreht, der Captain jedoch blieb der alte. Doch nun verzichtet der Trainer in dieser heiklen Phase ausgerechnet auf den bei Fans, im Klub und vor allem bei den Mitspielern hoch angesehenen Zverotic? Sogar für Keller’sche Verhältnisse ein überraschendes Vorgehen. Er geht volles Risiko – und gewinnt mitunter, weil ausgerechnet Zverotic nach seinen Einwechslungen die siegbringenden Tore gegen Schaffhausen und Xamax vorbereitet. Geschichten schreibt der Fussball! Mittlerweile ist Zverotic wieder Stammspieler, nicht mehr im Zentrum, doch auch als Aussenverteidiger ist er mit seiner Erfahrung und Kampfkraft wichtig fürs Team. Er hat die Degradierung professionell verdaut und stellt sich voll in den Dienst der Mannschaft. Es ist Zverotics letztes Aufbäumen in einer langen und erfolgreichen Karriere - im Sommer wird er die Fussballschuhe an den Nagel hängen."

Ruedi Kuhn: "Im Herbst dieses Jahres wird Philipp Bonorand zum Präsidenten des FC Aarau gewählt. Der 40-jährige Unternehmer löst an der Spitze Alfred Schmid ab. Ich fragte mich damals: Hat Bonorand das Format für das Präsidentenamt? Ist er der richtige Mann an der Front? Kann er aus dem Schatten von Schmid treten, der den Verein während 13 Jahren unaufgeregt, zielgerichtet und selbstlos geführt hat? Er kann! Bonorand ist ruhig, sachlich, fleissig und kommunikativ. Und er nimmt sich Zeit für seine anspruchsvolle Aufgabe, stellt sich also voll und ganz in den Dienst des FC Aarau. Aber aufgepasst: Momentan läuft sportlich alles wie am Schnürchen. Was aber ist, wenn der FC Aarau mal in ein Leistungsloch fällt oder in finanzieller Hinsicht Probleme bekommt? Dann muss Bonorand die Reifeprüfung ablegen und den Beweis antreten, dass er ein guter Krisenmanager ist."

Sachlich, fleissig und kommunikativ: AZ-Reporter Ruedi Kuhn ist positiv überrascht vom neuen FCA-Präsidenten Philipp Bonorand.

Sachlich, fleissig und kommunikativ: AZ-Reporter Ruedi Kuhn ist positiv überrascht vom neuen FCA-Präsidenten Philipp Bonorand.

Mein Wunsch

Sebastian Wendel: "Dass der FC Aarau im neuen Jahr dort anknüpft, wo er vergangenen Samstag aufgehört hat: Mit Fussball, der schön anzuschauen ist. Fussball, der die seit Saisonbeginn anhaltende Verbesserung jedes einzelnen Spielers widerspiegelt. Und Fussball, der erfolgreich ist. Ein besseres Mittel, mit dem ein Verein in Zeiten von leeren Stadien und Kontaktverboten gegen die drohende Vergessenheit ankämpfen kann, gibt es nicht."

Ruedi Kuhn: "Corona-Alarm beim FC Aarau am Freitag, 6. November: Das Heimspiel gegen GC muss kurzfristig verschoben werden. Einen Spieler auf Seiten der Aarauer erwischt es besonders schlimm. Shkelzen Gashi ist während zehn Tagen in Quarantäne. Damit nicht genug der Unbill. Nach mehreren Untersuchungen muss der 32-jährige Goalgetter krankheitshalber eine mehrmonatige Zwangspause über sich ergehen lassen. Der sechsfache Saison-Torschütze ist seit Wochen zum Nichtstun verdammt und wird in dieser Saison wohl höchstens noch Teileinsätze bestreiten. Mein Wunsch: Shkeli, komm möglichst schnell zurück aufs Spielfeld! Du bist herzlich willkommen! Viel Kraft wünsche ich auch dem schwer erkrankten Nicolas Schindelholz sowie Marco Thaler und Miguel Peralta, die sich nach Kreuzbandrissen im Aufbautraining befinden und möglichst schnell wieder Fussball spielen möchten."

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