Aargauer Derby
Vor Wohlen vs. Aarau – Ex-Trainer Ryszard Komornicki kritisiert: «Aarau hat keine Persönlichkeiten»

Der frühere Aarau- und Wohlen-Trainer Ryszard Komornicki spricht vor dem 20. und letzten Derby am Montag über die Favoritenrolle, Sportchef Sandro Burki und kritisiert die Rolle von Gianluca Frontino.

Ruedi Kuhn
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Ryszard Komornicki: «Beim FC Aarau stimmt momentan vieles nicht.»

Ryszard Komornicki: «Beim FC Aarau stimmt momentan vieles nicht.»

Chris Iseli

Ryszard Komornicki, wie lautet Ihr Tipp für das 20. und letzte Derby zwischen Wohlen und Aarau?

Ryszard Komornicki: Ich tippe 2:2.

Ist der FC Aarau nicht klarer Favorit?

Nein. Mal ganz ehrlich: Beim FC Aarau sehnen alle das Saisonende herbei. Dieses Derby ist nicht mehr als ein Freundschaftsspiel. Der Druck ist weg. Die Spieler gehen nicht mehr an ihre Grenzen. Der Qualitätsunterschied zwischen den beiden Teams ist im Gegensatz zu früheren Jahren klein. Und für den FC Wohlen ist es die letzte Chance, die Aarauer vor eigenem Publikum zu schlagen.

Sind Sie in Wohlen mit dabei?

Natürlich! Schliesslich ist es das letzte Derby. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit ehemaligen Weggefährten wie Wohlen-Präsident Andy Wyder und Spielern wie Petar Aleksandrov, Salvatore Romano, Alessio Passerini und Michael Winsauer.

Für welchen der beiden Aargauer Klubs schlägt Ihr Herz?

Mein Herz schlägt für den FC Aarau und für Wohlen, aber am stärksten schlägt mein Herz für den polnischen Spitzenklub Gornik Zabrze, mit dem ich zwischen 1985 und 1988 viermal in Folge Meister geworden bin.

Sie feierten mit dem FC Aarau als Spieler und Trainer grosse Erfolge. Jetzt spielt der FCA die schlechteste Saison seit Jahrzehnten: Ist er auf dem Weg in den Amateurfussball?

Ich hoffe nicht. Man darf nicht alles schwarzsehen. Im Fussball geht alles schnell. Aber beim FC Aarau stimmt momentan vieles nicht. Ich will keine Polemik entfachen, sage aber eines in aller Deutlichkeit: Die Verantwortlichen setzen sich vor jeder Saison hohe Ziele, sprechen vom Aufstieg und wünschen sich attraktiven und offensiven Fussball. Das ist schlecht. Damit setzen sie die Mannschaft nur unter Druck. Sie sollten von Spiel zu Spiel schauen.

Ryszard Komornicki

Ryszard Komornicki ist am 14. August 1959 im polnischen Scinawa geboren. Der Mittelfeldspieler wurde mit Gornik Zabrze zwischen 1985 und 1988 viermal in Folge Meister. Von 1989 bis 1994 spielte er in Aarau und wurde 1993 Meister. Der 20-fache polnische Internationale absolvierte für die Aarauer 121 Spiele und schoss 11 Tore.

Komornicki war Ende der 1990er-Jahre der erste Profitrainer des FC Wohlen und schaffte mit den Freiämtern den Aufstieg in die 1. Liga. In der Saison 2011/12 bewahrte Komornicki die Wohler trotz der Reduktion der Challenge League von 16 auf 10 Teams vor dem Abstieg. Den FC Aarau trainierte er in den Saisons 2007/08 und 2008/09 und erreichte mit dem Team in der Super League jeweils den fünften Rang.

Wann haben Sie zum letzten Mal ein Spiel des FC Aarau gesehen?

Ich besuchte am vergangenen Samstag das Heimspiel gegen Servette. Ich war ernüchtert: Von Powerfussball und Zielstrebigkeit im Spiel nach vorne habe ich nichts gesehen. Einzelne Spieler sind überfordert. Andere spielen meiner Meinung nach sogar auf einer falschen Position.

Werden Sie konkret!

Gianluca Frontino ist ein überragender Fussballer. Er ist eine typische Nummer zehn, müsste also zentral hinter den Spitzen spielen. Was aber passiert? Frontino lässt sich oft nach hinten fallen und holt sich da die Bälle. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Was nützt Frontino dem FC Aarau so weit weg vom gegnerischen Tor?

Ist der Hauptgrund für den sportlichen Absturz die fehlende Qualität?

Natürlich. Die fehlende Qualität ist ein grosses Manko. Die Mannschaft ist aber auch falsch zusammengestellt. Der FC Aarau hat keine Persönlichkeiten. Früher gab es Leader-Figuren wie Artur Ionita und Ivan Benito. Ich hatte vor den Spielen jeweils Angst, dass Benito explodiert. Solche Typen fehlen heute.

Was braucht der FC Aarau für die Saison 2018/19?

Einen Trainerstab mit klarer Hierarchie und Führungskräften, die alle am gleichen Strick ziehen. Und Spieler mit Charakter und Leidenschaft, die zusammenpassen.

Ihre Meinung zu FCA-Sportchef Sandro Burki?

Sandro ist ein guter Typ, immer anständig und korrekt. Er hat eine grosse Ausstrahlung. Aber er ist erst 32 Jahre alt. Das ist sehr jung für einen Sportchef. Sandro wurde beim FC Aarau ins kalte Wasser geworfen. Es fehlt ihm an Erfahrung. Für ihn wird es schwierig. Trotzdem soll er der eigenen Strategie treu bleiben. Bleibt der Erfolg in der nächsten Saison aber aus, ist er der Hauptverantwortliche.

Aarau Trainer Ryszard Komornicki, rechts, gibt Anweisungen beim Spiel zwischen GC und Aarau im Jahr 2009

Aarau Trainer Ryszard Komornicki, rechts, gibt Anweisungen beim Spiel zwischen GC und Aarau im Jahr 2009

Keystone

Wo sehen Sie den FC Aarau in fünf Jahren?

Eine schwierige Frage. Das Wichtigste: Der FC Aarau braucht ein neues Stadion. Als ich 1993 mit dem FC Aarau Meister geworden bin, war eine neue Sportstätte schon ein Thema. Ich kann nicht glauben, dass es in den vergangenen 25 Jahren keine Fortschritte gab. Wäre ein Fussballklub in Polen so erfolgreich wie der FC Aarau, hätte er längstens ein modernes Stadion.

Glauben Sie noch an ein Stadion?

Ich weiss nicht. Ich weiss nur, dass es an allen Ecken und Enden an Solidarität gegenüber dem FC Aarau fehlt. Ein neues Stadion wäre eine Sportstätte für die nächsten 100 Jahre. Für die Kinder von heute und ihre Enkelkinder.

Was sagen Sie zum FC Wohlen, der Ende Saison freiwillig aus der Challenge League absteigt?

Das Abenteuer Challenge League musste für den FC Wohlen früher oder später zu Ende gehen. Dass die Freiämter 16 Jahre in der zweithöchsten Spielklasse überlebt haben, ist für mich schon ein kleines Wunder. Ohne Investor kann ein Kleinklub im Profigeschäft langfristig nicht überleben.

Kommen wir zu Ihrer persönlichen Situation: Sie haben den FC Aarau in den Saisons 2007/08 und 2008/09 auf Rang fünf in der Super League geführt. Sie haben mit dem FC Wohlen 2011/12 trotz der Reduktion von 16 auf 10 Mannschaften den Ligaerhalt geschafft. Trotzdem sind Sie seit zwei Jahren arbeitslos. Warum sind Sie nicht mehr gefragt?

Eine schwierige Frage. Ein Grund könnte sein, dass ich kein junger Trainer mehr bin. Der Trend im Profifussball geht mehr und mehr in Richtung Jungtrainer. Ausserdem habe ich keinen Berater. Man kennt mich also zu wenig. Ich höre von meinen Freunden oft, dass ich mich besser verkaufen soll. Das mag stimmen. Anderseits bin ich stolz darauf, dass ich niemandem etwas schulde.

Wie gross ist der Frust, dass Sie keinen Klub finden? Tut es weh?

Natürlich. Ich habe grosse Erwartungen in mich. Ich fühle mich besser denn je und bin überzeugt, dass ich auch als Trainer besser denn je bin. Ich glaube nach wie vor an eine Chance. Ich bin ein Kämpfer. Ich habe bewiesen, dass ich ein guter Ausbildner bin. Spieler wie Frédéric Page, Jonas Elmer, Mario Mutsch, Giuseppe Rapisarda, Kristian Nushi und der brasilianische Stürmer Rogerio sind unter meiner Führung aufgeblüht.

Was haben Sie in Ihrer Zeit als Trainer gelernt?

Früher trug ich das Herz auf der Zunge. Heute halte ich auch mal den Mund. Das ist wohl eine Alterserscheinung. Ich habe zudem gelernt, mit Kritik umzugehen und damit zu leben. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass es im Fussball nur um Resultate geht. Zu denken gibt mir allerdings die Art und Weise, wie viele Vereine mit den Trainern umgehen. Das ist respektlos.

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