Wenn Uli Forte über Gilles Yapi spricht, dann könnte man fast glauben, dem FC Aarau sei ein Lotto-Sechser zugeflogen. «Ein super Spieler, der die Mannschaft mit seiner natürlichen Autorität führen wird», meldet aus Zürich der Trainer des Super-League-Tabellenführers.

Und verspricht, die Leihgabe des FCZ werde sogleich eine Verstärkung sein. «Er hat bei uns die Vorbereitung von A bis Z mitgemacht und ist topfit. Gilles könnte ohne Zweifel noch immer in der Super League spielen», sagt Forte. «Bei uns ist er aber leider das Opfer der Kaderverjüngung geworden. Deshalb spielt nun der 19-jährige Kevin Rüegg auf seiner Position.»

Der gute Eindruck von Aarau

Yapi, 1,71 Meter klein und 63 Kilogramm leicht, muss vier Tage vor dem Krisengipfel gegen den FC Wohlen gleich zwei Interviews geben. «Klar bin ich enttäuscht, dass ich beim FCZ nicht mehr zum Zug gekommen bin. Aber ich verstehe, dass der Trainer die erfolgreiche Mannschaft nicht verändern wollte», sagt Yapi im Brügglifeld. «Ich bin jedoch keiner für die Ersatzbank. Ich will spielen, Leistung zeigen und Erfolg haben», sagt der Ivorer, der in der letzten Saison 20 Pflichtspiele für die Zürcher bestritten hatte.

Die Frage, weshalb er vom Leader der Super League aber ausgerechnet zur roten Laterne der Challenge League wechsle, ist für Yapi leicht zu beantworten. «Das mag auf dem Papier so sein. Aber für mich ist es nicht so wichtig, in welcher Liga ich spiele. Wenn der Ball rollt und ich dabei bin, dann bin ich glücklich», sagt Yapi.

Aber klar, zu jedem Klub wäre er gleichwohl nicht gegangen. Hier in Aarau habe er eben gespürt, wie sehr ihn der Sportchef und der Trainer gewollt hätten. «Ich wäre ja schon vor drei Jahren fast hier gelandet. Ich trainierte ein paar Wochen mit, konnte dann aber nicht Nein sagen, als der FCZ rief», sagt Yapi. «Weil ich damals jedoch sah, welch gutgeführter, familiärer Verein der FC Aarau ist, fiel es mir nun leicht, hier zu unterschreiben.»

Junge wachsen an Yapi

Sandro Burki, bis vor ein paar Wochen noch selber auf dem Platz und in jener Rolle, die Yapi nun im zentralen Mittelfeld einnehmen wird, sagt: «Wir sind nicht dieselben Typen, und Gilles ist sicher der bessere Spieler, als ich es war. Gemeinsam ist uns aber eine grosse Erfahrung.»

Der neue Sportchef hat beobachtet, dass Yapi nach seiner Ankunft vor zehn Tagen gut aufgenommen worden ist und sich bereits voll eingebracht hat. «Stimmt. Gilles setzt sich sehr stark mit dem Team auseinander. Er wird ihm Stabilität verleihen, und vor allem die jungen Spieler werden an ihm wachsen», sagt Trainer Marinko Jurendic.

An Erfahrung fehlt es dem ballsicheren Neuzugang nicht. Weit über 400 Pflichtspiele hat Yapi in Belgien, Frankreich, in der Schweiz und in Dubai bestritten. Mit dem FC Basel ist er dreimal Meister und einmal Cupsieger geworden, mit dem FCZ Cupsieger. Dazu hat er 46 Länderspiele für die Elfenbeinküste absolviert; mit Stars wie Didier Drogba und Yaya Touré an der Seite.

Yapi, der mit seiner Familie in Sissach lebt, weiss, wie im Profifussball der Hase läuft, kennt aber nicht nur das Leben an der Tabellenspitze. «Mit Dubai und Zürich bin ich abgestiegen; und als ich in Nantes war, retteten wir uns erst am letzten Spieltag», sagt Yapi. Er weiss, worauf es im Abstiegskampf ankommt: «Hart arbeiten und solidarisch bleiben, bis das Pendel auf die positive Seite ausschlägt. Und ganz wichtig ist der Teamspirit. Ist sich eine Mannschaft nicht einig, ist sie verloren.»

Yapi als Lehrmeister für die Jungen

Die Erwartungen an Yapi sind hoch. «Er muss Verantwortung übernehmen und Ruhe ausstrahlen», sagt Jurendic. «Gilles ist ein ruhiger und besonnener Mensch, der seine Worte bedachtsam auswählt.» Bräuchte der FC Aarau aber nicht eher einen Aggressivleader, der die Teamkollegen lautstark anpeitscht? «Gilles muss kein Lautsprecher sein. Wichtig ist, dass er viel mit ihnen spricht», sagt Jurendic.

Marco Thaler bestätigt, dass genau dies geschieht. Der 23-jährige Verteidiger sagt: «Gilles hat bei uns bereits die Leadership übernommen. Er steht vor dich hin und erklärt ruhig, aber bestimmt, was du besser machen musst.» Thaler hat keine Zweifel, dass Yapi für den FC Aarau eine Soforthilfe ist: «Ich erwarte von ihm, dass er Burki ersetzen kann und schon am Freitag gegen Wohlen bereit dafür ist.»

Yapi weiss, dass sehr viele Menschen beim FC Aarau sehr viel von ihm erwarten. «Damit habe ich kein Problem. Wenn ich darüber nachdenken würde, hätte ich zu viel Druck und könnte mich nicht auf meine Aufgabe fokussieren», sagt Yapi.

Das Brutalo-Foul im Brügglifeld

Kein Problem hat er auch damit, dass nun ausgerechnet das Brügglifeld zu seiner neuen Heimat wird. Jenes Stadion, in dem er sich am 9. November 2014 bei einem Foul des Aarauers Sandro Wieser so schwer verletzte, dass seine Karriere zu Ende schien. «Das ist abgehakt. Gott sei Dank kann ich wieder Fussball spielen. Und ich habe ja schon oft gesagt, dass ich Wieser verziehen habe. Ich hätte mir jetzt sogar gut vorstellen können, mit ihm gemeinsam beim FCA zu spielen. Das wäre doch ein gutes Beispiel für eine perfekte Versöhnung gewesen», sagt Yapi. Auch Wieser war bis vor kurzem als Neuverpflichtung im Gespräch.

Wie denkt Yapi nach der ersten Trainingswoche über seine neue Mannschaft? «Neben dem Platz und in der Kabine ist die Stimmung gut», sagt der 35-Jährige, «auf dem Rasen fehlt jedoch das Selbstvertrauen. Aber ich bin ja gekommen, um mitzuhelfen, dass sich dies wieder ändert.»

Nur für Hartgesottene: Das Brutalo-Foul von Wieser im Video

Nur für Hartgesottene: Das Brutalo-Foul von Wieser im Video


Endlich wieder spielen − Yapi freut sich auf die Partie gegen Wohlen. «Das Wetter ist gut und viele Zuschauer werden da sein − genau der richtige Moment, um drei Punkte zu holen», sagt der gläubige Christ. Wird er vor dem Spiel für drei Punkte beten und dafür, dass er ein Tor schiesst? «Das habe ich früher gemacht, als ich Gott noch nicht so gut kannte. Heute bete ich für die Mannschaft und darum, dass ich ihr ein gutes Vorbild bin.» Und seine schmalen Schultern die Kraft haben, die grossen Hoffnungen des FC Aarau und seiner Fans zu tragen.

Schöne Geste: Gilles Yapi tauscht mit Sandro Wieser das Trikot

Schöne Geste: Gilles Yapi tauscht mit Sandro Wieser das Trikot.

(September 2015)