Challenge League

Vor dem letzten Aargauer Kantonsderby: Vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Heute spielen sie ein letztes Mal gegeneinander, ehe sich die Wege des FC Wohlen und des FC Aarau trennen.

Heute spielen sie ein letztes Mal gegeneinander, ehe sich die Wege des FC Wohlen und des FC Aarau trennen.

Unser Autor macht einige Anmerkungen zu einer komplizierten Beziehung vor dem letzten Derby zwischen dem FC Wohlen und dem FC Aarau. Der Countdown läuft im Stadion Niedermatten bevor sich die Freiämter in die Promotion League verabschieden.

Meine erste Erinnerung an den FC Aarau ist eine schmerzhafte. Es war in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Auf dem Sportplatz «Paul Walser» spielte der unterklassige FC Wohlen im Schweizer Cup gegen den übermächtigen FC Aarau. Wir Wohler Buben sassen am Spielfeldrand, neben dem Tor und direkt unter dem Ballfänger aus Maschendraht.

Als der FC Wohlen völlig überraschend mit 2:1 in Führung ging, sprang ich jubelnd in die Höhe und schlug dabei heftig mit dem Kopf gegen die hölzerne Halterung des Ballfängers. Das tat höllisch weh. Aber ich war tapfer, weinte nur kurz und behauptete, das mache mir nichts aus. Am Ende gewann Aarau mit 4:3, ich hatte eine riesige Beule am Kopf und war zutiefst traurig, dass der FC Wohlen ausgeschieden war.

Vielleicht habe ich damals zum ersten Mal das Naturgesetz im Aargauer Fussball erahnt: Wenn der FC Wohlen und der FC Aarau gegeneinander spielen, dann gewinnt der FC Wohlen praktisch nie. Seltene Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wer es nicht glauben mag, kann gerne die Statistik bemühen: In der Challenge League haben der FC Wohlen und der FC Aarau bisher 19 Mal gegeneinander gespielt. 13 Mal hat Aarau gewonnen, fünfmal gab es ein Unentschieden. Nur ein einziges Mal hat der FC Wohlen gewinnen können.

Aarauer Überheblichkeit

Auch ein Grund dafür, dass die Sympathie der Wohler Fans für den FC Aarau in den letzten Jahren etwas gelitten hat. Die immer wieder feststellbare Aarauer Überheblichkeit gegenüber dem Landklub aus dem Freiamt kommt gar nicht gut an.

Wobei: «Fan» ist für den typischen Wohler Matchbesucher das falsche Wort. Einmal abgesehen von den beiden kaum je ein Dutzend Mitglieder zählenden Fanclubs gibt es im Stadion Niedermatten keine Fans. In Wohlen «geht man an den Match». Einige wenige legen sich dazu auch den FCW-Schal um den Hals. Aber mehr Identifikation ist nicht zu sehen.

Auf der Niedermatten ist Wohlen noch das Dorf geblieben; hier trifft man sich, hier kennt man sich, die Würste sind vorzüglich und das Bier kühl. Eigentlich egal, ob nun der FC Wil oder der FC Chiasso zu Gast ist.

Man freut sich eher still, wenn ein Sieg gelingt; meistens aber leidet man tapfer und trägt die Niederlagen mit, schimpft vielleicht ein bisschen; aber selten heftig. Gäbe es eine Trophäe für das stillste Publikum im Schweizer Fussball – die Wohler Matchbesucher würden sie mit ziemlicher Sicherheit gewinnen.

Schmerzen beim Freiämter Fussballherz

Genauso still haben sie akzeptiert, dass der FC Wohlen freiwillig aus der Challenge League verschwindet. Natürlich tut das dem Freiämter Fussballherzen weh. Aber die Argumente für den Ausstieg sind erdrückend. Also was soll man da noch gross lamentieren?

Freiämter Pragmatismus halt. Und später dann noch ein bisschen Wehmut, das schon. Aber Wurst und Bier und Wohler Gespräche gibt es auch in der Promotion League. Und vielleicht auch wieder etwas mehr Wohler Torjubel. Und Freiämter Torschützen.

Wohlens Trainer Martin Rueda (links) und Aaraus Trainer Ryszard Komornicki (rechts); 23. Juni 2007

   

Später einmal, wenn alles vorbei ist, wird man bewundernd und voller Respekt von Leuten wie René Meier, Andy Wyder, Lucien Tschachtli oder Hans Hübscher erzählen, die das Kunststück fertiggebracht haben, sechzehn Jahre lang immer wieder die Millionen für das brotlose Abenteuer Challenge League aufzutreiben.

Auch dem Wohler Selbstbewusstsein haben die 16 Jahre Challenge League gutgetan: Wir gehörten zu den 20 besten Fussballadressen im Land. Doch der politische Aufbruch, der im Dorf eingesetzt hat, trägt dazu bei, dass die Wohlerinnen und Wohler sich im Dorf wohlfühlen und zufrieden sind, auch wenn es keinen Profi-Fussball mehr auf der Niedermatten gibt. Die Nummer 2 im Kanton bleibt man fussballerisch ohnehin.

Der FC Aarau interessiert mehr als der FC Wohlen

Kürzlich hat sich ein Freiämter in einem Leserbrief in der «AZ» bitterlich beklagt, dass die Zeitung den FC Aarau in der Berichterstattung gegenüber dem FC Wohlen geradezu in unanständiger Weise bevorzuge.

Er hat minutiös den Sportteil ausgemessen und festgestellt, dass der FC Aarau viermal mehr Platz erhält als der FC Wohlen. Der Mann hat recht: Das ist aus Wohler Sicht nicht fair. Zur Erinnerung: Der FC Aarau ist zurzeit die Nummer 17 in der Schweiz, der FC Wohlen die Nummer 20.

Aber darum geht es nicht. Der FC Aarau interessiert halt einfach die meisten Aargauer mehr als der FC Wohlen. Der FC Aarau ist bedeutender, hat mehr Geld und mehr Einfluss, hat die bessere Mannschaft, mehr Publikum und eine grosse Tradition im Spitzenfussball.

Dazu produziert er, wenn auch oft unfreiwillig, ständig neue Schlagzeilen und viele Belanglosigkeiten. Daneben stehen die redlichen Freiämter Fussballer auf verlorenem Posten.
Nach dem freiwilligen Abstieg spielen diese Differenzen keine Rollen mehr, das manchmal recht verkrampfte Verhältnis zwischen den beiden Vereinen könnte sich entspannen.

Man kommt sich nicht mehr – oder viel weniger – in die Quere. Und viele Freiämter Fussballfans werden wieder das tun, was sie vor der gemeinsamen Challenge-League-Zeit mit dem FC Aarau schon getan haben: Sie können gleichzeitig Anhänger des FC Wohlen sein und Fan des FC Aarau.

Die Spiele in der Niedermatten und auf dem Brügglifeld besuchen. Sich freuen und leiden mit dem FC Wohlen, stolz sein auf den FC Aarau, wenn der dann, allenfalls im neuen Stadion, dereinst wieder in die Super League aufsteigen sollte.

The Final Countdown im Stadion Niedermatten

Heute Abend um 20 Uhr findet wohl für ziemlich lange Zeit das letzte Derby zwischen dem FC Wohlen und dem FC Aarau in der Challenge League statt. In dieser seltsamen Liga, wo die Stadien mit Klappstühlen ausgerüstet sein müssen, wo sich die Absteiger freiwillig melden, wo noch wochenlang gespielt wird, die Resultate aber bedeutungslos geworden sind, weil alles schon entschieden ist.

Trotzdem sollten wir uns das letzte Derby ansehen. Weil es das letzte ist. Weil es ein überaus faires und torreiches Spiel werden könnte. Weil vielleicht das Aargauer Naturgesetz eine Ausnahme zulässt. Aber vor allem, weil dieses Spiel am Anfang einer neuen und wunderbaren Freundschaft stehen könnte.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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