Challenge League

Vor dem Aus: Warum der FC Aarau kaum um die Trennung von Trainer Jurendic herumkommt

Muss Aarau-Trainer Marinko Jurendic nach der Vorrunde seine Sachen packen?

Muss Aarau-Trainer Marinko Jurendic nach der Vorrunde seine Sachen packen?

Kommt es in der Aargauer Fussballhauptstadt schon wieder zum Trainerwechsel? Beschlossen ist es noch nicht, doch vieles spricht dafür - auch das Stadionprojekt spielt eine wichtige Rolle.

Rückblende: Am 6. Juni 2017 entlässt der FC Aarau Marco Schällibaum. Hauptgründe: der sportliche Absturz im Frühling und der Machtkampf mit Sportchef Raimondo Ponte, in dem Trainer Schällibaum den Kürzeren zieht. Seither ist – das abschliessende Spiel am Sonntag in Rapperswil-Jona eingerechnet – eine halbe Saison vergangen. Heisst es bald schon wieder «Der FC Aarau entlässt Cheftrainer Marinko Jurendic»? Mit ähnlicher Begründung wie bei Schällibaum? Davon ist auszugehen.

Aber der Reihe nach: Als Jurendic im Juni zum neuen FCA-Trainer ernannt wird, ist Sandro Burki noch Spieler und Jurendic unterstellt. Der Plan, dass Urgestein Burki dereinst Sportchef würde, besteht, die Umsetzung aber ist erst für Sommer 2018 geplant.

Der Start in die Saison misslingt komplett. Kein Sieg in den ersten vier Spielen, planloses Gekicke. Das Fass zum Überlaufen bringt das Cup-Out gegen den Amateurklub Echallens. Zu wenig Qualität, unglaubliches Verletzungspech, keine eingespielte Mannschaft – es gibt Gründe für den Grottenstart, aber ein Sündenbock muss her. Weil das nach gut zwei Monaten im Amt nicht der neue Trainer sein kann, trifft es Sportchef Raimondo Ponte.

In einer Nacht- und Nebelaktion wird Burki fast ein Jahr früher als geplant zum Sportchef gemacht. Gestern Spieler, heute Chef des Trainers. Sowohl für Burki als auch für Jurendic eine bizarre Situation. Schon zu diesem Zeitpunkt stellt man sich die Frage: Kann das gut gehen mit Jurendic und Burki?

Wie ist es um ihr Verhältnis bestellt? Aarau-Sportchef Sandro Burki (links) und Trainer Marinko Jurendic.

Wie ist es um ihr Verhältnis bestellt? Aarau-Sportchef Sandro Burki (links) und Trainer Marinko Jurendic.

Die Frage rückt schnell einmal in den Hintergrund. Denn Burki hat nur einen Monat Zeit, Pontes Versäumnisse wenigstens ansatzweise zu beheben. Er bekommt vom Verwaltungsrat das Okay, mit Frontino, Audino, Peyretti und Yapi vier Spieler zu verpflichten.

Das Fass «Trainer» macht Burki nicht auf. Er gibt Jurendic die Chance, aus dem frisierten Kader Funktionierendes zu formen. Aber er macht in der Länderspielpause Ende September zur Bedingung: Ab sofort muss eine Entwicklung stattfinden, muss der FC Aarau mit diesem Kader wieder Freude machen. Mit positiven Resultaten, vor allem aber mit der Art und Weise seines Auftretens.

Die Bilanz seither lautet: 11 Spiele, 16 Punkte. Siege gegen Xamax, Wil und Chiasso. Aber auch: zwei Null-Leistungen in Schaffhausen und Vaduz (beide 1:4) und der blutleere Auftritt im Derby in Wohlen, der das FCA-Umfeld auf die Palme brachte.

Alle Highlights in einem Video: Wohlen - Aarau

Das Derby zwischen Wohlen und Aarau (1:1) im Video

Alle Highlights in einem Video: Wohlen - Aarau

Über die Entwicklung der Mannschaft gehen die Meinungen auseinander. Jurendic bemüht das grosse Bild, verweist auf den Punkteschnitt seit der Kaderbereinigung und die im Vergleich zur vergangenen Saison stabile Defensive. Und er verweist zurecht auf etliche von ihm eingeleitete Professionalisierungs-Prozesse: etwa in der medizinischen Abteilung, der Gegnerbeobachtung und der Datenerhebung.

Auf der anderen Seite Sandro Burki. Auch er will den FC Aarau dahin bringen, dass ein Aufstieg in die Super League wieder zum realistischen Szenario wird. Aber ist Jurendic in Burkis Augen der richtige Trainer dafür? Die Zweifel sind gross. Seit den Peinlich-Pleiten in Vaduz und Schaffhausen vermeidet der Sportchef ein Bekenntnis zum Trainer.

Dass die Zuschauer wegen der leidenschaftslosen Auftritte nicht mehr ins Stadion kommen, hat auch Burki realisiert. Was der FC Aarau vor knapp zwei Wochen beim prestigeträchtigen Derby in Wohlen abliefert, hat neben den wutschnaubenden Klubbossen auch ihn fassungslos gemacht. «So geht es nicht weiter», waren noch die nettesten Worte von der Führungsriege. Und mit dem Versuch, dieses mit Müh und Not erreichte 1:1 als Schritt nach vorne zu verkaufen, hat Jurendic weiteren Schaden angerichtet. Auch bei den Spielern: Dass sie nicht mehr an eine Trendwende mit dem aktuellen Trainer glauben, gilt im und ums Brügglifeld als offenes Geheimnis. Allgemeiner Tenor: Jurendic ist ein Fachmann, aber einer ohne Gespür.

Äussern will sich Burki zur Trainerfrage weiterhin nicht. Warum nicht? Ein Grund dafür ist sicher, dass er in dieser Angelegenheit nicht das letzte Wort hat. Burki dürfte seine Entscheidung gefällt und mitgeteilt haben. Aber über die Akte «Cheftrainer» richtet beim FC Aarau der Verwaltungsrat um Präsident Alfred Schmid und Vizepräsident Roger Geissberger.

Präsident Alfred Schmid (l.) und Vize-Präsident Roger Geissberger richten über die Akte "Cheftrainer".

Präsident Alfred Schmid (l.) und Vize-Präsident Roger Geissberger richten über die Akte "Cheftrainer".

Auch sie sehen, dass die sportlichen Ziele in der Vorrunde nicht erreicht wurden. Aber deshalb einfach wieder den Trainer wechseln? Die Bosse sind hin- und hergerissen: Liegt es nur am Trainer, dass es nach Vulkan Schällibaum auch unter Lehrer Jurendic nicht vorwärtsgeht? Welche Trainer sind überhaupt auf dem Markt? Was, wenn ein allfälliger neuer Trainer ebenfalls erfolglos ist und man diesen im Sommer schon wieder entlassen müsste? Auch bei einem erfolgreichen Trainerwechsel droht Ungemach: Wenn Aarau Ende Saison mindestens Rang 4 belegt, verlängert sich Jurendics Vertrag bis 2019 – ohne Auflösungsvereinbarung auch dann, wenn er freigestellt ist. Kommt dazu: Angesichts der Ungewissheit in der Stadionfrage ist in der Chefetage der Wille zu kostspieligen Personalrochaden gering.

Aber genauso könnte das Stadion zum Zünglein an der Waage werden: Die «meinstadion»-Initianten und all ihre Unterstützer erwarten vom FC Aarau eine Reaktion auf die sportliche Talfahrt. Ein erfolgreicher FCA ist ein nicht zu unterschätzendes Argument im Kampf um das neue Stadion. Vor allem dann, wenn es 2018 wie von vielen Seiten erwartet nochmals zu einer Volksabstimmung kommen sollte.

Also auch ein politischer Trainerwechsel dem neuen Stadion zuliebe? Auf Anfrage will sich der Verwaltungsrat nicht zur Trainerfrage äussern. Die «AZ» weiss aber: In diesen Tagen finden die entscheidenden Gespräche statt. Und erfahrungsgemäss ist Schweigen immer ein Indiz dafür, dass bald Bewegung in die Sache kommt.

Fazit: Jurendic kämpft um seinen Job. Doch dass sich nach dem Spiel in Rapperswil-Jona seine und die Wege des FC Aarau trennen, ist wahrscheinlicher als der Status quo. Der drohende Schaden, wenn man an ihm festhält, ist einfach zu gross. So bitter das für Jurendic ist.

Meistgesehen

Artboard 1