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Von Muhen nach Vancouver: Voss-Tecklenburg freut sich auf Frauen-WM

Die deutsche Trainerin und Wahl-Aargauerin hat die Schweizer Frauenfussball-Nationalmannschaft zum ersten Mal in ihrer Geschichte an eine Weltmeisterschaft geführt.

Dean Fuss
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Martina Voss-Tecklenburg.

Martina Voss-Tecklenburg.

Keystone

In 105 Tagen wird in Muhen das eine oder andere Stubenlicht bereits um vier Uhr morgens angehen. Manch einer wird mitverfolgen wollen, wie sich das Team einer der wohl prominentesten Einwohnerinnen der Gemeinde verkauft. An diesem Dienstagmorgen (9. Juni) bestreitet die Schweizer Frauenfussball-Nationalmannschaft in Vancouver ihr Auftaktspiel in die WM in Kanada. Und das gegen den amtierenden Weltmeister Japan. Mittendrin: Martina Voss-Tecklenburg, seit drei Jahren Trainerin der Schweizer Fussballfrauen und wohnhaft in Muhen.

Wohl in der neuen Wahlheimat

Dass die 47-jährige Deutsche seit zwei Jahren eine Mühelerin ist, hat vor allem mit Zufall zu tun. «Der Entscheid, in die Schweiz zu kommen, fiel innert zehn Tagen», blickt sie auf den Februar 2012 zurück. Damals unterschrieb sie den Vertrag als Nationalmannschafts-Trainerin in der Schweiz. Eine Bekannte überliess ihr vorübergehend eine Wohnung in Unterentfelden. Die schöne Wohnung und deren zentrale Lage mit vertretbaren Anfahrtswegen in die verschiedenen Schweizer Städte überzeugten sie.

Nach einem Jahr musste sie sich nach einer neuen Bleibe umsehen und wurde in der 3785-Seelen-Gemeinde Muhen fündig. «Nach diesen drei Jahren kann ich noch nicht so recht beziffern, was den Aargauer genau ausmacht», sagt sie auf die Frage, ob sie sich denn mittlerweile als Aargauerin fühle. In Muhen ist man ganz offensichtlich stolz darauf, dass sich die vierfache Europameisterin (als Spielerin) und aktuelle Nationaltrainerin im Dorf niedergelassen hat. So wurde die prominente Bürgerin auch mit einem Beitrag in der Gemeindezeitschrift «Informaktiv» gewürdigt.

Während ihrer Zeit in der Schweiz hat sie auch schon einige Bekanntschaften geschlossen. Nachbarn halten sich bei ihr auf dem Laufenden, Freunde besuchen die Spiele. Voss-Tecklenburg fühlt sie sich wohl in ihrer neuen Wahlheimat. In ihrer eher knapp bemessenen Freizeit fährt sie gerne mit dem Velo der Aare entlang oder schlendert durch die Aarauer Altstadt. Wenn es der enge Terminplan zulässt, spielt sie am Samstagmorgen auch schon einmal zusammen mit der Männertruppe um den Entfelder Hitzfeld-Biografen Josef Hochstrasser Fussball. «Die Region bietet eine sehr hohe Lebensqualität», sagt sie.

Momente des Stolzes werden kommen

Um hohe Qualität dreht sich auch in ihrer täglichen Arbeit im Fussballgeschäft alles. Ganz besonders im Hinblick auf die WM in Kanada. Die Schweizer Nationalmannschaft hat unter der Führung von Voss-Tecklenburg eine neue Qualität erreicht. Vor ihrem Amtsantritt hatten die Schweizerinnen 30,6 Prozent ihrer Partien gewonnen, seither sind es 52,6 Prozent. Mit neun Siegen, einem Unentschieden und 53:1 Toren hat sich das Team mit den Aushängeschildern Lara Dickenmann und Ramona Bachmann zum ersten Mal in seiner Geschichte für eine WM qualifiziert. Natürlich ist Voss-Tecklenburg darauf stolz, doch vielmehr freut sie sich für ihre Spielerinnen. «Momente des Stolzes werden wohl dann kommen, wenn wir ins Stadion einlaufen», sagt sie.

Die Fortschritte der Schweizerinnen haben in erster Linie mit der von der von ihr initiierten Professionalisierung zu tun. Die Trainerin macht das an drei wesentlichen Punkten fest. Erstens: Die Spielerinnen sind aus der Komfortzone gekommen, investieren neben ihrem Berufsalltag noch mehr Zeit ins Training. Zweitens: Die Mannschaft ist mental stärker und selbstbewusster geworden. Und drittens: Die neue Spielphilosophie baut voll und ganz auf die Stärken des Teams in der Offensive und im schnellen Spiel.

Baumeisterin der ersten WM-Teilnahme

Dass die Deutsche das Team bereits im ersten Anlauf an ein grosses Turnier gecoacht hat, kommt nicht einfach aus dem Nichts. «Sie bringt viel Erfahrung mit und ist eine Bereicherung für unser Team», sagt die Suhrer Nationalmannschafts-Mittelfeldspielerin Fabienne Bangerter. Voss-Tecklenburg kann getrost als Baumeisterin der erstmaligen WM-Teilnahme bezeichnet werden. Ihr Ehrgeiz, für den sie bekannt ist, zeigt sich auch an ihren Zielen für die WM: «Wenn wir in der Vorrunde ausscheiden, haben wir gar nichts erreicht.»

Wer weiss, vielleicht träumt die Müheler Bevölkerung bereits jetzt von einem weltmeisterlichen Empfang für die prominente Nachbarin.