Sie gehörten zu den Aargauer Aushängeschildern der letzten 15 Jahre. Kunstturner Niki Böschenstein, Snowboarder Fabio Caduff, Orientierungsläufer Matthias Merz und Ringer Pascal Strebel feierten im Sport grosse Erfolge. Vor rund fünf Jahren traten sie zurück. Wie haben die vier den Übertritt in ein neues Leben geschafft?

So verschieden die Sportarten, so ähnlich die Situation und der Rückblick der vier Aargauer Topsportler. Alle sind mit der heutigen beruflichen Situation sehr zufrieden. Alle nennen den durch den Spitzensport entwickelten Ehrgeiz und die Ansprüche an sich selbst als ihre Trümpfe in der Arbeitswelt. Alle vermissen die Reisen und das Entdecken anderer Kulturen rückblickend am meisten. Aber keiner von ihnen bereut den frühen Abschied vom Spitzensport jeweils vor dem 30. Geburtstag.

Und doch gibt es deutliche Unterschiede, wie die Zeit nach dem letzten internationalen Wettkampf ablief. Wohl kein Zufall, dass ausgerechnet jener Athlet, der am nationalen Leistungszentrum der Kunstturner in Magglingen das strukturierteste Umfeld erlebte, nach dem Austritt aus dem Kader die grössten Probleme vorfand. Niki Böschenstein trainierte zuvor täglich bis zu acht Stunden an den Geräten und wusste trotz erlangtem Handelsdiplom nicht, was nach dem Wegfall des sportlichen Fokus nun folgen sollte.

Alle Ziele lagen im Sport

Es sei auf zwei Ebenen ziemlich hart gewesen. «Einerseits fiel ich emotional in ein Loch, da ich zuvor im Leben all meine Ziele im Sport fand. Ich wollte Europameister, Weltmeister oder Olympiasieger werden. Dafür stand ich jeden Morgen auf. Aber was nun?», sagt der Würenloser. Andererseits habe er bereits damals gespürt, dass ein Bürojob nicht seinem Naturell entspreche. «Ich fühlte mich alleine gelassen. Solange du sportlichen Erfolg hast, klopfen dir alle auf die Schultern. Kaum ist man weg vom Fenster, kommt keinerlei Unterstützung mehr», kritisiert Böschenstein. Er wünscht sich vom Schweizer Sport mehr Hilfe für Athleten in der schwierigen Phase des Übergangs.

Böschenstein hatte nach dem Rücktritt zuerst einmal die Nase gestrichen voll vom Sport und dem «System Magglingen». Noch heute antwortet er auf die Frage, was am Spitzensport er am wenigsten vermisse: «Magglingen». Zehn Jahre seines Lebens verbrachte er dort. Auch finanziell war er während seiner Zweitausbildung am Limit.

Fabio Caduff ist heute Aussendienstmitarbeiter in der Firma seines Vaters.

Fabio Caduff ist heute Aussendienstmitarbeiter in der Firma seines Vaters.

Nun arbeitet Böschenstein als Fitnessinstruktor und glaubt, damit den perfekten Job gefunden zu haben. Vor allem seine persönlichen Erfahrungen mit Verletzungen könne er bei der Arbeit einfliessen lassen. Auch an den Geräten trainiert er nach einem Unterbruch wieder. Mit ehemaligen Kaderkollegen führt er am Barren eine akrobatische Clownnummer auf. «Für meinen lädierten Rücken war es wichtig, dass ich regelmässig trainiere.»

Weit weniger Probleme beim Übergang vom Sport- ins Berufsleben hatten Snowboarder Fabio Caduff und OL-Läufer Matthias Merz. Sie arbeiteten bereits während der Karriere jeweils in der Zwischensaison Teilzeit – Merz im Winter, Caduff im Sommer. Während der OL-Weltmeister nach wie vor im erlernten Beruf als Bauingenieur arbeitet, hat Caduff erst kürzlich als Aussendienstmitarbeiter in die Firma seines Vaters gewechselt, nachdem er zuvor zwölf Jahre bei Cellpack in Wohlen tätig war.

Der Olympiateilnehmer von Vancouver war Ende 2012 überzeugt, dass es der richtige Moment für den Rücktritt sei, und er hat den Entschluss seither keine Minute bereut. «Ich hatte als zukünftiger Abteilungsleiter auch beruflich gute Perspektiven und als Folge davon deutlich mehr Geld in der Kasse», sagt Caduff. Am wenigsten vermisst der Freiämter die Notwendigkeit, sich nach schlechten Resultaten rechtfertigen zu müssen.

Herausforderungen auch im Job

Auch für Merz lag ein Teilgrund für den Rücktritt bei den wartenden Herausforderungen der Berufswelt. Daneben fehlte ihm nach zehn WM-Teilnahmen in Serie «die letzte Motivation». Als «cool» in Erinnerung behält er neben der Flexibilität in der Gestaltung des Trainingsalltages die Konsequenz, mit welcher man im Spitzensport etwas erreichen kann.

«Gute Arbeit wird unmittelbar belohnt, etwa mit einer Medaille um den Hals. Dieses System des schnellen Inputs und Outputs ist natürlich sehr förderlich für die Motivation.» Merz ist froh, dass er sein Leben als Spitzensportler wirklich auslebte. «Ich konnte feststellen, wie weit ich mit dem maximal machbaren Aufwand im Sport komme.»

Pascal Strebel gab 2013 den Abschied von der internationalen Bühne, kämpft aber national noch immer für die Ringerstaffel Freiamt.

Pascal Strebel gab 2013 den Abschied von der internationalen Bühne, kämpft aber national noch immer für die Ringerstaffel Freiamt.

Stets grosse Motivation für den Job verspürte auch Ringer Pascal Strebel, selbst während der stressigsten Phase seiner Karriere. Der Freiämter arbeitet noch immer in der gleichen Firma, in welcher er die Lehre absolvierte und wo er während seiner Vorbereitung auf die Olympischen Spiele maximale Flexibilität genoss. Strebel gab 2013 den Abschied von der internationalen Bühne, kämpft aber national noch immer für die Ringerstaffel Freiamt. «Ohne den Sport würde mir etwas fehlen», sagt er.

«Ich glaube, dass gerade Athleten einer Randsportart in einem gewissen Masse abhängig von ihrer Sportart werden und diese nicht einfach so fallen lassen. Schliesslich habe ich während Jahren gekämpft, um meine Träume zu realisieren.» Nicht vermissen tut er die unzähligen Wochen fern der Heimat. Vor London 2012 verbrachte er vier von sechs Monaten in Trainingslagern im Ausland. «Ich habe für den Sport sehr viele Entbehrungen auf mich genommen. Ich konnte dies nicht mehr länger mit meinen anderen Zielen im Leben vereinbaren.»