Wie bitte? Die Antwort auf die beiläufige Frage zum Schluss passt so gar nicht ins Bild des Musterknaben, das Nicolas Bürgy (23) abgibt. Hippe Kleidung, perfekt sitzende Frisur, smartes Auftreten. Als Bürgy im Restaurant Einstein bei Saibling und Süsskartoffeln von seiner Leidenschaft fürs Kochen, vom Wirtschaftsstudium und vom Klavierunterricht erzählt, erinnert er an den Schweizer Nationalgoalie Yann Sommer, den Traum aller Schwiegermütter. Doch Bürgy sagt: «Mein Vorbild ist Sergio Ramos.»

Wie bitte? Ramos, der Captain von Real Madrid, ist zweifellos ein brillanter Innenverteidiger. Aber er ist wegen seiner versteckten Tätlichkeiten und Psycho-Attacken auch der Inbegriff der Unsportlichkeit. So einem eifert Bürgy nach? Er erklärt: «Manchmal übertreibt Ramos, aber seine Aura ist sensationell. Als er und Ronaldo zusammen in Madrid spielten, war Ronaldo der beste Spieler, aber der Boss war Ramos.»

Bürgy-Vorbild Sergio Ramos (links) und Cristiano Ronaldo: "Ramos ist der Boss"

Bürgy-Vorbild Sergio Ramos (links) und Cristiano Ronaldo: "Ramos ist der Boss"

Die Rollenverteilung bezeichnet Bürgy als wichtigsten Faktor für den Erfolg einer Mannschaft. Vom Trend flacher Hierarchien hält er nicht viel, «Anführer sind ganz wichtig». Wo sieht er sich selber in der Machtpyramide des FC Aarau? «Ich sehe mich als Abwehrchef und sage meine Meinung, wenn ich es für nötig erachte.» Für Trainer Patrick Rahmen ist Bürgy ein «Leadertyp» und kraft seines Naturells und seiner fussballerischen Klasse von Anfang an ein unverzichtbarer Spieler.

Bürgys Verpflichtung als entscheidender Kniff

Es ist der 31. August 2018, «Deadline-Day», die letzten 24 Stunden vor der Schliessung des Transferfensters, als der FCA die Verpflichtung von Nicolas Bürgy bekannt gibt. Gerechnet hat man mit einer Verstärkung für das Mittelfeld oder für den Sturm, den grössten Baustellen der miserabel in die Saison gestarteten Aarauer. Aber sicher nicht mit einem vierten Innenverteidiger.

Rückblickend ist der Transfer vielleicht der entscheidende Kniff für den steilen Aufwärtstrend der letzten Monate. Dank Bürgy rückt Elsad Zverotic ins Mittelfeld vor und bildet dort mit Olivier Jäckle das Herz der Mannschaft. Hinten ist Bürgy der souveräne Patron mit der guten Spieleröffnung, der gefehlt hat.

Nicolas Bürgy dirigiert die Abwehr des FC Aarau

Nicolas Bürgy dirigiert die Abwehr des FC Aarau

So selbstverständlich, wie sie abläuft, ist seine nahtlose Eingliederung nicht. Denn Bürgy beginnt in Aarau bei Null. Hinter ihm liegen fünf Monate quälender Ungewissheit, warum er nicht normal trainieren und spielen kann. Sein bis dato letztes Spiel bestreitet er Anfang März mit dem FC Thun gegen St. Gallen. Zurück in der Kabine, beginnt er sich unwohl zu fühlen. Das Perfide: Es gibt keine Spielszene, an der die Beschwerden festgemacht werden können. Und der Zustand hält an, wird und wird nicht besser.

Bürgy klappert Arzt um Arzt ab, «am Ende waren es sicher 20», doch er bleibt ein Patient ohne Diagnose. Die letzte Hoffnung ist eine auf Nervenerkrankungen spezialisierte Klinik in Zürich. Nach etlichen Tests wird dort eine Störung des autonomen Nervensystems festgestellt. Auf das «warum» erhält Bürgy auch von den Spezialisten keine Antwort. Doch immerhin weiss er nun, dass Geduld und Übungen für die Körpersteuerung die einzigen Heilmittel sind.

Erstaunliche Reife

Sein Stammverein sind die Berner Young Boys, wo er einen bis 2020 laufenden Vertrag hat. Deshalb würde er im Sommer 2018 gerne in Thun bleiben. Vor den Toren Berns sieht er die besten Chancen, sich für das YB-Kader zu empfehlen. Doch da sind die gesundheitlichen Probleme, Thun kann nicht auf ihn warten und löst den Leihvertrag auf.

Bürgy im Trikot des FC Thun (rechts) gegen seinen Stamm- und Herzensklub YB

Bürgy im Trikot des FC Thun (rechts) gegen seinen Stamm- und Herzensklub YB

Als sich das rumspricht, klopfen sofort die Aarauer bei Bürgy an. «Die ambitionierten Pläne haben mich überzeugt. Sie haben mir angeboten, schon im Juni zu kommen. Aber ich wollte erst gesund werden.» Ein reifer Entscheid, nicht selbstverständlich für Jungprofis, für die es in der Entwicklung meist nicht schnell genug gehen kann.

Kommt dazu: Viele hätten sich nach dem schlechten Saisonstart des FC Aarau abgewendet und einen anderen Klub gesucht. Bürgy nicht. Er sitzt bei allen sechs Niederlagen im Stadion. «Ich wollte mir eigenes Bild von den Problemen der Mannschaft machen.» Als im August 2018 die gesundheitlichen Beschwerden so abrupt verschwinden wie sie fünf Monate zuvor aufgetaucht sind, kann er endlich nach Aarau kommen, eine Wohnung im neuen Aeschbach-Quartier beziehen und wieder das tun, was er seit Kindesbeinen am liebsten tut: Fussball spielen. «Ich bin gesund, eine Rückfallgefahr besteht nicht.»

Bei YB nicht abgeschrieben

Bürgy, geboren am 7. August 1995 und im Berner Vorort Belp aufgewachsen, schafft mit elf Jahren den Sprung in den YB-Nachwuchs. «Um mich herum kamen und gingen die Spieler, aber ich durfte jeden Sommer bleiben. Das war das Zeichen, dass ich es zum Profi schaffen kann.»

Wenn nicht, hätte man sich um ihn keine Sorgen machen müssen: Als ehemaliger Sportgymnasiast hat er die Matura im Sack. Er wollte sogar Medizin studieren, doch es blieb beim Wunsch: «Ich habe lange recherchiert, ob das neben dem Beruf als Fussballer möglich sei – keine Chance.» Also stillt er das Verlangen nach einer geistigen Herausforderung neben dem Trainings- und Spielalltag mit einem Wirtschaftsstudium an der Fernuni Schweiz. «Playstation spiele ich auch. Aber ich brauche Futter für den Kopf. Als Fussballer ist ein Fernstudium zeitlich kein Problem. Es braucht bloss ein bisschen Selbstdisziplin beim Lernen.» Bürgy lacht: «Dieses Problem haben normale Studenten ja auch. Das Lernen hilft mir auf dem Fussballplatz, mich 90 Minuten lang auf das Spiel zu konzentrieren.»

Derzeit braucht er keinen Berater

Keine Frage: Bürgy weiss, was er will. Als er mit 20 Profi wird, macht er mit seinem Mentalcoach einen Karriereplan. Geht der bisher auf? Schliesslich wurde Bürgy vor Thun und Aarau auch schon nach Wohlen ausgeliehen. «Ich sah mich damals weiter, als ich es heute tatsächlich bin. Den Meistertitel von YB aus der Ferne mitzuerleben, war hart. Aber das hat alles seine Gründe. Ich traue mir zu, Stammspieler bei YB werden.» Von seinem Berater Ludwig Kögl, der unter anderem den deutschen Weltmeister Thomas Müller zu seinen Klienten zählt, hat er sich getrennt. «Einen Berater brauche ich erst wieder, wenn sich ein Transfer ins Ausland anbahnen sollte. Bis dahin unterstützt mich mein Vater.»

YB-Sportchef Christoph Spycher, eine Vertrauensperson für Bürgy, hält grosse Stücke auf ihn.

YB-Sportchef Christoph Spycher, eine Vertrauensperson für Bürgy, hält grosse Stücke auf ihn.

Gibt es eine Chance, dass Bürgy auch in der nächsten Saison in Aarau spielt? Ausschliessen will er es nicht. Aber der Blick geht nach Bern. YB-Sportchef Christoph Spycher hält grosse Stücke auf ihn. Abgeschrieben sagt Bürgy, sei er bei YB nicht: «Im Sommer will ich den nächsten Anlauf nehmen.» Sollte es dann nicht klappen, muss er sich wohl anders orientieren. «Mit 23 bin ich kein Talent mehr, ich will und muss spielen.» Dass er das noch lange in Aarau tun wird, hofft man dort.

Das Quiz aus dem FC-Aarau-Trainingslager – die fünfte Ausgabe mit Linus Obexer und Nicolas Bürgy

Im Trainingslager versucht sich Nicolas Bürgy gemeinsam mit dem anderen Leihspieler von YB, Linus Obexer, im FCA-Quiz