Eine Faust fliegt ins Gesicht des Gegners. Dieser geht zu Boden und wird in den Würgegriff genommen. Er muss abklopfen, damit er sein Bewusstsein nicht verliert. Knockout.
Hört sich an wie eine Szene aus einem Actionfilm, ist aber harte Realität.

Dort nämlich, wo sich Kämpfer aus allen Kampfsportarten treffen, um ihre Kräfte zu messen. Wo ein Ringer gegen einen Kickboxer in den Ring steigt. Wo man einen Mix aus verschiedensten Kampfsporttechniken beherrschen muss, um sich durchzusetzen. In einer Sportart, die in unserer Gesellschaft langsam Fuss fassen kann und bekannter wird. Im Mixed Martial Arts.

«Prellungen oder Platzwunden hat man schnell verdaut. Was auf den Magen schlägt,ist die psychische Belastung.»

Stefan Felber, MMA-Kämpfer

«Prellungen oder Platzwunden hat man schnell verdaut. Was auf den Magen schlägt,ist die psychische Belastung.»

Das Mixed Martial Arts («gemischte Kampfkünste»), kurz MMA, ist eine Vollkontaktsportart. Was nach einem Sport klingt, in dem sich nur brutale Schlägertypen messen, ist in Wahrheit eine Kunst, die jeder erlernen kann. In einem Mixed-Martial-Arts-Studio trainieren vom Anwalt über den Bauarbeiter bis hin zum Studenten alle Gesellschaftsschichten.

Gekämpft wird in einem Oktagon, einem Käfig mit acht Ecken. Der Kampfplatz wird nicht von Seilen umspannt, wie man es aus dem Boxen kennt, sondern von Maschendrahtzaun. Gekämpft wird zwei oder drei Runden à fünf Minuten. Gewonnen hat man, wenn der Gegner K.o. geht, der Ringrichter oder der Ringarzt den Kampf abbricht, durch Aufgabe oder nach Punkten.

Geldverdienen in den USA

Unter den vielen Kampfsportlern ist auch Stefan Felber, ein 25-jähriger Kaufmann aus dem Aargau. Abgekommen vom Weg zum Profifussballer hat es ihn ins Oktagon verschlagen, wo er nun hoch hinaus will. Vor rund einem Jahr hat er beim «WeLove-MMA»-Event in Basel sein Profidebüt gegeben. Und gewonnen.

In seinem bisher letzten Profikampf ging er als Verlierer aus dem Käfig. Abbruch durch den Schiedsrichter, technisches Knockout. «Prellungen oder Platzwunden hat man schnell verdaut. Was auf den Magen schlägt, ist die psychische Belastung. Man macht sich die ganze Zeit Gedanken, ob man wirklich so viel schwächer war als der Gegner», sagt Felber. «Aber auch das hat man nach zwei, drei Tagen verdrängt. Dann gilt es, zu fokussieren und weiterzuarbeiten.»

In der Schweiz Profi-MMA-Kämpfer zu sein, ist nicht einfach. Seinen Lebensunterhalt kann Felber als Kämpfer nämlich nicht bestreiten. Zumindest nicht in der Schweiz. «In Polen oder Russland kann man als Kämpfer leben. Reich wird man in Europa aber nicht. Um viel Geld zu verdienen, muss man in der UFC (weltweit grösster MMA-Verband; die Red.) in Amerika kämpfen.»

Für Stefan Felber wäre es durchaus eine Option, in Russland oder Polen zu kämpfen. Zumindest, solange es der Körper und der Geist mitmachen. Ein falscher Schlag oder eine falsche Bewegung können die Karriere beenden. Doch von diesem Risiko will sich Felber nicht beeinflussen lassen: «Ich will immer weiter. Natürlich gibt es gewisse Risiken. Aber die gibt es auch in anderen Sportarten.»

Im Nachwuchs des FC Aarau

Im Fussball zum Beispiel, in dem Felber auch auf dem Sprung zum Profi war. Bis er 16 Jahre alt war, spielte er beim FC Aarau im Nachwuchs. Dann kam ein Schienbeinbruch, der unter seine Fussballkarriere den Schlusspunkt setzen sollte. Er nahm beim FC Lenzburg in einer Amateurliga zwar noch einmal einen Anlauf, doch das Leistungsbezogene hat gefehlt.

Um seine körperliche Verfassung nicht zu verlieren, begann Felber, ins Fitnessstudio zu gehen. Dort hat er seinen jetzigen Trainer, Sandro Zanke, kennen gelernt. Dieser erklärte ihm, dass er in Deutschland eine Sportschule hatte und nun auch in der Schweiz Fuss fassen möchte. Stefan Felber probierte es aus – und fand so zu seiner neuen Leidenschaft.

Mittlerweile trainiert der Aargauer seit vier Jahren im «Ludus Magnus Gym» in Mägenwil. Erstaunlich: Felber hat den Kampfsport erst mit 21 Jahren entdeckt und sich in drei Jahren bis zum Profi entwickelt. Auch dank der Unterstützung seines Trainers, von dem er das Handwerk von null auf gelernt hat. «Sandro war schon Europameister. Von ihm kann ich so viel lernen. Ausserdem sieht er seine Schüler auf Augenhöhe und behandelt uns menschlich.»

Der MMA-Sport ist in der Schweiz noch weitgehend unbekannt. Doch so langsam steigt das Interesse. «Man hat dieses Jahr mehr Frauen bei den Kämpfen in der St. Jakobshalle gesehen als letztes Jahr», sagt Felbers Freundin Michèle zur Massentauglichkeit. Tatsächlich: In der St. Jakobshalle waren nebst Kampfsportfanatikern auch Familien dabei.

Felber hat einen grossen Wunsch, was die Popularität des Sports anbelangt: «Die Leute sollen uns als normale Sportler ansehen. Wir arbeiten hart, wie jeder andere Sportler auch. Wir haben klare Regeln, hinter den Kulissen sind wir eine grosse Familie. Von aussen sieht man die Fairness und die ganzen Emotionen einfach nicht. Manchmal ist das Boxen viel härter als MMA. Man sollte sich nur getrauen, hinzukommen.»

Damit meint Stefan Felber, dass die Leute noch Hemmungen haben, einen solchen Kampfsportevent zu besuchen. Aus Angst, in eine aus ihrer Sicht falsche Gesellschaftsgruppe eingeordnet zu werden. «Ich bin mir sicher, MMA wird eines Tages noch massentauglich. Sobald die Leute merken, dass wir eine faire Sportart betreiben, werden sich auch immer mehr dafür interessieren.»