Sport Forum Aargau

Viertes Sport Forum Aargau: Von der Philosophie bis zum Nervenkitzel

41 Jahre im Dienste des Fussballs und der FIFA: Sepp Blatter hielt einen philosophischen Rückblick.

Die vierte Auflage des Sport Forums Aargau im Wettinger Tägerhard erfüllte die Erwartungen der über 300 Teilnehmer. Zum Thema „Sport und Entscheidung – was wirklich zählt“ zündeten fünf prominente Referenten, angeführt vom ehemaligen FIFA-Präsidenten Josef Blatter, ein Feuerwerk der Sinne.

Der intensive Abend war reich an Emotionen, Informationen, Erfahrungen, Enttäuschungen, Ratschlägen und Lebensweisheiten. Wenn ein Thema abgehakt schien, folgte die nächste Überraschung.

Der 83-jährige „Sepp“ Blatter wirkte bei seiner fesselnden Erzählung schlagfertig bis müde, hatte aber immer wieder eine passende Lebensweisheit auf Lager. Der Rollstuhlsportler ohne Grenzen, David Mzee, wühlte die Aargauer Sportfamilie mit einer Videosequenz seines Sportunfalles auf.

Die unermüdliche Spitzenruderin Pascale Walker erschreckte die Zuhörer mit dem Fazit, dass sie keine Perspektiven mehr habe. Nur gut, dass Mentalmagier Christoph Kuch seiner Bezeichnung alle Ehre machte und die Forumsteilnehmer mit zauberhafter Spielerei wieder aufbaute.

Vom Fussball- auf den Berggipfel

Nach einer lukullischen Pause testete Josef Blatter mit philosophischen Schilderungen zu seinem Leben rund um den Fussball die geistige Flexibilität des Publikums. Den emotionalen Höhepunkt hatten sich die Organisatoren um den Aargauer Turnverbandspräsidenten Jörg Sennrich für den Schluss aufgespart.

Nur schon der Wechsel von Blatters Walliserdeutsch auf tiefstes Urnerdeutsch war eine Herausforderung. Die Bezeichnung „Extrembergsteiger“ ist für Dani Arnold die pure Untertreibung. Videodokumentationen sorgten für kalte Schweissausbrüche. Wenn der 35-jährige Urner ungesichert senkrechte Wände hochklettert, schmerzt als Filmzuschauer der Herzschlag.

Immer auf dem schnellsten und spektakulärsten Weg zu den steilsten Gipfeln: Extrembergsteiger Dani Arnold.

Immer auf dem schnellsten und spektakulärsten Weg zu den steilsten Gipfeln: Extrembergsteiger Dani Arnold.

Umso erleichterter spendete das Forumpublikum Applaus für die Matterhornbesteigung über die gefährliche Nordwand in 106 Minuten: Weltrekord! Die Erstbesteiger waren zwei Tage unterwegs. Arnold erwähnte fast beiläufig die wichtigste Voraussetzung einer solchen Rekordjagd: „Klettern auf den Gipfel braucht eine Strategie“.

Aus dem Leben fürs Leben

Das Sport Forum Aargau bescherte wiederum einen unerwarteten Mehrwert. „Was für ein Abend. Da erzählten fünf Referenten aus ihrem Leben“, fasste Moderator Thomas Odermatt den langen Schlussapplaus in Worte. Eine Sportkarriere sei von Hochs und Tiefs geprägt.

„Entscheidend ist das Aufstehen“, hatte Odermatt zu Beginn philosophiert. Die Referenten gaben ihm recht. Mit faszinierenden Schilderungen und Filmausschnitten zeigten sie, wie sie Entscheide treffen, Routinen brechen und die stete Frage „Was bringt mit weiter?“ erfolgreich beantworteten.

Die Beispiele von Rollstuhlsportler David Mzee und Ruderin Pascale Walker, aber auch jenes von Josef Blatter gaben den Zuhörern zu spüren, dass der Sport ein steter Kampf bleibt. Entscheidend ist immer, wie der Mensch damit umgeht.

An diesem Punkt setzt das Sport Forum Aargau ein: „Persönlichkeiten bewegen den Sport, nicht Reglemente und Statuten“, verriet Jörg Sennrich die Motivation der Forumsorganisatoren. Mittlerweile stehen hinter dem Anlass elf Sportverbände und -klubs als Träger.

Vorbild im Rollstuhl

Schon der Einstieg mit Rollstuhl-Rugbyspieler Mzee bewegte die Besucher. Seine Querschnittlähmung nach einem zweieinhalbfachen Salto in eine Schnitzelgrube brachte ihn zwar an den Rand des Todes, trieb ihn aber bald zu neuen Höchstleistungen unter neuen Umständen.

Heute ist er der erste Tetraplegiker, der dank eingepflanzter Elektroden wieder auf den Beinen stand oder als Kitesurfer übers Wasser flitzte. Ausserdem beendete er sein Sportstudium mit der Note 5,9 und ist im Rollstuhl als Sportlehrer tätig.

Über 300 Besucher des Sport Forums Aargau verfolgten die bewegenden Vorträge der fünf Referenten.

Über 300 Besucher des Sport Forums Aargau verfolgten die bewegenden Vorträge der fünf Referenten.

Die Zürcher Ruderin Pascale Walker schilderte ihren Weg vom ersten wenig verheissungsvollen Einsatz im Ruderboot an die internationale Spitze. Die 18-wöchige Rekrutenschule als Spitzensportlerin verwandelte sie zur Profisportlerin mit 15 bis 18 Trainingseinheiten pro Woche.

Doch nach dem erfolgreichen Jahr 2017 geriet die Karriere ins Stocken. Nach verfehlter Olympiaqualifikation 2020 ist ihre sportliche Zukunft ungewiss. Umso nachhaltiger wirkten Walkers Worte: „Das Rudern gab mir Kraft. Aber am meisten lehrte es mich Demut.“

Einmal drüber schlafen

In seiner Grussadresse wartete der Aargauer Regierungsrat Alex Hürzeler mit dem Tipp auf, vor wegweisenden Entscheidungen mindestens einmal drüber zu schlafen. Ob dieses Rezept hilft, die magischen Kräfte von Christoph Kuhn zu verstehen, ist zu bezweifeln. Was der 44-jährige Mentalmagier aus Nürnberg auf der Bühne präsentierte, ist kaum erklärbar.

Er erlaubte sich mit Sportminister Hürzeler eine erstaunliche Zahlenspielerei, narrte drei „Opfer“ als Bücherleser und düpierte vier Forumteilnehmer mit einem Gewinnspiel, bei dem selbstverständlich er den Preis für sich behielt, obwohl ihm das letzte Couvert übrig blieb.

„Alles nur Unterhaltung, ich habe keine übermenschlichen Fähigkeiten“, beschwichtigte er. Unter dem Strich war jedoch das 4. Sport Forum Aargau in Wettingen weit mehr als Unterhaltung.

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