FC Aarau

Vierte schwere Verletzung, Tränen und der Rat der Mutter zum Karriereende: Doch Stehaufmännchen Marco Thaler greift nochmal an

Aarau-Profi Marco Thaler, erneut gebeutelt vom Verletzungspech

Aarau-Profi Marco Thaler, erneut gebeutelt vom Verletzungspech

In einer Woche geht für den FC Aarau die Saison mit dem Auswärtsspiel gegen GC weiter - ohne Marco Thaler, der nach der vierten schweren Verletzung innert vier Jahren auch mit grundsätzlichen Fragen konfrontiert war. Aufgeben kommt für den 25-jährigen Wohler aber nicht infrage: «Ich probiere es nochmal»

Wie jetzt? Erwartet haben wir einen niedergeschlagenen, zweifelnden Marco Thaler. Doch nach zwei Stunden angeregter Diskussion im Park des Aarauer Aeschbach-Quartiers verabschiedet er sich gut gelaunt mit den Worten: «Es wird eine lässige Zeit!»

Kreuzbandriss – schon wieder! Die vierte schwere Verletzung innert kurzer Zeit. Es passiert am Freitag 29. Mai, am fünften Trainingstag nach der Coronapause, als Thaler nach einem Zweikampf einen stechenden Schmerz im rechten Knie verspürt. Die ersten Untersuchungen auf dem Platz lassen noch auf Glück im Unglück hoffen. Doch über Nacht schwillt das Knie auf den doppelten Umfang an, der Mannschaftsarzt organisiert auf die Schnelle ein MRI-Röntgen in Zürich, danach hat Thaler bittere Gewissheit.

Erster Trainingstag nach der Corona-Pause - Marco Thaler beim Fiebermessen. Fünf Tage später reisst im rechten Knie das Kreuzband

Erster Trainingstag nach der Corona-Pause - Marco Thaler beim Fiebermessen. Fünf Tage später reisst im rechten Knie das Kreuzband

Die ersten 48 Stunden seien brutal gewesen, verbunden mit vielen Tränen. Doch so weit wie die seiner Mutter gehen Thalers Gedanken nie. Ihre erste Reaktion nach dem Anruf des Sohnes: «So – und jetzt ist fertig mit Fussball.» Verständlich. Nochmals die monatelange Schinderei allein im Kraftraum – und für was? Um für ein mittelmässiges Salär in der unbeachteten Challenge League zu kicken? Warum nicht auf das andere Talent setzen, mit dem Thaler gesegnet ist, auf seine Intelligenz, und in der Berufswelt Fuss fassen? Thalers Antwort: «Mama, ich probiere es nochmal.»

"Niemand kann etwas dafür, das macht es einfacher, den Fokus nach vorne zu richten"

Die Argumente dafür mögen abgedroschen klingen, doch Thaler spricht so klar und voller Leidenschaft, dass man ihm die Worte abnimmt: «So ein Ende kommt nicht in Frage. Den Bettel hinwerfen, wenn es eine gute Chance gibt, wieder eine tragende Rolle beim FC Aarau zu spielen? Nein, dafür liebe ich den Fussball und den Club zu sehr. Ich bin medizinisch in den besten Händen, das Rehazentrum ist im Haus nebenan und durch die Erfahrungen nach dem ersten Kreuzbandriss weiss ich genau, was wann auf mich zukommt.»

Thaler hat bereits Pläne erstellt für jede Woche im Aufbautraining, er freut sich auf die «spannende Zeit» und sagt: «In den Momenten, in denen die ersten drei Verletzungen passiert sind, war ich mit dem Kopf woanders, bei den schlechten Resultaten oder Zukunftsgedanken. Dieses Mal war es einfach Pech, niemand kann etwas dafür. Das macht es einfacher, den Fokus nach vorne zu richten.»

Interesse aus Basel und der  geplatzte Wechsel zum FC Lugano

Der Wohler Marco Thaler wird gerne als Prototyp für den «Aargauer Weg» vom fussballbegeisterten Bub zum Berufsfussballer genannt: Erste Gehversuche beim FC auf der Wohler Niedermatten, mit 15 der Übertritt in den Junioren-Spitzenfussball beim «Team Aargau», nach der U18 zwei Jahre Angewöhnung an den Erwachsenenfussball beim Erstligisten FC Baden und 2014 schliesslich der erste Profivertrag beim kantonalen Aushängeschild im Brügglifeld. Nebenbei absolviert Thaler in Aarau die Sportkanti – Abschlussnote 5,2. Auf dem Weg nach oben scheinen keine Grenzen gesetzt, gleich 17 (!) Berater melden sich nach dem Debüt in der Super League, auch der damals noch alles dominierende FC Basel signalisiert Interesse. Thaler aber drückt aufs Bremspedal, will erst im gewohnten Aarauer Umfeld als Profi Fuss fassen.

Ein Vernunftentscheid, der nicht belohnt wird: Im Januar 2016, Thaler ist 21, schlägt die Verletzungshexe erstmals zu – Fussbruch. Exakt ein Jahr später das Gleiche nochmals. Weitere 14 Monate später der erste Kreuzbandriss, Thaler steht damals kurz vor der Unterschrift beim FC Lugano. Die Tessiner ziehen sich zurück, stattdessen muss Thaler froh sein, von Aarau-Sportchef Sandro Burki einen Vertrag bis 2021 offeriert zu bekommen. Im Frühjahr 2019 wäre er wieder bereit für Einsätze, muss die Aarauer Aufholjagd vom Tabellenende in die Barrage aber mehrheitlich von der Bank aus verfolgen, da Trainer Patrick Rahmen in der Innenverteidigung keinen Grund zum Wechseln hat. Erst im vergangenen Sommer verschmelzen Anspruch und Realität wieder, nach dem Abgang von Nicolas Bürgy zu YB wird Thaler Vizecaptain und ist fortan gesetzt.

Ein Führungsspieler muss kein Lautsprecher sein

Ehe Corona die Saison abrupt unterbricht, ist Thaler im wackligen Aarauer Abwehrverbund noch der stabilste und auf dem Weg zurück zu alter Stärke. Die spielfreie Zeit nutzt er nicht nur, um sich weiter körperlich zu verbessern, er arbeitet auch an seiner Rolle innerhalb der Mannschaft, in welcher Führungspersönlichkeiten rar sind. Das Buch «Überzeugt» eines Wirtschaftspsychologen lehrt Thaler, dass Vorangehen und Ansehen im beruflichen Umfeld nicht heissen muss, viel und laut zu reden.
Thaler kommt gestärkt und voller Tatendrang aus der Zwangspause: Als der FC Aarau am 25. Mai das Mannschaftstraining wieder aufnimmt, ist er bei den physischen Tests ganz vorne dabei. Trainer Patrick Rahmen schwärmt vom sportlichen und mentalen Eindruck, den sein Abwehrchef beim Wiedersehen hinterlässt.

Wollte nach Corona noch mehr in die Rolle des Anführers wachsen - das muss Thaler vorerst verschieben

Wollte nach Corona noch mehr in die Rolle des Anführers wachsen - das muss Thaler vorerst verschieben

Was für den ganzen FC Aarau gilt, hätte für Marco Thaler noch ein bisschen mehr gegolten: Nach Corona sollte alles besser werden als zuvor. Thaler war bereit, für die vielleicht letzte Chance, doch noch den Sprung in eine höhere Liga zu schaffen.

Ob dieser Zug nach dem erneuten Rückschlag endgültig abgefahren ist? Er lächelt, ehe er sagt: «Was bringt es mir, darüber den Kopf zu zerbrechen? Die neue Situation eröffnet neue Perspektiven: Neben der Reha habe ich Zeit, mein Fernstudium in Wirtschaft schneller voranzutreiben. 2021 will ich dann angreifen, um wieder die schönen Seiten des Fussballs zu erleben.»

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