Regionalfussball

Vetterliwirtschaft im Aargauischen Fussballverband: Das sind die Alleingänge von Präsident Hans Aemisegger

Ein Bild aus harmonischen Zeiten: AFV-Präsident Hans Aemisegger hält im Jahr 2017 eine Rede.Archiv/rubu

Ein Bild aus harmonischen Zeiten: AFV-Präsident Hans Aemisegger hält im Jahr 2017 eine Rede.Archiv/rubu

Die Kündigungswelle vor drei Wochen auf der Geschäftsstelle des Aargauischen Fussballverbands hat überrascht. Nun kommt Licht ins Dunkel: Verursacher des Chaos ist Präsident Hans Aemisegger, der zuletzt einen dikatorischen Führungsstil pflegte.

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sind Präsident eines kantonalen Fussball-Verbandes, dessen 1,3-Millionen-Budget mit Steuergeldern und von den 85 Mitglieder-Vereinen finanziert wird. Als Präsident haben Sie ein Herz für die jüngsten Kicker in Ihrer Region und lancieren ein Projekt, mit dem die grössten Talente früher und besser als bisher gefördert werden. Sie wollen, dass das Projekt Bekanntheit erlangt, und haben die Idee, einen Werbe-Film zu drehen. Den Auftrag für die Produktion dieses Filmes erteilen Sie nicht der Firma, die das beste Angebot macht, sondern Sie beauftragen damit die Firma Ihres Sohnes. Sie handeln im Alleingang, holen keine Konkurrenzofferten ein, lassen den Auftrag in Höhe von über 50 000 Franken nicht von einer Mehrheit Ihrer Vorstandskollegen absegnen, sondern boxen die ganze Sache im Alleingang durch.

Unvorstellbar? Nein! Exakt das ist im Aargauischen Fussballverband (AFV) passiert. Im Klartext: AFV-Präsident Hans Aemisegger hat der Firma «frame eleven», die seinem Sohn Oliver gehört, den Auftrag für einen Werbe-Film über das Nachwuchsprojekt «Kicker Talents» zugeschanzt. «Kicker Talents» wurde im vergangenen Sommer lanciert. Es ist ein modernes, schweizweit neues Ausbildungsprogramm für die talentiertesten Aargauer Junioren ab elf Jahren. Durch die kantonsweite Abdeckung soll verhindert werden, dass die Talente zu den Grossklubs in den benachbarten Kantonen abwandern. Das Projekt «Kicker Talents» ist insofern ein Meilenstein, als dass es dem Schweizerischen Fussballverband als Pilot dient, der künftig im ganzen Land angewendet werden soll.

Im Vorstand mehren sich die Aemisegger-Kritiker

Zurück zur Vergabe des Image-Filmes, die Aemisegger gemäss «AZ»-Recherchen ohne Rücksprache mit seinen Vorstandskollegen zur Chefsache erklärt hat. Dabei hätte er ahnen müssen, dass alleine schon die Tatsache, dass er die Produktion dieses Filmes der Firma seines Sohnes übergibt, einen schalen Beigeschmack hinterlässt. Die «Aargauer Zeitung» wollte Aemisegger zur Sachlage befragen, blitzte jedoch ab. Statt Antworten auf die entsprechenden Fragen zu geben, flüchtete sich der AFV-Präsident in Allgemeinplätze (siehe Textbox am Ende des Artikels). Was hat Aemisegger zu verbergen?

Die neuen Erkenntnisse zur Vetterliwirtschaft von Aemisegger erklären das Chaos auf der Geschäftsstelle des Verbandes. Vor drei Wochen berichtete die «AZ» exklusiv, dass Geschäftsführer Hannes Hurter und sein Stellvertreter Jonas Manouk ihre Kündigungen eingereicht haben. Zu diesem Zeitpunkt völlig überraschend, gab der AFV in den vergangenen Jahren doch das idyllische Bild einer grossen Familie ab. Kurz zuvor wurde zudem bekannt, dass auch Marc Grütter, der Leiter Spielbetrieb, gekündigt hatte. Wie sich nun herausstellt, hängt auch sein Abgang mit den Alleingängen von Präsident Hans Aemisegger zusammen. Dazu später mehr.

Um diesen Film geht es bei der Vetterliwirtschaft:

Nicht nur auf operativer Ebene, auch im Vorstand rumort es heftig. Das Communiqué, das der AFV kurz nach der Kündigungswelle verschickte, liest sich rückblickend wie ein schlechter Witz. Die «AZ» berichtete bereits damals von Unstimmigkeiten unter den Vorstandsmitgliedern. Der AFV nahm unter anderem mit folgenden Worten Stellung: «Der ganze Vorstand arbeitet vertrauensvoll zusammen. Strategie und einzelne Projekte wurden durch den Vorstand immer einstimmig beschlossen und zur Umsetzung freigegeben.»
Die Wahrheit ist eine andere: Vizepräsident Luigi Ponte und der Präsident der Wettspielkommission, Armando Granzotto, sind zutiefst irritiert über Aemiseggers Verhalten. Dass dieser den Auftrag für den «Kicker Talents»-Werbefilm am Vorstand vorbeischleuste, kam gar nicht gut an. Granzotto wird deswegen wohl in den nächsten Monaten mangels Vertrauen in den Präsidenten zurücktreten.

Busenfreund Jürg Widmer kaltgestellt

Damit nicht genug: Neben der Vetterli-Wirtschaft bei der Film-Vergabe gibt es einen weiteren, triftigen Grund für die Kündigungswelle und die angespannte Lage innerhalb des AFV: der Rausschmiss von Jürg Widmer. Der 62-Jährige war Projektleiter und geistiger Vater von «Kicker Talents». Als der AFV im Herbst 2018 das Projekt präsentierte, war Widmer voller Tatendrang. Doch im Lauf der Zeit entwickelte sich zwischen Aemisegger und Widmer ein Kompetenzgerangel. Die Folge waren etliche emotional hitzige Gespräche. Und dann kam es am 14. Januar zum Knall, indem Aemisegger Widmer das Mandat für «Kicker Talents» entzog, die Aargauer Fussball-Koryphäe Widmer war kaltgestellt. Seither ist das Tuch zwischen den einstigen Busenfreunden Aemisegger und Widmer, die im Tessin benachbarte Ferienhäuser haben, zerschnitten. «Endgültig», wie Widmer betont, «zwischen uns ist nichts mehr zu flicken.»

Der Streit zwischen Aemisegger und Widmer basierte unter anderem auf einem weiteren Alleingang des Präsidenten. Widmer wollte den erwähnten Marc Grütter als Assistenztrainer für das Projekt «Kicker Talents» gewinnen. AFV-Vorstandsmitglied Maurice Besson gab in seiner Funktion als Präsident der Technischen Kommission dazu seinen Segen. Die Regionalauswahl FE 13, bei der Grütter Cheftrainer Jürg Widmer assistieren sollte, ist die wichtigste Mannschaft im «Kicker Talents»-Projekt. Doch Aemisegger hatte etwas dagegen: Er untersagte Grütter, neben seinen Aufgaben im Büro auf dem Platz mit den Talenten zu arbeiten. Das war gemäss «AZ»-Recherchen der Grund, warum Grütter seine Kündigung einreichte und eine Stelle beim FC Aarau annahm.

Im Aargauer Fussballverband brennt der Baum lichterloh. Präsident Aemiseggers Vetterli-Wirtschaft und sein diktatorisches Verhalten werden von vielen Seiten verurteilt. Wie weiter? Jürg Widmer hat dazu eine klare Meinung: «Zum Wohl des Aargauer Fussballs würde ein neuer Präsident guttun.»

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