Versuchte Tätlichkeit
Haarscharf am Skandal vorbei: Linienrichter attackiert Spieler bei Auswärtsspiel des FC Wohlen

Ronny Minkwitz vom FC Wohlen wird von einem Linienrichter attackiert – der Verein akzeptiert die Entschuldigung des Unparteiischen und verhindert damit einen Skandal. Warum aber wird der Schweizerische Fussballverband nicht aktiv? Die Antworten.

Martin Probst
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Der Linienrichter sollte in der Regel dafür sorgen, dass das Spiel fair verläuft.

Der Linienrichter sollte in der Regel dafür sorgen, dass das Spiel fair verläuft.

Imago-Images

Spricht man mit Zeugen, fehlten im 1.-Liga-Spiel zwischen Schötz und Wohlen am Samstag nur Zentimeter zu einem Skandal. So knapp verfehlte ein Linienrichter mit einem Kopfstoss den Wohler Spieler Ronny Minkwitz.

Was ist passiert? Nachdem sich die Beteiligten – so erzählen es diverse Zeugen – uneinig waren, ob ein Einwurf dem FC Wohlen statt Schötz zugesprochen hätte werden sollen, rannte ein Schiedsrichter-Assistent mit der klar ersichtlichen Absicht auf das Spielfeld, Minkwitz einen Kopfstoss zu verpassen.

Es waren Szenen, wie sie zahlreiche seit Jahren im Fussball involvierte Personen gemäss eigenen Aussagen noch nie erlebt hatten.

FC Wohlen verzichtet auf einen Protest

Auch FC-Wohlen-Sportchef Alessio Passerini stand nahe am Geschehen und sagt: «Ich bin noch während der Pause in die Kabine der Schiedsrichter gegangen, um eine Erklärung für den Vorfall zu erhalten. Der Assistent war sichtlich geschockt vom eigenen Verhalten und entschuldigte sich glaubhaft», sagt Passerini.

Ronny Minkwitz im Training des FC Wohlen.

Ronny Minkwitz im Training des FC Wohlen.

Fabio Baranzini

Auf einen Protest verzichtet der FC Wohlen: «Weil Minkwitz unverletzt blieb, akzeptieren wir die Entschuldigung und hoffen, dass beim Assistenten ein Lerneffekt einsetzt.»

Der Freiämter Verein gibt dem Linienrichter also eine zweite Chance. «Ich bin vor allem froh, dass Minkwitz unversehrt blieb. Allerdings darf man sich schon fragen, was der Schiedsrichter getan hätte, wären die Rollen vertauscht gewesen.»

Wo kein Kläger ist, braucht es keinen Richter

Das ist eine berechtigte Frage. Im Rapport des Schiedsrichters wurde der Vorfall nicht erwähnt, wie Jérémy Manière, der Leiter der Geschäftsstelle «Erste Liga», auf Anfrage bestätigt. Somit wird der Schweizerische Fussballverband nicht aktiv.

Dies passiert nur, wenn einer der beteiligten Klubs oder ein allfällig vor Ort gewesener Inspizient den Vorfall offiziell melden würde. Was aufgrund des Protest-Verzichts des FC Wohlen unwahrscheinlich ist. Damit ist die Sache aus Sicht des Verbandes erledigt, beziehungsweise gar nicht erst ein Thema. Nach dem Motto: Wo kein Kläger ist, braucht es keinen Richter.

Schiedsrichter müsste den Assistenten in die Kabine schicken

Was aber hätte der Schieds­richter tun können? Dieser habe nach dem Spiel gesagt, so erzählt es ein Zeuge aus den Reihen des FC Schötz, er könne ja seinen Assistenten nicht mit Rot vom Platz stellen.

Wir fragen einen, der es wissen muss. Luigi Ponte war lange Chef der Schweizer Schiedsrichter. Der Präsident des Aargauischen Fussballverbands sagt: «In der 1. Liga gibt es keinen vierten Offiziellen, der einspringen könnte. Trotzdem müsste der Schiedsrichter den Assistenten in die Garderobe schicken.»

Luigi Ponte war viele Jahre höchster Schiedsrichter der Schweiz.

Luigi Ponte war viele Jahre höchster Schiedsrichter der Schweiz.

Alex Spichale

In diesem Fall müsste der Schiedsrichter einen geeigneten Ersatz unter den Anwesenden bestimmen. «Dieses Szenario kommt auch zum Zug, wenn sich ein Schiedsrichter verletzt», sagt Ponte. Kurz: Der Schiedsrichter hätte Möglichkeiten gehabt, einzugreifen. Eine Anfrage über die Geschehnisse in Schötz liess der Spielleiter unbeant­wortet.

So bleibt die Erkenntnis, dass ein Skandal gerade noch abgewendet werden konnte. Auch weil der FC Wohlen besonnen reagierte.

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