Was für ein Bilderbuch-Tor! Was für ein mustergültiger Konter des FC Aarau! Nach knapp einer Stunde sprintet Stürmer Mickael Almeida los, hebt den Kopf und lanciert mit einem herrlichen Pass durch die Vaduzer Abwehrkette den mitgelaufenen Varol Tasar. Ebenso gekonnt lässt dieser seinen Gegenspieler Sandro Wieser stehen und erzielt mit einem Flachschuss aus zehn Metern den hoch verdienten Ausgleichstreffer.

Es ist das dritte Tor im dritten Spiel in Folge für den 22-jährigen Deutschen. Und es ist der verdiente Lohn für die Gäste, die bis anhin die Partie vor 1639 Zuschauern im Rheinpark-Stadion klar dominieren. Die Traumkombination von Almeida und Tasar ist zweifellos das Highlight dieses Nachmittags im Fürstentum. Und aus Aarauer Sicht die gute Nachricht der Auslandsreise.

Die schlechte Nachricht: Almeida und Tasar zeigen in Vaduz leider nicht nur ihr Sonntagsgesicht. Vor dem 0:1 in der 35. Minute ist es Tasar, der wie schon so oft in Egoismus verfällt und den Ball im Dribbling verliert, statt mit einem einfachen Pass zu einem Teamkollegen für Entlastung zu sorgen. Der Ballverlust führt in einer Drangphase der Vaduzer zum fünften Corner innert kurzer Zeit und nach Flanke von Mathys auf Wieser zur Führung für das Heimteam.

Viel Talent, aber ebenso viel Naivität

Es passt auch zur verhockten Situation des FC Aarau, dass es ausgerechnet Olivier Jäckle und somit der Beste beim Premierensieg am Dienstag gegen Schaffhausen ist, der das Kopfballduell gegen Wieser verliert. Top und Flop liegen in dieser Saison viel zu nahe beieinander. Das viele Talent wird durch ebenso viel Naivität zunichtegemacht.

Kommen wir zur spielentscheidenden Szene in der 71. Minute: Mickael Almeida, kurz zuvor brillanter Initiant des Ausgleichs, vertändelt in dämlicher Manier an der Strafraumgrenze den Ball und leitet so das 1:2 aus Aarauer Sicht ein. Torschütze Coulibaly hat nach Almeidas Aussetzer leichtes Spiel und bezwingt Djordje Nikolic mit einem Flachschuss. Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Aarauer.

Die Wut des Trainers

Die siebte Niederlage im neunten Meisterschaftsspiel ist eine der Sorte «unnötig und dumm». Sogar Vaduz-Trainer Mario Frick sagt: «Aarau war die bessere Mannschaft, unser Sieg ist glücklich und irgendwo unverdient. Der FC Aarau hat viel Qualität und ist völlig zu Unrecht Tabellenletzter.» Fazit: Mit viel Naivität und Dilettantismus hat sich der talentierte FC Aarau erneut um den Lohn gebracht.

Logisch, dass einer nach dem Schlusspfiff angefressen wie noch nie ist. Patrick Rahmen! «Es ist ein schlechter Witz, dass wir dieses Spiel verloren haben», sagt der Trainer des FC Aarau. Es ist nicht zu übersehen: Der Basler ist sauer auf seine Mannschaft, konkret auf einige Spieler, die in seinen Augen den Ernst der Lage nicht kapiert haben.

Namen will Rahmen keine nennen. Doch sie liegen auf der Hand: Tasar und Almeida sind mit überdurchschnittlich viel Talent gesegnet, schaden sich und der Mannschaft mit ihren Unkonzentriertheiten aber stets aufs Neue. Doch das junge Duo ist nicht alleinschuldig am Rückschritt: Wie planlos und nonchalant Norman Peyretti über den Platz irrt, macht teilweise fassungslos. Und auch die eingewechselten Miguel Peralta und Edmond Ramadani spielen in Vaduz so, als wäre der Aarau Tabellenerster statt -letzter.

Miserables erstes Saisonviertel

Das Kellerduell hatte kapitalen Charakter: Mit einem Sieg hätte der FC Aarau den Anschluss ans Mittelfeld wiederhergestellt. Nach der Niederlage aber klafft wieder eine grosse Lücke zwischen Schlusslicht Aarau (4 Punkte) und dem Vorletzten Kriens (9 Punkte).

Trotz des spielerischen Aufwärtstrends ist die Bilanz nach einem Viertel der Meisterschaft haarsträubend: Vier Punkte aus neun Spielen, sowohl die schwächste Offensive (8 Tore) als auch die schwächste Defensive (17 Gegentore) und der letzte Tabellenrang – wer hätte das zu Beginn der Saison gedacht! Vor dem Heimspiel gegen Winterthur, auf das wieder eine Länderspielpause folgt, stehen die Zeichen auf «Trostlosigkeit» – und auf «Abstieg»?

 

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