Kein EM-Kampf
Verletzungsdrama: Aargauer Boxer verpasst die Chance seines Lebens

Profiboxer Ando Hakob hätte am Samstag um den EM-Titel gekämpft. Eine Verletzung verändert alles. Einen fünfstelligen Betrag hat er ins Projekt investiert. Jetzt bleibt ihm nur der Verlust und Herzschmerz.

Martin Probst
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Ando Hakob (r.) hätte die Chance gehabt, Europameister zu werden. Dann verletzte er sich.

Ando Hakob (r.) hätte die Chance gehabt, Europameister zu werden. Dann verletzte er sich.

Zvg
Jetzt sind meine Taschen leer, und mein Herz schmerzt.

Es hätte die Chance seines Lebens werden sollen. Fast schon filmreif. Stattdessen sitzt Ando Hakob alleine in seinem Gym in Baden. Seine Bizepssehne ist angerissen, der Traum vom Europameistertitel, der ihm im Boxen so viele Türen geöffnet hätte, geplatzt.

Am Samstag hätte Hakob in Spanien gegen Sergio Garcia um den Titel kämpfen sollen. Als Aussenseiter gegen einen Mann, der zwei Gewichtsklassen höher boxt. Doch Hakob sagt: «Ich hätte ihn schlagen können, ich bin technisch der bessere Boxer als er.»

Sechs Wochen lang hat sich der Aargauer in Spanien auf den Kampf vorbereitet. Er investierte einen fünfstelligen Betrag. Seine Sparringpartner waren bis zu zehn Kilogramm schwerer. «Im Boxen sind das Welten», sagt er.

Doch Pausen gönnte sich Hakob keine. Stattdessen teilte er aus und steckte ein. Oft und viel – und immer wieder. «Gegen körperlich stark überlegene Gegner zu boxen, belastet den Körper enorm», sagt er. Und irgendwann zwickte es im Arm. Die Bizepssehne war angerissen. Seinen linken Arm kann er kaum noch heben.

Einfach antreten und die Gage nehmen? «Niemals!»

«Ich hätte zwar irgendwie in den Ring steigen können, wäre aber chancenlos gewesen», sagt Hakob. Wäre er angetreten, hätte er eine Gage erhalten, hätte damit einen Teil seiner Auslagen kompensieren können. Aber der 31-Jährige sagt:

Mein Stolz als Sportler lässt das nicht zu.

Also Absage, Heimreise, Trauer. «Alle Schläge auf meinen Kopf, all die Schmerzen, alles war umsonst. Jetzt sind meine Taschen leer, und mein Herz schmerzt», sagt Hakob.

Dabei wäre das Drehbuch fast hollywoodreif gewesen. Die Geschichte eines Mannes, der von ganz unten kam. Der mit sieben Jahren aus Armenien floh und nach einer Irrfahrt durch Europa in der Schweiz ein Zuhause fand. Überall wurde die Familie abgewiesen. Das hielt sein Vater irgendwann nicht mehr aus und reagierte mit Gewalt gegen die Familie. Der Vater musste gehen, die Mutter und die Kinder durften bleiben.

Ando Hakob, der eigentlich Andranik Hakobyan heisst, begann zu boxen. Er träumte gross und investierte viel. Und doch zu wenig. Weil nicht mehr möglich ist. In der Schweiz, in der Boxen Nische ist, sind Geldgeber kaum zu finden. Hakobs Einkommen als Selbstständiger mit eigenem Gym reicht nicht. Er kann sich keinen festen Trainer leisten, keinen Physiotherapeuten. Und keinen Vollzeitmanager, der alles für ihn regelt. Stattdessen organisiert er vieles selbst.

Die Arbeit nach der Arbeit, und dann wird alles zu viel

«Der Unterschied zwischen mir und dem amtierenden Europameister ist nicht die boxerische Klasse. Es ist nur das Geld», sagt Hakob. «Während sich andere nur auf das Boxen konzentrieren können und danach ideale Voraussetzungen für die Erholung vorfinden, sitze ich an meinem Laptop und beantworte die Anfragen.»

Das Herz ist gebrochen, der Stolz aber bleibt: Ando Hakob will weiter träumen.

Das Herz ist gebrochen, der Stolz aber bleibt: Ando Hakob will weiter träumen.

Beda Schmid/ Zvg / LTA

Und irgendwann wurde es zu viel. Der Körper reagierte mit der Verletzung. «Natürlich hätte ich mehr Pausen machen müssen, mir auch mal Massagen gönnen», sagt Hakob. «Aber ich finanziere jeden Tag selbst. Da überlegt man es sich zweimal, ob man fürs Nichtstun bezahlen soll.»

Und jetzt? Sein Gym ist zu, weil Kontaktsport aufgrund der Coronapandemie verboten ist. «Man muss sich um mich keine Sorgen machen», sagt Hakob. «Ich kann mit wenig Geld leben. Ich werde nun schauen, wie ich meine Rahmenbedingungen verbessern kann.» Seinen Traum vom grossen Kampf gibt er nicht auf. «Ich bleibe positiv.» Weh tut es trotzdem.